Hätte, hätte, Fahrradkette
Frauen auf Rennrädern in leicht gebeugter Körperhaltung, Männer auf Hollandrädern mit Kindersitz hintendrauf, Kinder zu zweit nebeneinander - fährt man an einem Sommertag morgens die Venloer Straße zwischen Gürtel und Innerer Kanalstraße entlang, sind Radfahrer in sichtbarer Zahl vertreten. »Hier bilden sich größere Gruppen von Fahrradfahrern von ganz alleine. Das wollen wir nutzen, und die Venloer Straße quasi besetzen«, sagt Jan Walter.
Walter ist überzeugter Fahrradfahrer - und regelmäßiger Teilnehmer der »Critical Mass« in Köln. Die einmal pro Monat stattfindende Fahrrad-Demo ist Vorbild und Inspiration für eine Idee, der Walter den Arbeitstitel »Radlinie« gegeben hat. Wie bei der »Critical Mass« will auch er einen Passus der Straßenverkehrsordnung nutzen, laut der eine Gruppe von Radfahrern mit mehr als 16 Teilnehmern einen sogenannten Verband bildet. Damit darf sie nebeneinander her fahren und eine komplette Spur besetzen.
Der Unterschied: Während die »Critical Mass« als monatliches Event am Freitagnachmittag funktioniert, will Walter, dass die »Radlinie« zu einem alltäglichen Ereignis wird. »Wir wollen diese Regelung dort ausnutzen, wo sowieso schon viele Fahrradfahrer unterwegs sind«, sagt er. Als erste potenzielle Strecke hat er die Verbindung zwischen Ehrenfeld und der Universität via Venloer Straße und Innerer Kanalstraße ausgemacht. Startpunkt soll morgens um halb zehn sein.
Die »Radlinie« spitzt die Forderung nach einer anderen, gerechteren Aufteilung des öffentliche Verkehrsraums, einer Umverteilung auf der Straße, zu. »Wir möchten einen klaren politischen Akzent setzen und uns mehr Raum nehmen, als uns normalerweise zugestanden wird«, so Walter, der beim Deutschen Institut für Urbanistik im Bereich Kommunaler Klimaschutz arbeitet. »Wir wollen zeigen, dass es Menschen gibt, die Platz für nachhaltige Mobilität einfordern.«
Implizit wollen er und seine Mitstreiter damit auch Druck auf die Politik ausüben. »Wenn es eine bessere Infrastruktur für den Radverkehr gibt, werden das auch mehr Menschen nutzen.« Für Walter ist der Umstieg aufs Rad eine alternativlose Entwicklung. »Bis 2050 will die Bundesrepublik 80 Prozent des CO2-Verbrauchs einsparen. Das funktioniert nicht, wenn wir so weitermachen.«
Ob die »Radlinie« in Zukunft ein Beitrag zum Klimaschutz sein kann? »Wir probieren das mal. Mein Fernziel wäre, dass unsere Idee auf dieser Strecke so bekannt wird, dass sie von selbst funktioniert und Leute sich wie selbstverständlich treffen.« Womöglich könnte das dann auch der Startschuss für andere Linien sein. »Wenn sich daraus eine Dynamik entwickelt und von alleine neue Radlinien entstehen, wäre das ein riesiger Erfolg.«