Kakerlaken gegen den Rest der Welt
Tyler, The Creator isst eine Kakerlake, bevor er sich erhängt. So zu sehen im Video zu »Yonkers« von 2011. Es markiert den vorläufigen Höhepunkt in der Karriere des damals 19jährigen Rappers aus Los Angeles. »Yonkers« ist die Single zu Tylers physischem Debüt »Goblin«, das im gleichen Jahr die US-amerikanische Rap-Landschaft um eine dissonante Note bereichert. Textlich ist es ein Rundumschlag — wobei die Keule im Endeffekt in genau einem Gesicht zu landen scheint: in Tylers. Der Antrieb seiner Texte entspringt einer jugendlichen Raserei, einer aktiv-aggressiven Haltung gegenüber den Anderen, seine Gang nennt Tyler OFWGKTA — Odd Future Wolf Gang Kill Them All.
Die Anderen: eine abstrakte Größe, ein Feindbild, das sich im naiven Tunnelblick der Pubertät entwickelt hat. Ein Feindbild, das aber vor allem nur durch die ausgeprägte Selbstbezogenheit von Tyler selbst zu einem solchen wird. Tyler weiß das. Und das ist seine Stärke, er sprengt mit seinen bissigen Texten Krater in das Weltbild der Mittelklasse, fällt am Ende aber selbst hinein, in seine eigenen Abgründe.
Die Blaupause für dieses explosive Gemisch lieferte bereits zwei Jahre vorher das Intro zu »Bastard«, Tylers erstem Album, das er kostenlos ins Internet stellte. Es beginnt mit ein paar Fuck Yous in Richtung Corporate America, dann legt sich Tyler auf die Couch, und es entspinnt sich ein Dialog mit seinem Therapeuten, der nur von einem Klavier und Streichern begleitet wird. Der Therapeut mit der dämonischen Stimme fordert ihn auf: »Tell me something about yourself.« Tyler zögert zunächst und kommt dann kompromisslos der Forderung nach. Er erzählt die Geschichte von sich: »satan’s son«, aufgewachsen ohne Vater; die Geschichte eines Träumer, dessen Traumfänger nichts anders einzufangen vermag als Alpträume. Tyler windet sich unter seinen eigenen Problemen, seinen obszönen Fantasien und seinem Abgrenzungsgebahren, das nicht selten auch den Wunsch enthält, sich vom eigenen Selbst abzugrenzen. Tyler hat das Messer zwischen den Zähnen, die Hand auf dem Herzen und den entscheidenden Gedanken bei sich selbst. Sturm und Drang trifft Selbstreflexion, spätpubertärer Klamauk depressive Verstimmung.
Der Sound zu den Texten kommt so ungeschliffen, so rabiat, so provokant und so inbrünstig daher, wie es die Jugend seines Machers verlangt. Und wie er ihn von seinen Vorbildern übernommen hat – allen voran von den Neptunes, deren von Skate-Punk geprägter Soundentwurf für ihre Band N.E.R.D genauso einen wichtigen Einfluss für Tyler darstellt, wie ihre minimalistischen Produktionen für andere Rapper. Auf der anderen Seite stehen Bedroom-Popper wie Toro Y Moi, deren D.I.Y-Spirit und das rohe Tonmaterial Tyler anziehen. Tyler produziert die meisten seiner Beats selbst, rappt und führt bei seinen Musikvideo unter dem Alias Wolf Haley Regie.
Die Musik begründet allerdings nur bedingt den Hype, den Tyler und seine Odd Future-Freunde auslösten. OFWGKTA sollte von Anfang an mehr sein als ein paar Mixtapes und Alben verschiedener Crew-Mitglieder, zu deren bekannteren Beispielen Frank Ocean und Earl Sweatshirt zählen, wobei aber auch Hodgy Beats, Left Brain und Syd Da Kids Band The Internet international durchaus einen Namen haben. Odd Future war zu Beginn als eigener Kosmos gestaltet. Als ein abgeschlossenes Wir, das sich den Anderen gegenüber stellt. Dazu gehört vor allem eine Ästhetik, die sich aus der Skate-Sozialisierung der Gang und aus Internet-Schund-Bildmaterial speist. Mit umgedrehten Kruzifixen, Supreme-Caps und Katzen mit Laser-Augen trafen Tyler und seine Crew den Nerv der Zeit. Die Medien stilisieren Odd Future zur postmodernen Version des Wu-Tang Clans.
Natürlich stehen die großen Labels Schlange, um den ungezügelten Elan der Gang zu verpacken und zu verkaufen. Bereits Mitte 2011 unterschreiben Odd Future bei Sony, die Medien berichten von einem 2,5 Millionen Dollar-Deal. Zwar bekommen Odd Future ihr eigenes Sub-Label und verkünden, weiter unabhängig zu sein, aber Tylers drittem Album hört man bereits an, dass sich etwas verändert hat.
»Wolf« kommt zwar vom Klangbild seinen Vorbildern näher, erreicht aber zu keinem Moment die Intensität seiner Vorgänger. »Wolf« kämpft nicht mehr zwischen den Fronten Ich/Wir und die Anderen, sondern mit dem Versuch, sich in ein komplizierter gewordenes Gesamtgefälle einzuordnen. Nach »Wolf« wurde es dann erstmal still um Tyler — gemessen an dem Lärmpegel, den er zuvor verbreitete. Genau zwei Jahre war es still. Vor ein paar Wochen verkündete Tyler nun überraschend, dass sein neues Album, »Cherry Bomb«, Mitte April erscheinen würde. Zum Album gibt es außerdem eine App: Für knapp fünf Dollar im Monat verspricht sie »Tyler and his brain without restrictions and bullshit«. Es ist der Versuch das ungefilterte Gefühl von Tylers Anfangszeit, Selbstmordgedanken und Kakerlakenbrunch, zurückzuholen und gleichzeitig die Modi der Industrie zu akzeptieren. Man darf gespannt sein: Bislang gelang Tyler die Grätsche besser als der Spagat.
StadtRevue präsentiert das Konzert: Mo 25.5., Die Kantine, 20 Uhr