Acht Brücken: Frederic Rzewski

Der amerikanische Komponist und Pianist Frederic Rzewski (sprich: Zheff-skee) hatte als Zehnjähriger in einem Plattenladen in Springfield die erste Aufnahme von Arnold Schoenbergs »Ein Überlebender aus Warschau« gehört. Das war unmittelbar nach dem Zweiten Weltkrieg und hat den Komponisten, Sohn polnischer Einwanderer, in seinem Weltbild und damit auch seiner Musik entscheidend geprägt.

 

In den 60er Jahren war er Mitgründer des Ensembles Musica Elettronica Viva, ihr weirder Improv-Noise-Free-Jazz fand ähnlich wie das britische Kollektiv AMM um Cornelius Cardew auch im Pink-Floyd- und Kraftwerk-Lager Fans, zu dem weitverzweigten Ensemble zählten zeitweilig auch schwarze Avantgardisten wie Anthony Braxton und Roscoe Mitchell. Rzewski gehörte mit Cardew, Christian Wolff und Louis Andriessen um 1968 zu den politisierten, von Fluxus inspirierten Komponisten, die Musik in Folge von John Cage als soziales Ereignis verstanden. Sie begriffen sich als Arbeiter im großen Versuchsfeld neuer, emanzipativer gesellschaftlicher Organisationsformen und formulierten einen radikalen utopisch-politischen Anspruch.

 

Seither äußert sich Rzewski mit seiner Arbeit explizit politisch, ob in Auseinandersetzung mit den 1971 blutig beendeten Gefängnisunruhen in New York oder dem von den USA unterstützten Rechtsputsch in Chile. »Attica« und »Coming Together« sind großartige Minimal-Stücke, die repetitiven Kompositionen gerinnen zu einer Anklage des Disziplinarsystems.

 

Seine seriell konzipierte Variation auf das berühmte Protestlied »El pueblo unido jamás será vencido« verbindet spätromantischen Anschlag, Jazz und Neue Musik und gehört zu den komplexesten und zugleich zugänglichsten Variationenzyklen der Musikgeschichte. Anders als Cardew, der der Neuen Musik den Rücken und sich einer maoistisch inspirierten Volksmusik zuwandte, blieb Rzewski dem Neue-Musik-Milieu treu, gemäß dem Motto: »Rebellion ist nicht notwendigerweise progressiv« (so Rzewski 2011 in einem Interview). In Köln wird Rzewski, der kürzlich seinen 77. Geburtstag feierte, »The People United Will Never Be Defeated!« höchstselbst  aufführen: so viel rebellische Attitüde muss wohl sein.