Sense statt Rasenmäher, Fragen aus dem Off und ein vergebener Wunschkandidat

watchdog – die Medienkolumne

Die Vernichtung von Archiven hat in Köln ja bereits eine gewisse Tradition, die nun auch der WDR fortführen wird. Im Zuge der Maßnahmen gegen das Verschwinden des Kölner Senders in einem Milliardenloch wird das Printarchiv, das Zeitungsausschnitte, Magazine und Bücher verwaltet, seinen Bestand auf ein Fünftel ausdünnen und in kleinere Räume umziehen. Neuanschaffungen dürfen nicht mehr getätigt werden, sodass das Archiv als kollektives Gedächtnis einer verordneten Teilamnesie anheimfallen dürfte. WDR-Intendant Tom Buhrow möchte bei seinen Sparmaßnahmen aber nicht einfach mit dem Aufsitzmäher über den Appellhofplatz fahren: Buhrow verschont den Bereich Information, während in der Unterhaltung die Sense ausgepackt wird. Ein Teil der frei werdenden Gelder soll »innovativen Unterhaltungsformaten« zugute kommen — neuen Projekten mit Olli Dittrich beispielsweise und der neuen Ensemble-Comedy des WDR. »Intelligentes Sparen mit klaren Prioritäten«, umschreibt die Hausmitteilung dieses Vorgehen, das auch den Hörfunk betrifft. Weniger Veranstaltungen und Neuproduktionen, mehr Wiederholungen und Übernahmen von anderen Sendern sind diese intelligenten Prioritäten. Die WDR-Pensionäre können also aufatmen: Ihre üppigen Apanagen — ein gewichtiger Grund für den enormen Kostendruck beim Sender — bleiben fürderhin unangetastet.

 

Nie wieder die verschwörerisch flüsternde Stimme von Alexander Kluge hören, wenn er bei seinen klandestinen Interviews aus dem Off heraus seinen Gesprächspartnern permanent ins Wort fällt? Nicht auszudenken! Deshalb ist es ein Segen für das Privatfernsehen, dass Kluges Produktionsfirma dctp von der niedersächsischen Landesmedienanstalt grünes Licht bekommen hat, weiterhin als so­ge­nannter Drittanbieter Programme wie »Stern TV«, »Spiegel TV« oder eben »10 vor 11« im RTL-Programm platzieren zu dürfen. Der Kölner Sender hatte kurzfristig alle drei Formate aus dem Programm genommen, weil »Focus TV« vor Gericht Anspruch auf einen eigenen Sendeplatz erkämpfen wollte. Doch nun bleibt Alexander Kluge der mächtige Unsichtbare mit Fistelstimme im Hintergrund und »Focus TV« bleibt ein Programm ohne Sender.


Es ist Zeit für das Verlagshaus M. DuMont Schauberg, den Slogan für sein »aktuell-freches Sprachrohr der Region« (O-Ton DuMont) zu erweitern in »Schnell, schneller, vorschnell — Express!« Beim Bemühen, exklusive Exklusiv­nachrichten als Erster rauszuhau­en, waren die Kölner Boulevard-Kollegen so flott unterwegs, dass sie das Wasser nicht mehr halten konnten. Denn eigentlich soll Anna, die »Bachelorette« im gleichnamigen RTL-Abzählreim, doch erst am 27. August ihr Herz an einen von 20 handverlesenen Balz-Trotteln verschenken. Nun wollte der Express bereits Wochen vorher wissen, wen Annas Wahl trifft und tat gleich noch mehr kund: In Wirklichkeit, also noch wirklicher als im Fernsehen, habe der Auserwählte schon längst eine andere! Mit-Boulevardist RTL erwägt daraufhin nun, die Zusammenarbeit mit dem Express einzuschränken.

 

Die Welt ist derzeit wahrlich nicht arm an schlimmen Nachrichten. Aber das schlimmste Szenario kündigt sich für diesen Herbst an: Zum 1. September, quasi mit Bundesliga-Start, erhöht der Bezahlsender Sky die Abo-Preise für Fußballkneipen — bereits zum zweiten Mal in einem Jahr! Große Gastronomien wie das »Gaffel am Dom« sollen statt 960 Euro nun 1.420 Euro pro Monat überweisen, kleinere Kneipen wie das »Lapidarium« am Eigelstein zahlen ungefähr die Hälfte, haben aber ebenfalls eine deutliche Preiserhöhung zu verkraften. Oder eben nicht: Der Betreiber des »Lapidarium«, der zuletzt mit einem Mindestverzehr bei Fußballübertragungen die Preissteigerungen zu kompensieren versuchte, hat sein Sky-Abo gekündigt. Das hatte bei einer Abo-Preiserhöhung in der Vergangenheit schon das »Hemmer« in Ehrenfeld getan. Mit dem Erfolg, dass Sky der Gaststätte wieder die alten Konditionen gewährte. Vielleicht führen ja auch diesmal besonnene Verhandlungen zum Erfolg, das wäre eine drohende Katastrophe weniger.