Zartes, Zähes und Zerknautschtes

Das Kölner Künstler Theater zeigt internationale Größen des Figurentheaters

Es ist nicht bekannt, wann der erste Mensch auf die Idee kam, einem anderen mit Hilfe einer Puppe etwas vorzumachen. Archäologische Funde lassen aber vermuten, dass das Spiel mit Figuren nicht wesentlich jünger als die Menschheit selbst ist. Aus den ursprünglich hauptsächlich zu religiösen und zeremoniellen Feiern verwendeten Puppen wurde im Laufe der Jahrtausende nicht nur Kasper, Pinocchio und Urmel — sondern vieles mehr.

 


Ob Stockpuppen, als Verkehrskasper im Grundschulunterricht oder als sprechendes Brötchen am Frühstückstisch: Unter dem Oberbegriff »Figurentheater« werden all jene Formen der Darstellenden Künste gefasst, bei denen Spieler mit Figuren auf einer entsprechenden Bühne vor Zuschauern agieren. Innerhalb der Szene dient der Begriff dazu, das künstlerische Puppen- und Objekttheater vom klassischen Puppentheater für Kinder wie der Augsburger Puppenkiste abzugrenzen.

 


Die Figurentheaterszene in Deutschland ist ebenso heterogen wie über die Republik verteilt. Als Zentren liegen etwa Bochum, Berlin, Stuttgart oder Dresden vorne — Städte, die sich durch entsprechende Ausbildungsangebote einen Namen gemacht haben oder mit Festivals, etwa dem »Fidena — Figurentheater der Nationen« in Bochum, wo man jährlich ein breites Spektrum exquisiter Arbeiten erleben kann.

 


In Köln ist einzig das Hänneschen-Theater über die Grenzen der Stadt hinaus bekannt. Seit mehr als zweihundert Jahren wird das Haus von Stockpuppen, allen voran Tünnes und Schäl bevölkert, die von Puppenspielern »hinger dr Britz«, also hinter der Balustrade, geführt werden. Die städtischen Puppenspiele sind bundesweit einzigartig, weil sie mehr als die Hälfte des Etats selbst erwirtschaften. Neben diesem städtischen Flaggschiff war am Schauspiel unter Karin Beier häufig Suse Wächter zu Gast, erinnert sei an ihr fast schon legendäres Panoptikum historischer Persönlichkeiten in »Helden des 20. Jahrhunderts« und das Hysterienspiel »Aggripina — die Kaiserin aus Köln«. Jetzt ist es Puppenspieler Moritz Sostmann, der dort die Fäden zieht. Auch private Puppen-, Figuren-, Objekttheater-Bühnen existieren, doch bislang hat das Figurentheater in Köln kaum von sich reden gemacht. Die Stars dieser kleinen, aber hochproduktiven Szene kommen auf ihren Gastspielreisen selten hierher.

 


Daran wollen Ruth und Georg zum Kley vom Kölner Künstler Theater, mit dem sie im vergangenen Jahr ihr neues Haus am Melatengürtel bezogen haben, etwas ändern. Das Ziel des mit Konzeptionsförderung unterstützten Privattheaters: eine erste Adresse für Figurentheater zu werden. An Kontakten mangelt es den Theatermachern nicht, was nicht zuletzt daran liegt, dass sie seit vielen Jahren ihre eigenen Produktionen auf Gastspielreisen schicken.

 


Im letzten Jahr ist es Ruth und Georg zum Kley gelungen, mit Neville Tranter eine der internationalen Größen des Figurentheaters nach Köln zu holen. Der Australier mit seinem »Stuffed Puppet Theatre«, der bereits vor mehr als zehn Jahren in Deutschland mit »Schickl­gruber alias Adolf Hitler« Furore machte, kam gleich mit zwei aktuellen Produktionen und einem Workshop im Gepäck an den Melatengürtel. Sein nächster Besuch, Mitte 2015, ist schon vereinbart. Auch der niederländische Tänzer Duda Paiva mit seinen lebensgroßen Schaumstoff-Gestalten wird kommen. Doch auch schon in diesem Jahr stehen internationale Gastspiele auf dem Plan, die neugierig machen. »Go!« ist ein Solo­stück über die Jugenderinnerungen einer alten Frau, produziert und gespielt von der jungen russisch-französischen Figurenspielerin Polina Borisova, die ganz ohne Worte und nur mit Hilfe einer Halbmaske in die Rolle der Alten schlüpft. Lediglich mit ein paar Alltagsgegenständen und Streifen weißen Klebebands begibt sie sich auf eine einsame Reise durch die Erinnerungen.

 

Ebenfalls zu Gast im Kölner Künstler Theater ist die deutsch-persische KHM-Absolventin Parisa Karimi, deren crowdfinanziertes Projekt »Safar« bereits letztes Jahr im Programm des Sommerblutfestivals zu sehen war. Die Kölner Künstlerin bedient sich für ihre »Kofferkinolandschaft«, wie sie ihren Erzählstil nennt, verschiedenster Sparten: Zeichentrick, Video, Figurentheater und Tanz. Safar ist persisch und bedeutet Reise. Und die führt, wie auch bei Polina Borisova — nur mit ganz anderen Mitteln — den Zuschauer an die eigenen Lebenserinnerungen heran.

 


Das Theater hofft, dass sich ihr Angebot an spartenübergreifendem Figurentheater auch innerhalb Kölns herumspricht. Zu den Gastspielen von Neville Tranter im vergangenen Jahr waren auffällig viele Theatertouristen von außerhalb angereist. Das sollte sich ändern, denn es gibt eben mehr als Tünnes und Schäl.