Räume der Vorsicht
Musik kann einen auf die falsche Fährte locken: Tamas ist das Projekt des Kölner Trompeters Pablo Giw und des Mannheimer Percussionisten Joss Turnbull, dabei stehen sie gar nicht so sehr im Mittelpunkt, sondern der Flöten-Spieler Mohamad Fityan aus Aleppo — der heute vom Bürgerkrieg zerstörten syrischen Metropole. Das Quintett komplettieren der Gitarrist Matthias Kurth und der marokkanische Sänger und Rezitator Abdelghani Elmassaoudi. Tamas ist von einer untergründigen Spannung durchzogen, die sich aber nie entlädt, nie kathartisch auflöst. »Wir haben mit großer Vorsicht gespielt, mit viel Rücksicht aufeinander, dadurch sind Räume entstanden, in denen die unterschiedlichen Stimmungen Platz haben und alle Klangfarben zur Geltung kommen konnten«, erinnert sich Pablo Giw an die Haltung während der Aufnahmen. Die Spannung geriet ihnen so verdichtet und sublimiert, dass sie in ihr Gegenteil umschlug: Was wir hören, ist eine melancholische, getragene, in vielen Passagen düstere Musik. Eingerahmt wird sie von Field Recordings, die Giw in Beirut und Damskus gemacht hat.
Hier die falsche Fährte: Sie klingt wie ein Kommentar zum syrischen Bürgerkrieg und zum Menschen und Kultur verschlingenden Zerfall der arabischen Staatenwelt. Aber weit gefehlt, die CD war bereits im Mai 2010 eingespielt und abgemischt. Und Pablo Giw, der ein halbes Jahr zuvor mit der Suche und der Arbeit daran begonnen hatte, ging es gar nicht um ein politisches Statement: »Ich hatte damals eine starke Orient-Sehnsucht, das hat auch familiäre Gründe, weil ich iranische Wurzeln habe«, sagt er im Gespräch. »Ich wollte unbedingt ein musikalisches Projekt initiieren, über das ich einen Zugang zum Orient finden konnte. Ausgangspunkt war für mich das Münchner Ensemble Sarband von Vladimir Ivanoff, das osmanische, persische und arabische Musik mit alter Musik aus Europa zusammenbringt. In Bayreuth fand ein Workshop von Sarband statt, wo wir arabische und deutsche Musikstudenten die ›arabische Passion‹ — nach der Matthäus-Passion von Bach — einstudiert haben. Auf den Workshop in Bayreuth folgten Workshops in Beirut und Damaskus. In Bayreuth habe ich den Percussionisten Joss Turbull kennengelernt und später in Syrien Mohamad Fityan, das war die Grundlage.«
Sie beschlossen, weiter zu arbeiten, das Visum für Syrien galt für ein halbes Jahr, Pablo und Joss konnten Mohamad also noch mal in Damaskus besuchen und ihn schließlich, mit einigem Aufwand, nach Köln lotsen. »Die Stimmung in Damaskus habe ich als entspannt und freundlich erlebt. Das klingt heute völlig verrückt, aber ich habe die Stadt als unschuldig empfunden. Assad hatte ja erst fünf Jahre vorher offiziell den Startschuss für syrische Mobiltelefone und Internet gegeben. Das war alles noch am Anfang. Aber alle, mit denen wir gesprochen haben, haben uns auf die stille Präsenz des Geheimdienstes hingewiesen.«
Aus Köln holte Pablo Matthias Kurth hinzu, Joss hatte in Mannheim Abdelghani Elmassaoudi kennengelernt, der dort studierte: »Spannend für uns war, dass er im levantinischen Stil singt, er singt so, wie man in Aleppo gesungen hat, bevor der Bürgerkrieg alles verwüstet hat. Er hat sich für dieses Arabisch entschieden, weil es für ihn die größte kulturelle Reife ausdrückt. Mohamad stammt aus Aleppo, das ist natürlich Zufall, aber wir fanden das für unser Projekt unheimlich schlüssig.«
Pablo Giw kennt man in Köln als eine Hälfte von Dus-Ti, eine der derzeit spannendsten Improvisationsgruppen der Stadt. Obwohl erst 27, ist er schon seit Jahren in der Jazz- und Improvisationsszene aktiv, studierte bei Markus Stockhausen: Offene, unstrukturierte, aber mit Spannung aufgeladene Situationen sind ihm vertraut. Trotzdem war die Arbeit für Tamas kräftezehrend und intensiv, ging es doch darum, auf alles Vordergründige zu verzichten. Es war ein Kaltstart: »Als Gruppe kannten wir uns nicht, wir haben in Köln zwei Wochen aufeinander gehockt, haben jeden Tag geprobt, aufgenommen, Konzerte gespielt. Wir haben immer frei improvisiert, aber nicht um ihrer selbst willen, es ging uns darum eine gemeinsame musikalische Grammatik zu entwickeln und darin unsere kulturellen und biographischen Erfahrungen zur Geltung zu bringen. Wenn ich heute, fünf Jahre später, die Aufnahmen höre, kommt mir das weit weg vor, so spiele ich gar nicht mehr. Gleichzeitig mag ich diese Musik, sie hat ihre Kraft nicht verloren.« Das ist der innermusikalische Grund, warum es mit Tamas nicht weiterging, für die Musiker, zumal für Giw, war es ein Übergang, ein Medium, durch das hindurch man seine eigene Sprache findet. Der harsche, splittrige, wuchtige Sound von Dus-Ti ist Tamas tatsächlich diametral entgegengesetzt.
Aber diese immanente Entwicklung verblasst vor dem Schrecken der Gegenwart: »Alles, was seit 2011 in Syrien passiert ist, hat dieser Musik einen völlig anderen Stempel aufgedrückt. Joss und ich haben das Projekt aus einer Orient-Verliebtheit heraus gestartet, wir hatten ja kaum Erfahrung, und gerade weil wir so naiv waren, konnten wir diesen Enthusiasmus aufbringen. Trotzdem denke ich, dass es kein nostalgisches Erlebnis ist, diese Musik zu hören. Sie stammt aus einem an--deren Kontext, aber es gibt in ihr melancholische, schwere Momente und eine dunkel gefärbte Emotionalität — und die wirken auch im Kontext unserer Zeit, also der Zeit von Bürgerkrieg und IS-Terror.« So ist das wichtigste Ereignis dieser nicht mehr existierenden Combo kein musikalisches, sondern die Flucht von Mohamad Fityan. Er wurde 2011 zum Militär eingezogen, den Krieg hat er überlebt — und die Odyssee der Flucht. Mittlerweile ist er in Deutschland angekommen und als Geflüchteter auch anerkannt.