Botschaft ins All
Mit der Kunsthochschule für Medien, die 2015 ihr erstes Vierteljahrhundert vollendet, besitzt die Stadt Köln im immer schärfer werdenden Wettbewerb der Kunstschulen einen echten Solitär. Hier wurde nicht einfach eine Institution geschaffen, die eilfertig Politikerwünsche nach »weichen« Standortfaktoren erfüllt hätte. Entstanden ist ein höchst lebendiger und produktiver Zusammenhang von Lehre und Forschung, der mit seinem kontinuierlichen Signal erfolgreich gegen den internationalen Medien-Noise ansendet.
Vielleicht ist es der schon an der Namensgebung ablesbare anspruchsvolle Spagat zwischen »Kunst« und »Medien«, der so gut ankommt: Sich mit den »neuen« und neuesten Medien und deren Theorien und Techniken ernsthaft einzulassen, auch wenn die Nadeln der Kunstkompasse doch immer wieder auf »Malerei« oder »Installation« zeigen.
Man mag einwenden, dass an das harmlos klingende Wort »Medien« gleich mehrere unbezwingbare Höllenhunde angekettet sind, auf die man heute als Bildungsanstalt, zumal als künstlerische, kaum eine adäquate Antwort finden wird: der Pitbull allgegenwärtiger Überwachung, der Windhund der Virtualisierung, der Dobermann entgrenzter Marktinteressen, nicht zu vergessen der vielköpfige Zerberus der Kriegstechnologien. Das jüngste Jubiläum führte nun zumindest dazu, dass die äußere Gestalt der Schule dauerhaft verändert wurde. Das Hochschulgebäude sieht von der Straße aus allerdings unverändert aus, denn die Maßnahme sollte auf ein im Zeitalter von Satellitenkriegen und Drohnenhysterie ganz neu zu bewertendes Gebäudeteil angewandt werden: das Dach.
Damit beauftragt wurde das aus dem Künstler Achim Mohné und der Gestalterin Uta Kopp bestehende, seit einigen Jahren auf Langzeitentwicklung angelegte Projektteam REMOTEWORDS. Mit ihrer Arbeit versuchen die beiden nicht einfach, künstlerische Zeichen im Sinne alter »Kunst am Bau«-Vorstellungen zu setzen. Mit ihren auf Gebäudedächern angebrachten, nur aus der Luft lesbaren Mega-Zeichen geht es ihnen um nichts Geringeres als um die symbolische Rückforderung jeweils eines Teils jener visuellen Lufthoheit, die sich Netzatlanten wie Google oder Bing schon seit einiger Zeit aus vormals öffentlich geregelten Verhältnissen privatwirtschaftlich gekrallt haben.
Ziel des künstlerischen Unternehmens REMOTEWORDS ist es, einzelne Sätze, Begriffe und Zeichen wie Sandkörner in das allsehende Auge der medienindustriellen Geokapitalisten zu streuen. Die Textelemente in den inzwischen schon 25 Dachinstallationen ergäben zusammen gelesen kaum eine halbe Seite. Es sind Ultrakurzbotschaften wie »CLICK HERE« oder »!CTRL«, die einen vage operativen Eindruck machen, Aktion suggerieren oder, etwa bei einer ehemaligen Zollstation mit dem Schriftzug »ASYL!« politische Forderungen formulieren.
Im Falle der semiotischen Dachbesetzung der KHM handelt es sich um eine zweiteilige Komposition: Auf der großen Dachfläche grenzen ein riesiger QR-Code (der einen mit einer entsprechenden Lese-App zur Website der Hochschule umleitet) und ein aus vier Zeilen gepixelter Buchstaben gebildetes Textfeld mit den Worten »White Ground Black Square« aneinander. Angebracht wurde alles von einer ganzen Gruppe von Helfern, die sich mit Verve an die Ausfüllung oder Aussparung der Quadrate von jeweils 48 cm Kantenlänge machten und sich dabei wie auf binäre Befehle heruntergekürzte menschliche Drucker vorgekommen sein dürften.
Richtet sich der QR-Code an ein technischem Kalkül unterstelltes Auge, so ruft die genannte Wortkombination eine ganze Reihe klassischer Avantgarde-Reflexe aus, zumindest bei den Kunstfreundinnen und -freunden: Die denken entweder an Kasimir Malewitschs suprematistisches »Schwarzes Quadrat« auf weißem Grund, oder es klingt ihnen noch die aktuellere kunstbetriebliche Begriffspaarung von »White Cube« und »Black Box« in den Ohren, ein weiter, hundert Jahre (westliche) Kunstgeschichte umspannender Gegensatz.
Schön ist nun, dass diese Worte auch als textliche Beschreibung der auf einer Quadratmatrix beruhenden Struktur des QR-Bilds funktionieren. Und dass der QR nicht nur als ästhetisches Zeichen, sondern auch als Referenzlink zurück zur KHM selbst wirkt — zu der Institution, in der ziemlich exakt die Wegstrecke zwischen Malewitsch-Ikone und digitaler Bildpolitik in Theorie und Praxis abgeschritten und für Studierende nachvollziehbar gelehrt wird. Und die, darin im Bundesgebiet einzig, Ikon und Pixel programmatisch gleiche Bedeutung zumisst.
Auch wenn sich allgemeine Verständlichkeit und Präzision des kunsthistorischen Verweises vielleicht in Grenzen halten, ist hier doch ein faszinierendes, fast mandala-artig geschlossenes Sinnbild der Institution KHM entstanden, das von nun an in den immer grimmiger hinabschauenden Datenhimmel über Köln gesendet wird.
remotewords.net/khm.de | achimmohne.de | utakopp.de
Ausstellung Achim Mohné »Laser_Graphs — Fotogramme,
Live-Circuit Projektion«, Galerie Judith Andrae, Bonn, bis 25.4.
»Galerie Andreae zu Gast in der KYOTOBAR«, Gereonswall 75,
15.–18.4., jeweils 21–23 Uhr, Eröffnung 17.4., 21 Uhr