Foto: Manfred Wegener

Dornröschenschlafstörung

Das leerstehende Klarissenkloster in Kalk sollte zu einem Wohnprojekt für Flüchtlinge umgebaut werden. Doch das Erzbistum zögert

 

Das Kloster steht verlassen da, seit vor zwei Jahren die letzten vier Nonnen ausgezogen sind. Wer die Kapellenstraße entlang läuft, sieht nur die neubarocke Backsteinfassade von Klosterkirche und Pfortenhaus. Dahinter verbergen sich der Klausurtrakt, der einen Kreuzganghof umschließt, und ein großzügiger Klostergarten. »Grüß Gott, tritt ein« steht am Gartenhäuschen, neben dem die Schwestern begraben liegen, die hier seit dem Bau des Klosters 1925 gelebt haben. Gegenüber liegen noch die Stallungen, die rot gestrichenen Türen stehen offen. 

 

Eigentlich hätte das Kloster schon lange aus seinem Dornröschenschlaf erwachen sollen. Das Erzbistum wollte hier ein Wohnprojekt für 200 Menschen schaffen. Flüchtlinge, aber auch »normale« Kölner Mieter sollten hier in Vier- bis Fünf-Zimmer-Wohnungen ziehen. Auch Büros für die Caritas, die sich um die Flüchtlinge kümmern wollte, plante das Bistum einzurichten. Es sollte ein Vorbild in Sachen Flüchtlingspolitik werden, auch über Köln hinaus. Das Wohnungsamt war von diesen Plänen angetan, und mit der katholischen Aachener Siedlungs- und Wohnungsbau hatte das Bistum einen erfahrenen Partner zur Seite, der in Berlin-Neukölln bereits ein preisgekröntes Wohnprojekt für Roma geschaffen hat. Bereits 2015 sollten die ersten Flüchtlinge einziehen.

 

Doch nun steht das Projekt auf der Kippe. Die schönen Pläne des Bistums hatten nämlich den Haken, dass die Flüchtlinge zum großen Teil gar nicht ins Kloster, sondern in zwei neu zu bauende Riegel einziehen sollten. Dafür sollte der Klausurtrakt, der den größten Teil des denkmalgeschützten Klosters ausmacht, abgerissen werden. Sowohl Stadtkonservator Thomas Werner als auch das LVR-Amt für Denkmalpflege lehnen einen Abriss kategorisch ab. »Das Klarissenkloster ist die einzige Klosteranlage auf Kölner Boden, die im Gesamtensemble mit Umfriedung und Garten erhalten ist«, sagt Werner. Damit trotzdem Wohnungen für Flüchtlinge ent-stehen können, gesteht die Stadt jedoch einen »der Umgebung angemessenen Neubau im hinteren Teil des Gartens« und einen Umbau des Klausurgebäudes zu. 

 

Die Zugeständnisse für einen Umbau der Klausur gehen dem Bistum aber nicht weit genug. »Den integrativen Gedanken können wir mit den Auflagen der Denkmalpflege nicht umsetzen«, sagt Martin Günnewig, der die Planungsabteilung des Kölner Erzbistums leitet. »Wir haben von vornherein vermutet, dass wir mit einem Umbau der Klausur nicht weit kommen. Deshalb wollten wir ja den Abriss. Alles andere ist nicht wirtschaftlich.« Nun ist sein Widerwille groß, ins Klausurgebäude auch nur einen Euro zu investieren: Es gibt dort keinen Brandschutz, die Fenster sind klein, der Grundriss insgesamt schwierig. »Das Problem bestand ja schon, als das Kloster noch bewohnt war.« Das Bistum begann deshalb vor einigen Jahren damit, das Pfortenhaus zu sanieren, damit die Schwestern dorthin umziehen können — doch bevor es dazu kommen konnte, gaben die Nonnen den Standort komplett auf.

 

Es ist tatsächlich ein spezieller Bau, in dem die Schwestern gelebt haben. Franz Meurer, Pfarrer in Höhenberg-Vingst, führt durch die Räume, die sich im Laufe von neunzig Jahren kaum verändert haben. Die Zellen der Nonnen sind klein, manche messen nur sechs Quadratmeter. In einem Raum steht eine antiquarische Wanne. »Das war für die schon Luxus«, sagt Meurer. Er zeigt den Karzer, eine kahle Kammer ohne Fenster, und ein Zimmer mit Durchreiche, in dem die Nonnen milde Gaben von den Nachbarn entgegennehmen konnten, ohne mit ihnen in Kontakt treten zu müssen. Die Architektur unterstützte damit die Klarissen dabei, ihre Ordensregeln einzuhalten und ein kontemplatives Leben in Armut und Abgeschlossenheit führen zu können. 

 

Wenn die Flüchtlinge hier einziehen, sollen sie aber so viel Kontakt wie nur möglich in die Nachbarschaft haben können. So haben Pfarrer Meurer und der Kölner Caritas-Chef Peter Krücker sich das zumindest vorgestellt, als sie Ende 2013 mit dem Kalker Bezirksbürgermeister Markus Thiele  über die Zukunft des Klosters sprachen: »Es sollte einen offenen Begegnungsraum in der Klausur geben. Wir sprachen auch davon, das Klostergrundstück zum angrenzenden Alten Kalker Friedhof hin zu öffnen und Freizeitmöglichkeiten für Kinder zu schaffen«, sagt der Sozialdemokrat Thiele. Von einem Abriss sei dagegen überhaupt nicht die Rede gewesen.

 

Nicht nur Thiele wundert sich darüber, dass das Bistum für seinen Rückzieher wirtschaftliche Argumente vorbringt. Immerhin setzt sich Kardinal Woelki seit seinem Amtseintritt wortreich für die Belange der Flüchtlinge ein und hat für Flüchtlingshilfe im In- und Ausland insgesamt zwölf Millionen Euro zur Verfügung gestellt. »Wir wollen das Projekt nicht aufgeben«, sagt Markus Günnewig vom Bistum Köln zwar — doch das Klausurgebäude meint er damit nicht. 

 

Zum Schluss zeigt Pfarrer Meurer den Schwestern-Chorraum. Die Nonnen konnten darin abgeschirmt am Gottesdienst teilnehmen, ohne die Klausur verlassen zu müssen. Nur die hellen Flecken an den Wänden erinnern noch an die Bilder, die diesen Raum geschmückt haben, aber das Chorgestühl und die bunten Kirchenfenster sind noch da. »Hier könnte man doch super Events drin veranstalten«, sagt Pfarrer Meurer. Der Stadtkonservator Thomas Werner schlägt zum Beispiel für die Kirche eine Nutzung als Kita vor. Er glaubt weiterhin, dass für das gesamte Ensemble »eine architektonisch qualitätvolle und darüber hinaus wirtschaftliche Lösung möglich ist«. Die Stadt habe das Bistum zu einem gemeinsamen Workshop eingeladen. Bisher wurde die  Einladung nicht angenommen.