»Frau Kanaan muss sein!«
Rund 400 Menschen haben sich am 21. Mai vor dem Kölner Rathaus versammelt. Schüler, Lehrer, Eltern, alle sind gekommen, um gemeinsam für den Erhalt der Schulsozialarbeit an Kölner Schulen zu kämpfen. Auch die Gemeinschaftsschule Buchheim ist mit dabei. Im Unterricht haben die Kinder Transparente und Schilder gemalt. Auf der Kundgebung wagen sich drei Schülerinnen vor und halten spontan eine Rede: »Die Gelder sind zwar klein, aber Frau Kanaan muss sein!«
Alle sind beeindruckt, vor allem die Schulsozialarbeiterin selbst, die mit so viel Unterstützung gar nicht gerechnet hatte. Seit zwei Jahren arbeitet Vera Kanaan an der Gemeinschaftsschule im Bezirk Mülheim — jetzt läuft ihre Stelle aus. »Im Vorfeld der Demonstration haben viele Eltern bei mir angerufen und gefragt, ob es wahr ist, dass ich gehen muss«, so Kanaan. Unterstützung kam auch aus dem Kollegium: »Eine Lehrerin hat eigeninitiativ Unterschriften gesammelt, die später dem Bürgermeister überreicht wurden.« Als den Lehrern klar wurde, dass es vielleicht nicht weitergeht, kam von vielen die Rückmeldung: »Das geht nicht, wir brauchen dich.«
So wie Vera Kanaan geht es in Köln noch mehr als 100 weiteren Schulsozialarbeitern. Nur noch bis Ende des Jahres ist die Finanzierung ihrer Stellen, die aus Bundesmitteln bestritten wird, gesichert. Am 9. Februar 2010 hatte das Bundesverfassungsgericht geurteilt, dass das deutsche Sozialgesetz für Kinder und Jugendliche aus armen Familien nicht genügend finanzielle Unterstützung biete, um »ein Mindestmaß an Teilhabe am gesellschaftlichen, kulturellen und politischen Leben zu ermöglichen.« Ein erheblicher Bedarf wurde vor allem bei schulpflichtigen Kindern gesehen. Berlin beschloss daraufhin das Bildungs- und Teilhabepaket, zu dem auch eine breite Förderung der Schulsozialarbeit gehört — allerdings zunächst nur bis 2013. Von dem Geld, das die Kommunen bekommen haben, blieb in manchen Städten noch etwas übrig und die Finanzierung der Stellen konnte bis Ende des Jahres 2014 gesichert werden, so auch in Köln. Wie es danach mit der sozialen Betreuung an Schulen weitergeht, scheint unklar.
Während sich Bund, Länder und Kommunen um die Verantwortung für die Finanzierung streiten, sind in NRW 1300 Schulsozialarbeiter vom Verlust ihrer Stellen bedroht. Allein in Köln trifft es 91 Schulen — über zwei Drittel der Schulsozialarbeiter werden hier über das Bildungs- und Teilhabepaket finanziert. »Eine Katastrophe«, sagt Agnes Klein, die Schuldezernentin der Stadt Köln. »Mein Ziel ist es, die Stellen dauerhaft in den Schulen zur Verfügung zu stellen«, so Klein, »wir werden eine Lösung finden müssen, die eine unbefristete Beschäftigung realisiert.« Bis zu den Herbstferien will sie eine Lösung erreicht haben.
Agnes Klein sieht die Bundesregierung in der Pflicht, die Finanzierung der Schulsozialarbeit zu sichern. Sollte weder sie noch dasLand die nötigen Mittel bereitstellen, müsste die Stadt Köln die zusätzlichen Kosten im Alleingang schultern. Dabei geht es um 5,7 Millionen Euro jährlich. Noch will keine der Streitparteien öffentliche Zugeständnisse machen — das wäre ungeschickt, mitten in den Verhandlungen.
Dabei ist die Schulsozialarbeit eine Erfolgsgeschichte. Erst durch die Arbeit der Schulsozialarbeiter wurde deutlich, welche Probleme bei den Schülern und in deren Familien existieren. Dies reicht von Erziehungsproblemen der Eltern über Mobbing, dem die Kinder ausgesetzt sind, bis zu Problemen beim Berufseinstieg. Schüler und Familien hätten an dem Ende der Schulsozialarbeit schwer zu knapsen. »Der Beziehungsabbruch ist das schlimmste«, sagt Peter Lange, Fachberater für Schulsozialarbeit der Stadt Köln. Dort wo eine Beratung angelaufen ist und stabile Beziehungen aufgebaut worden sind, wären die Familien und Kinder wieder auf sich gestellt. »Gerade für Kinder, die häufig Beziehungsabbrüche erlebt haben, ist das ein herber Schlag«, so Lange. Mit den neuen Stellen für Schulsozialarbeiter habe es damals einen immensen Qualitätssprung gegeben. »Wenn der Status Quo gehalten wird, dann ist das im Moment schon ein Riesenschritt«, betont Lange. Perspektivisch bräuchte aber jede Schule mindestens einen Schulsozialarbeiter, und davon sei man noch ein ganzes Stück entfernt.
Die Zeit läuft. Auch Vera Kanaan muss weiter um ihre Arbeitsstelle bangen: »Kann man das, was man über die letzten zwei Jahre an der Schule aufgebaut hat, auch wirklich weiterführen?« Gerade die Unklarheit sei eine große Belastung. »Die Schüler fragen schon: ’Dürfen Sie bleiben? Hat das geholfen, dass wir mit zur Demo gegangen sind?’ Viele hatten ja befürchtet, ich sei schon nach den Sommerferien einfach nicht mehr da.«