Hooligans fürs Abendland
Montag, 5. Januar 2015
Antifa heißt frieren. Bei Temperaturen um den Nullpunkt stehen sich am 5. Januar 400 Kögida-Anhänger auf dem Ottoplatz vor dem Deutzer Bahnhof und rund 10.000 Gegendemonstranten in Deutz und der abgedunkelten Altstadt gegenüber. Der Dom hat seine Beleuchtung abgeschaltet und unterstützte so die Proteste gegen Kögida, den Kölner Ableger von Pegida. Dompropst Norbert Feldhoff erhält dafür Beschimpfungen und Morddrohungen, aber die Resonanz ist international: Der Guardian und CNN berichteten über das verdunkelte Wahrzeichen. Ziemlich viel Aufhebens für 400 Islamhasser.
Auf dem Ottoplatz entfaltet sich an diesem Abend ein absurdes Schauspiel. Ein paar selbstgemachte Schilder liegen aus. »Einwanderungsteuer [sic] ohne Wenn und Aber« steht auf einem, »Kartoffeln statt Döner« auf einem anderen. Irgendwann fährt ein weißer Transporter mit polnischem Kennzeichen vor, mit dem ein paar Deutschlandfahnen angeliefert werden — so patriotisch sind die Kölner gegen die Islamisierung des Abendlandes, darunter Pro-Köln-Ratsherr Markus Wiener, dann doch nicht. Zwischen den Demonstranten stehen gut drei Dutzend Journalisten, viele von ihnen neugierig, was es mit diesem westdeutschen Ableger der Pegida, die am selben Abend 18.000 Menschen in Dresden auf die Straße bringt, auf sich hat. Deshalb führen sie Interviews mit wütenden alten Männern und Mitgliedern der »Identitären Bewegung« aus Frankreich.
Dabei hätte ein Blick auf die einschlägigen Antifa-Websites genügt: Kögida wird hauptsächlich von Rechtsradikalen organisiert, die immer wieder in unterschiedlichen Zusammenhängen auftauchen. Eine davon ist Melanie Dittmer aus Bonn. Früher war sie bei den »Jungen Nationaldemokraten« aktiv, mittlerweile ist sie im Vorstand von Pro NRW. Für die Dezember-Ausgabe von Jürgen Elsässers Magazin Compact verfasste sie einen enthusiastischen »Ich war dabei«-Bericht von der Hogesa-Demo in Köln. Kurz vor Weihnachten gab sie »Spiegel TV« ein Interview, in dem sie den Holocaust relativierte. Dittmer ist die polarisierende Figur bei Kögida. Wie jeder Islamkritiker findet sie immer die passende Sure für ihre Ressentiments. Später beschreibt sie einen angeblichen Anwerbungsversuch des Verfassungsschutzes hinter dem Lautsprecherwagen. »Sie sind jetzt interessant für uns«, soll der Agent gesagt haben. Gelächter bei den anwesenden Journalisten.
Dittmers Mitstreiter ist Sebastian Nobile aus Köln, wo er vor allem durch eine Demo der »German Defence League« bekannt geworden ist. 35 Menschen konnte er dafür im August 2012 mobilisieren. Auch Nobile ist ein Bewegungshopper: Nach der »German Defence League« war er bei der »Identitären Bewegung«, jetzt sucht er den Kontakt zu Pegida in Dresden. Und wie Dittmer präsentiert er sein Halbwissen bereitwillig. »Sie sagen, ich sei ein Nazi«, ruft er durchs Mikrofon. »Aber ich bin Italiener, wie soll denn das gehen?« Die Demo-Teilnehmer rufen »Lügenpresse, halt die Fresse« und alle sind glücklich.
Irgendwann werden die 19 Forderungen von Pegida verlesen. Zu jeder gibt es verhaltenen Applaus. Nur bei Forderung Nr. 9 — »Pegida ist für eine Null-Toleranz-Politik gegenüber straffällig gewordenen Asylbewerbern und Migranten!« — wird der Applaus lauter. Danach ist das Programm beendet und der Demozug soll losziehen. Sebastian Nobile tritt ans Mikrofon und hat eine schlechte Nachricht: In Absprache mit der Polizei habe man sich entschlossen, den Demonstrationszug nicht stattfinden zu lassen. »Unerhört«, schreit ein älterer Mann hinter mir. »Wir wollen marschieren!«, skandieren ein paar Nachwuchs-Nazis. Es bleibt erfolglos: Über der Demo-Route befindet sich eine Fußgängerbrücke, die mit Gegendemonstranten besetzt ist. Weil die Brücke jedoch nicht Teil der offiziellen Demo-Route ist, kann sie nicht einfach so geräumt werden. Damit ist die Luft raus: Gegen viertel vor acht löst Sebastian Nobile die Versammlung auf.
