Insellösungen, Millionengräber und radikalste Attacken
Teil einer Jugendbewegung sein, das möchte auch der Westdeutsche Rundfunk. In einem dreiseitigen Positionspapier führt WDR-Fernsehdirektor Jörg Schönenborn aus, wie das gelingen könnte. Demnach soll endlich wieder ein Programm angeboten werden, dass alle Altersgruppen erreiche, auch die unter 60-Jährigen. Die Jungen eben. Denn im Durchschnitt ist der WDR-Zuschauer 61 Jahre alt. Aber wie kommt man an die jungen 59-Jährigen? »Im Ergebnis kommt das Projektteam zu dem Schluss, dass Insellösungen, wie die Renovierung oder Verlegung einzelner Sendungen, nicht ausreichend sind«, heißt es in dem Papier mit dem Titel »Informationsorientiert, übersichtlich, jünger: Das neue Programmschema des WDR Fernsehen«. Es sei »ein grundlegender Image-Wandel nötig, damit auch Jüngere wieder stärker das WDR Fernsehen einschalten.« Unerwähnt bleibt die unauflösliche Crux: Bis die Jungen feststellen, dass es einen Sender namens WDR gibt und dieser im besten Fall attraktive Angebote macht, vergeht Zeit. Diese Zeit kann sich der Sender aber nicht nehmen, weil in dieser Zeit mit geringeren Einschaltquoten zu rechnen ist. Genau dies aber wird eine öffentlich-rechtliche Anstalt nicht riskieren, die inzwischen zu weiten Teilen über die Quote ihre Existenzberechtigung ableitet.
Nur deshalb kamen 2012 ja auch vermeintliche Quotenplaner um die ehemalige Intendantin Monika Piel auf die verwegene Idee, die Rampensau Thomas Gottschalk für zwölf Millionen Euro in ein viel zu kleines Hamsterrad namens Vorabendprogramm zu zwängen, wo er samt konzeptlosem Format so kümmerlich wie vorhersehbar einging. Die zwölf Millionen durfte Gottschalk wenigstens behalten, größtenteils ohne Gegenleistung, wurde seine Sendung »Gottschalk live« doch nach nicht einmal einem halben Jahr wieder eingestellt. Wegen zu schwacher Quoten. Der Gesprächsbedarf ist drei Jahre später noch groß und wächst, auch in den Gremien und Redaktionen. So warnt die siebenköpfige Redakteursvertretung des WDR, dass die Diskussion um das Millionengrab »Gottschalk live« den Ruf des Hauses in Mitleidenschaft zieht und fordert von ihrem Intendanten Tom Buhrow »ein klares Bekenntnis zu einem nachvollziehbaren und vertrauensvollen Umgang mit den uns treuhänderisch zur Verfügung gestellten Mitteln aus dem Rundfunkbeitrag«
Auf Transparenz und interne Diskussionskultur haben die WDR-Hierarchen aber so gar keine Lust. Denn auch die Jugendoffensive findet ohne die Redakteure statt, die die Pläne ihrer Vorgesetzten schließlich zu realisieren haben. »Die Redakteursvertretung hat, wie die meisten Kolleginnen und Kollegen, erst in dieser Woche über den Flurfunk bzw. die Presse von den Plänen zur Veränderung des Programmschemas im Fernsehen erfahren«, beklagten sich die WDR-Redakteure bei ihrem Chef. »Wir haben ihm mitgeteilt, dass wir, jenseits einer inhaltlichen Bewertung, diesen Ablauf eindeutig missbilligen und darin eine Verletzung des Redakteursstatuts sehen.« Dicke Luft am Appellhofplatz und printmedialer Gegenwind, der WDR muss schleunigst wieder übers Programm punkten. Sonst kommt die nächste unerfreuliche Debatte ganz gewiss spätestens 2018 zur Fußball-WM in Russland, wenn üppige Rundfunkbeiträge an die mindestens semi-kriminelle FIFA überwiesen werden, um mit einem garantierten Zuschauererfolg Einschaltquoten aufzuhübschen.
Mathias Müller von Blumencron, Online-Chef der Frankfurter Allgemeinen Zeitung, sieht die klassischen Medien bedroht. Von einem jungen Mann: Mark Zuckerberg. Dessen soziales Netzwerk Facebook sei auf dem Weg, ein Medienhaus zu werden. Facebook beginne die »radikalste Attacke auf die Medienwelt, wie wir sie kennen«, so Müller von Blumencron auf dem Medienforum NRW in Köln. »Wir könnten Zeugen sein, wie riesige hochprofitable Konzerne mit ihren unendlichen Profiten aufbrechen, um das zu tun, was bisher eigentlich der medialen Welt, wie wir sie kennen, vorbehalten war, und faktisch und genuin selbst zu Medien zu werden.« Sei Facebook anfangs ein Interaktionskanal gewesen, würden klassische Medien nunmehr aufgefordert, direkt für Facebook zu produzieren, »zu einer verlängerten Werkbank von Facebook zu werden.« Müller von Blumencrons digitales Zukunftsbild ist ein dunkles: Das Netzwerk sei für die Medien sowohl Partner als auch ein »sehr, sehr gefährlicher Gegner«, so der Online-Journalist in Köln. »Was wir sehen können, ist, dass 1,4 Milliarden Menschen eine Plattform zu einem mehr oder weniger zentralen Teil ihres Lebens gemacht haben, die von einem Menschen an der Spitze gesteuert wird. Niemand ist bisher so nahe an uns herangekommen wie Zuckerberg.« Und weiter: »Soziale Plattformen kennen keine Redakteure, sie kennen nur Programmierer, sie kennen nur Algorithmen.«