Mehr wagen
Weg von der großstädtischen Anonymität, hin zu mehr Gemeinsinn und Nachbarschaft — unter Architekten und Planern wird derzeit viel nachgedacht über Neues Wohnen. Dabei wird eigentlich nur eine alte Idee wiederentdeckt: weniger privater, mehr gemeinschaftlicher Raum. Anfang Oktober wirbt nun eine Demonstration für eine Wohnform, die genau das bietet und doch ganz anders ist, weil sie sich jeglichen planerischen Überlegungen zu entziehen scheint: das Leben auf dem Bauwagenplatz.
In den 80er Jahren besetzten auch in Köln Menschen freistehende Gelände und gründeten Wagenburgen. Die Polizei räumte viele der illegalen Siedlungen. Zu den größeren Bauwagenplätzen, die es heute noch gibt, zählen die »Osterinsel« in Braunsfeld und »Wem gehört die Welt« an der Krefelder Straße, Ecke Innere Kanalstraße. Dort feierte man vor kurzem 25-jähriges Jubiläum, »Living the Dream« steht auf der Umzäunung der Siedlung.
Ihren Traum sehen alle verwirklicht, die am 4. Oktober aus ganz Deutschland zusammenkommen wollen, um auf ihre Wohn- und Lebensform aufmerksam zu machen. Der Treck zieht vom Ebertplatz zunächst zum Neumarkt, wo es ab 16 Uhr eine Kundgebung mit Kulturprogramm geben wird. Dann geht es weiter zum ehemaligen Barmer Block in Deutz, jener Mietshäuser-Siedlung, die für die Erweiterung der Köln-Messe abgerissen wurde — und seitdem brachliegt.
Die Stadt solle mehr Flächen für Bauwagensiedlungen bereitstellen, fordern die Initiatoren der Demo. Auch Zwischennutzungen könnten eine Möglichkeit sein. »Allerdings nicht auf verseuchten Brachen«, sagt eine Initiatorin. »Und der Zeitraum darf auch nicht zu kurz sein, drei Jahre sollten es schon sein.« Für andere kommt das grundsätzlich nicht in Frage: »Wir sehen uns als Besetzer, wir schließen keine Verträge mit dem System«, sagt einer, der in der kleinen Siedlung »Schöner Wohnen« unter der Zoobrücke lebt. Die kleine Siedlung wird in der Szene als »Punker-Platz« gehandelt, und so sieht sie auch aus. Andere Plätze hingegen bieten einen Komfort, der weit über das hinausgeht, was andere im Urlaub auf Campingplätzen erwarten.
So unterschiedlich wie die Bauwagenplätze sind auch die Vorstellungen ihrer Bewohner. Was aber alle eint, ist der Wunsch nach Gemeinschaft bei gleichzeitiger Bewahrung der Individualität. In einer Mietwohnung zu leben, das kann sich kaum noch einer vorstellen. »Hier ist man näher an der Natur, am Wetter, an der Erde«, sagt einer. »Das Leben ist direkter.«
Das können sich am 4. Oktober nun auch Mieter einmal genauer erläutern lassen. Beim Zwischenstopp der Demonstration am Rudolfplatz stehen die Wagenbewohner für Gespräche zur Verfügung, auch um Vorurteile auszuräumen. »Die Leute denken immer, wir wohnten aus der Not heraus so«, sagt eine junge Frau. »Es ist aber eine bewusste Entscheidung, anders zu leben.«