Mehr Lügenpresse, mehr Hauptabendprogramm, mehr Ehre für den Vorsitzenden

die medienkolumne

Als Angehöriger der Lügenpresse freut man sich in diesen Tagen über jeden Mitstreiter, der unter dem Druck der montäglichen Schmähungen nicht aufgibt und einen Bootsverleih eröffnet, statt weiterhin Nachrichten zur verbreiten, die bei den vermeintlichen Bewahrern des Abendlandes unter dem Generalverdacht der Unwahrheit stehen. In der ersten Woche des neuen Jahres  — das ist die umständlich eingeleitete eigentliche Nachricht — hat Köln.tv den Betrieb aufgenommen. Hervorgegangen ist der Nachrichtenkanal aus center.tv Köln. »Wir zeigen, was Köln bewegt«, beteuert Stefan Sartorius, Leiter von Köln.tv. Wichtig sei ihm, über den Tellerrand der Stadt hinaus zu informieren, möglichst direkt vor Ort und weniger im Studio. Im Studio aber wird das Gesehene aufgenommen und unter anderem in Studiogesprächen mit Experten eingeordnet. Da geht‘s dann natürlich auch um die Kölner Retter des Abendlandes und der Experte sagt nicht ganz überraschend Sachen wie: »Ängste ernst nehmen.« Damit ist der Sender dann fast schon jenseits der Lügenpresse. Köln.tv kooperiert wird mit dem Newsroom des M. DuMont Schauberg-Verlags, ausgestrahlt wird das Programm über die analogen und digitalen Kabelnetze von Unitymedia und NetCologne, über Telekom Entertain sowie den Internet-TV-Anbieter Zattoo. In Usbekistan und Alaska und allen weiteren der Teilen der Welt mit Anbindung ans frei zugängliche Internet sind die Nachrichten aus der Stadt der kaputten Brücken im Livestream erhältlich. 

 


Macht Köln.tv die ARD obsolet? Noch nicht ganz — zumindest wenn man einen Blick aufs Hauptabendprogramm des laufenden Jahres wirft. Das Erste plant die Ausstrahlungen von 152 neuen Fernsehfilmen, darunter 46 Sonntagskrimis und 33 Fernseh- beziehungsweise Free-TV-Premieren von Kinofilmen. Das Unwort des Jahres wird in den heimischen Wohnstuben vor dem Fernseher sicherlich häufiger fallen, denn nicht alles muss sich mit dem Geschichtsbild aller Zuschauer decken. Eine Dokumentation samt anschließender Gesprächsrunde arbeitet noch einmal den Anschlag auf das Oktoberfest 1980 auf. Und mit einer Neuverfilmung von Bruno Apitz‘ Roman Nackt unter Wölfen thematisiert die ARD den kommunistischen Widerstand im KZ Buchenwald.

 

Ehrenvorsitzender, ein schöner Titel, doch auch ein mindestens zweischneidiger. Mehr Ehre geht nicht, doch dominiert die Ehre den Vorsitz. Ein Ehrenvorsitzender, so wird durch diesen Titel gerne signalisiert, möge sich doch das schnöde Tagesgeschäft nicht länger antun, lieber das Lebenswerk und einen Cognac genießen, Müßiggang pflegen oder den Golfplatz malträtieren. Unvorstellbar, dass Alfred Neven DuMont auf diese Weise zu befrieden ist, doch sein Unternehmen hat den Versuch wahrhaftig unternommen. Der 87-Jährige wird nach einem Vierteljahrhundert als Boss nun Ehrenvorsitzender des MDS-Aufsichtsrats, und unter ihm rücken ordentlich die Stühle. Beim traditionellen Neujahrsempfang der Zeitungsgruppe wurde verkündet, dass des Verlegers Tochter Isabella Neven DuMont aus dem Vorstand in den Aufsichtsrat wechselt, als Stellvertreterin von Christian DuMont Schütte, der von Alfred Neven DuMont den Vorsitz des Kontrollgremiums übernimmt. All das rechtfertigt die warmen Worte, die für den Aufsichtsrat der frühere Chefredakteur der Süddeutschen Zeitung Hans Werner Kilz fand. Alfred Neven DuMont habe »dieses Haus« geprägt, »unternehmerisch und publizistisch«, ehrte Kilz den Ehrenvorsitzenden. Das Unternehmen DuMont sei »eine Marke«, weil auch er, Neven DuMont, »eine Marke« sei. Ein Verleger »mit Herz«, der in seinen Partnern und Mitarbeitern immer erst »den Menschen« sehe. Das mache ihn »sympathisch und verletzlich«. Alfred Neven DuMont habe den Beruf des Verlegers »nicht dargestellt«, sondern »überzeugend verkörpert«. Er spiele eine »herausragende Rolle« wie kein Zweiter — »publizistisch, politisch und gesellschaftlich.«Nach diesen Worten kann es für den Alten eigentlich kein Zurück ins publizistische Tagesgeschäft mehr geben — oder doch? To be continued.