Vorwärts trotz Leerlauf
»Think big« — was für Motivationsredner gut ist, kann für die Stadtverwaltung nicht schlecht sein. »Mobilität neu denken« forderte Oberbürgermeister Jürgen Roters (SPD) im März vergangenen Jahres und kündigte den Einsatz einer Expertengruppe an. Diese sollte ein Mobilitätskonzept dafür erarbeiten, wie sich die Kölner im Jahr 2025 durch ihre Stadt bewegen . Experten von Bahn und VRS, der Logistikbranche, aber auch der Verkehrsclub Deutschland (VCD) sowie der Radfahrerverband ADFC trafen sich zu kurzen »Inputs«, aus denen die Stadtverwaltung eine Broschüre erstellte, die nun vorliegt.
»Köln Mobil 2025« heißt sie und auf den 28 großzügig bedruckten Seiten finden sich neben Tortendiagrammen und Fotos mit strahlend blauem Himmel über dem Kölner Hauptbahnhof auch ein paar grundsätzliche Aussagen über die Verkehrsentwicklung in den nächsten elf Jahren: Der Autoverkehr wird nur noch ein Drittel des Verkehrsaufkommens ausmachen, der Rest verteilt sich auf ÖPNV, Fahrrad- und Fußverkehr. Das zeigt sich in den Leitzielen des Konzepts: Die »Aufenthaltsqualität für Fußgänger« genießt eine »hohe Priorität«, der ÖPNV soll mit »höherer Priorität« ausgebaut werden und durch die Förderung des Radverkehrs sollen »dessen große Potenziale für die innerstädtische Mobilität« erschlossen werden.
Lediglich »neu gedacht« wird im Mobilitätskonzept nicht so viel. »Die Leitziele, die da formuliert werden, kann man unterschreiben«, meint Ralph Herbertz vom VCD. Das Papier sei lediglich ein Update auf den planerischen Mainstream. Auch Joachim Schalke vom ADFC begreift das Konzept als »Chance«, fragt sich jedoch: »Wie wird das eingelöst werden?«
Das Konzept lässt diese Frage weitgehend offen, was auch an seinem Stellenwert innerhalb der Verwaltung liegt. Als »inhaltlichen Aufschlag« beschreibt es Stadtplanungsdezernent Franz-Josef Höing. Das Papier sei noch weit davon entfernt, ein Konzept zu sein. Es sei ein »möglichst breiter Konsens in der Stadtgesellschaft nötig«, um die Leitziele zu verankern, heißt es im Papier selbst.
Nichtsdestoweniger zeigt sich im Papier eine Asymmetrie. Während der Investitionsbedarf bei Brücken und Autoverkehr mit Zahlen unterfüttert wird, bleibt das Papier ausgerechnet bei den Investitionen in das Verkehrsmittel vage, das den größten Zuwachs erlebt: dem Fahrrad. 2013 lag der Anteil des Radverkehrs bei zwölf Prozent, die Stadt geht von einer Zunahme von drei bis fünf Prozent jährlich aus. »Der Radverkehr wächst trotz des Nichtstuns der Verwaltung«, sagt Ralph Herbertz. »Was würde aber passieren, wenn man die Priorität auf den Aufbau eines hochwertigen Radnetzes legen würde?«
Die Stadt Köln hält dagegen. Man habe bei mehr als 100 Straßensanierungen neue Radwege ausgewiesen, 1.500 neue Radabstellplätze geschaffen sowie die Öffnung weiterer Einbahnstraßen überprüft. Gleichzeitig verkündet die Stadt eine »systematische Überprüfung der Radverkehrsbenutzungspflicht«, der allerdings ein Gerichtsurteil vorausging. Nur eine strukturierte Planung ist dabei kaum erkennbar. Das Radverkehrskonzept für Lindenthal befindet sich erst am Anfang der Umsetzung, das Radverkehrskonzept Innenstadt wird vermutlich erst im Frühjahr 2015 verabschiedet werden. Bis dahin wurschtelt man sich weiter durch. »In der Verkehrswirklichkeit gibt es kein erkennbares, funktionierendes Radwegenetz«, sagt Joachim Schalke.
Obwohl sich die Stadt Köln als »klimafreundliche Stadt« beschreibt, vermisst Schalke im Moblitätskonzept das Bemühen, einen »post-fossilen« Verkehr zu denken. So habe die Stadt ihrem Logistikkonzept das Lastenrad vernachlässigt. »Etwa fünfzig Prozent des Logistikverkehrs könnte über Lastenräder abgewickelt werden«, meint Schalke und verweist auf München, wo ein städtisches Förderkonzept erarbeitet würde.
Auch Ralph Herbertz vom VCD will, dass die Stadt den Radverkehr auch am Stadtrand stärker in den Blick nimmt, wo das Pedelec oder E-Bike eine wichtige Rolle spielen. »Die Stadt könnte mehr Initiativen anbieten, stärker beraten oder bei Baugenehmigungen genauer kontrollieren, ob denn auch Parkraum für Fahrräder geschaffen wird.«
Entscheidend bleibt jedoch, wie die »neu gedachte« Mobilität vom Kopf auf die Räder gestellt wird. »An planerischen Maßnahmen werden in der Politik immer wieder Grundsatzdiskussionen geführt«, erläutert Ralph Herbertz. Die Frage sei aber, wie man Elemente fahrradfreundlicher Stadtplanung, wie etwa an der Severinstraße, auch auf andere Viertel übertragen könne, »ohne immer gleich einen kompletten Umbau zu machen«. Und Joachim Schalke ergänzt: »Vielleicht muss man sich davon freimachen, dass in Köln immer alles so kompliziert ist. Man braucht eine Haltung, einen Plan und dann noch ein bißchen Farbe.«