Auf dem sich leerenden Ottoplatz läuft »Wir sind das Volk«, ein Elektro-Pop-Stück von Kai Niermann, das regelmäßig von Rechtsradikalen auf Veranstaltungen gespielt wird. Sein Text illustriert den nationalen Opfermythos perfekt: »Wer wird jahrelang von Euch betrogen / Nach Strich und Faden ausgezogen / Wer soll dann auch noch wählen gehen / Und darf dann in die Röhre sehen?« Bei der Kundgebung von »Köln stellt sich quer« vor dem LVR-Turm wird »In unserem Veedel« angestimmt, bevor die Gegendemonstranten in Richtung Altstadt ziehen.
Mittwoch, 7. Januar 2015
In Paris ermorden islamistische Attentäter zwölf Menschen. Das Team von Spiegel Online verleiht seiner Trauer bei Facebook Ausdruck und wird im ersten Kommentar von Sebastian Nobile als »Steigbügelhalter des Islam« beschimpft. Im Laufe des Tages zerstreiten er und Melanie Dittmer sich. Nobile möchte Pegida zu einer populistischeren Bewegung machen, in der die Verbindungen zur organisierten Nazi-Szene in den Hintergrund treten. Den Streit gewinnt Dittmer. Sie meldet im Schnellverfahren Demonstrationen in Düsseldorf und einen Tag später auch einen »Trauermarsch« in Köln an. Nobile hat das Nachsehen. Am 12. Januar führt Dittmer eine Dügida-Demo in Düsseldorf durch, an der auch Dortmunder Mitglieder von »Die Rechte«, der Partei von Hooligan-Führer Siegfried »SS-Siggi« Borchardt, teilnehmen.
Mittwoch, 14. Januar 2015
Die »Lügenpresse«-Schreier von Kögida rufen zum Trauermarsch für die getöteten Journalisten von Charlie Hebdo. Aber die Resonanz bleibt aus, nur knapp 150 Menschen versammeln sich vor dem Kölner Hauptbahnhof. 6500 Gegendemonstranten sind es heute, etwa 1000 begleiten die Kögida-Versammlung mit einem Pfeifkonzert von der Domplatte, das an den Häuserwänden auf dem fast menschenleeren Bahnhofsvorplatz widerhallt. Kögida hält mit Elektro-Pop dagegen.
Nach dem Bruch mit Sebastian Nobile ist klar, dass Pro NRW die Kögida-Demos dominiert. Angemeldet hat ein Leverkusener Mitglied von Pro NRW, neben Dittmer redet Franz-Xaver Fiedler (Pro NRW/Essen). Die Redner kommen aus dem Umfeld von Pro NRW, Markus Wiener (Pro Köln) ist wieder vor Ort, sein Ex-Ratskollege Bernd Schöppe fungiert als Ordner. Auf ihn hören sogar die vierzig Hooligans, die sich mit Hogesa-Kapuzenpullis unter die Demo-Teilnehmer gemischt haben — Melanie Dittmers Hogesa-Lobhudelei hat Wirkung gezeigt. Während sie »Lügenpresse, auf die Fresse!« skandieren, hält der Schriftsteller Navid Kermani am Appellhofplatz eine Rede: »Wir wehren uns gegen diejenigen, die sich als Retter des Abendlandes aufspielen, aber alles verraten, was an diesem Abendland liebens- und lebenswert ist.«
Um das Abendland, um Meinungs- und Pressefreiheit geht es den Kögida-Anhängern nur noch auf dem Papier. Immer wieder rempeln sie die anwesenden Journalisten an, schlagen nach Kameraleuten und Fotografen. Und diesmal dürfen sie marschieren — 500 Meter, vom Bahnhofsvorplatz durchs menschenleere Bankenviertel bis zur IHK und wieder zurück. Immer wieder schreien sie dabei »Linkes Gezeter, neun Milimeter« in Richtung der Gegendemonstranten. Die Polizei hält sich zurück und greift nur sporadisch ein. »Dampf ablassen«, nennt Dittmer das Verhalten der Hooligans später. Als die Kögida-Anhänger in den Bahnhof wollen, treffen sie auf Gegendemonstranten. Die Polizei geht dazwischen, Markus Wiener muss vor dem Bahnhof warten. Dort wird er von ein paar Studenten zur Rede gestellt. »Wir sind eine ganz normale Partei«, sagt er zu ihnen. Die Hooligan-Fußtruppen seiner Gruppierung verschweigt er.
Sonntag, 18. Januar 2015
In der Probsteigasse findet am späten Nachmittag eine Gedenkveranstaltung zum NSU-Bombenattentat auf einen Kiosk im Jahr 2001 statt. 150 Menschen aus linken Gruppen haben sich dort versammelt. Plötzlich tauchen dreißig Hooligans vor dem Gereonskloster auf. Die Polizei schreitet ein, nimmt die Personalien auf und erteilt einen Platzverweis, weil ein Elektroschocker sowie Quartzhandschuhe gefunden wurden. Auch fünf Hogesa-Mitglieder sind dabei. Pro Hooligan macht mobil.