An ihren Tränen sollt ihr sie erkennen

Hans-Christoph Zimmermann über Chaos und Heuchelei in der Kölner Kulturpolitik

Philipp Kaiser, der Direktor des Museum Ludwig, setzt sich demnächst auf Nimmerwiedersehen in den Flieger nach LA - der Familie wegen. Kurz vor dem Abflug stellte er sich noch einmal der unangenehmen Aufgabe, vor der Politik ein Defizit einräumen zu müssen. Um 700.000 Euro hat das Museum seinen Etat überschritten. Macht nichts, das tränenreiche Wehklagen der Politik wollte kein Ende nehmen angesichts von Kaisers Abschied. Nur die Grünen karteten angesichts dieses lächerlichen Sümmchens ein bisschen nach. Aber: Reisende soll man nicht aufhalten, schon gar nicht, wenn die Dagebliebenen es ausbaden können. Petra Hesse vom Museum für Angewandte Kunst hatte auch ein Defizit zu verantworten, viel kleiner natürlich, dafür aber bekam sie die Prügel für ihren Kollegen gleich mit ab. Die Grünen stellten angesichts dürftiger Besucherzahlen sogar grundsätzlich ihre Befähigung in Frage. Ein skandalöser Vorgang, durch den sich Hesse zu Recht persönlich angegriffen fühlte. Später entschuldigte man sich hellgrün-lau. Die Gleichungen, die im vorweihnachtlichen Kulturausschuss angestellt wurden, waren abenteuerlich und viel sagend. Museum mag Museum sein, Frau ist aber nicht gleich Mann.

 

Wer jetzt die Stadt verlassen kann, der hat es gut. Denn nach der Kommunalwahl im Mai kommt es zur Nacht der langen Sparmesser. Aber erst dann, man will sich das Wahlergebnis nicht versauen lassen. Also wurden vor Weihnachten auch ein paar Geschenke verteilt. So bekommen die Bühnen der Stadt Köln einen einmaligen Zuschuss von 1,5 Millionen Euro für die Eröffnung der beiden sanierten Spielstätten am Offenbachplatz. Ein Trostpflästerchen dafür, dass man dauerhaft unterfinanziert ist. Also erst einmal die Eröffnungsspielzeit hochjazzen, dann ab in die Sparfalle. Opernintendantin Birgit Meyer muss ja fünf Millio­nen Euro einsparen, was niemals gelingen wird. Bis zur Abfassung dieses Textes war auch der Vertrag mit dem neuen Wunsch-Generalmusikdirektor Francois-Xavier Roth noch nicht unter Dach und Fach. Wie soll man eine Eröffnung im nächsten Jahr stemmen, wenn nicht einmal der musikalische Leiter des Hauses feststeht, Opernhäuser (und renommierte Dirigenten) aber drei bis vier Jahre vorausplanen? Auch die Krokodilstränen angesichts der Nichtverlängerung von Dramaturgin und Tanzkuratorin Hanna Koller kündeten von Unkenntnis und Heuchelei. Koller wäre nach 14 Jahren Tätigkeit an den Kölner Bühnen unkündbar gewesen — was die Bühnen zurecht vermeiden wollten. Denn niemand weiß, ob es überhaupt noch Tanzgastspiele geben wird. Und wenn jemals wieder eine Tanzsparte eingerichtet würde und die neue choreografische Leitung mit Koller keine Arbeitsbasis fände — dann wäre eine Stelle im Tanzetat blockiert. Das kostet Geld, das man nicht hat. Erst spart die Politik den Tanz kaputt (und macht Tänzer arbeitslos), dann entdeckt sie ihr soziales Herz und weint bitterlich: An ihren Tränen sollt ihr sie erkennen.