Einweck statt Einweg: Das Team vom Tuetenlos-Supermarkt, Foto: Manfred Wegener

Kommt gar nicht in die Tüte

 

Auch in Köln soll man bald Waren unverpackt einkaufen können

 

Die Bio-Gurke in Folie eingeschweißt, das Müsli verpackt mit Cellophan im bunten Pappkarton. Ein Einkauf im Supermarkt ist immer auch ein Sammelsurium aus Verpackungsmüll. Aber ohne Verpackungen — geht das überhaupt?

 

Samuel Erdmann, Philip -Birkenstock und Tatiani Katranzi sagen ja. Die drei planen den ersten verpackungsfreien Supermarkt in Köln. Bei »Tuetenlos« in der Südstadt soll sich die umweltbewusste Kundschaft demnächst möglichst mit regionalen und Bio-Produkten  eindecken — mit der Brotdose. Von Nudeln über Obst und Gemüse bis hin zu Milchprodukten und Fleisch soll alles lose und unverpackt angeboten werden.

 

Was für Köln neu wäre, gibt es in Bonn schon seit mehr als einem Jahr. »Freikost Deinet« ist ein moderner Tante-Emma-Laden. An den Wänden stehen große Spender aus Plexiglas, sogenannte bulk bins, gefüllt mit allerlei Trockenware. Den Einkauf zapfen sich die Kunden in mitgebrachte Brotdosen oder Einweckgläser. Ob die Bonner das Konzept annehmen? Schwierig zu sagen, die Inhaber des Geschäfts geben sich wortkarg.

 

Auskunftsfreudiger ist Marie Delaperrière von »Unverpackt« in Kiel. Sie hat im Februar 2014 den bundesweit ersten verpackungsfreien Supermarkt eröffnet. Ganz ohne geht es aber anscheinend nicht, denn bei Delaperrière gibt es Papiertüten. »Man muss die Kunden erst daran gewöhnen, sich auf den Einkauf vorzubereiten und die eigenen Behälter mitzubringen«, sagt die gebürtige Französin. »Mittlerweile bringen aber viele ihre eigenen Gefäße mit.«

 

Ihre Kundschaft ist bunt gemischt: Familien, junge Paare, Studierende, Senioren. Anfang des Jahres ist sie in ein größeres Ladenlokal umgezogen und hat dort zusätzlich einen Cafébereich eröffnet. Eine Idee, die den Londoner Pionier »unpackaged« 2013 in die Pleite getrieben hat. Sechs Jahre hat sich der Laden halten können, dann musste er schließen.

 

Die hiesige Unverpackt-Szene stört das nicht. Es gibt einen Boom verpackungsfreier Supermärkte in Deutschland. Ob in Berlin, Dresden, München, Mainz oder Heidelberg: Waren unverpackt einzukaufen, liegt im Trend. Wie »Tuetenlos« in der Südstadt befindet sich ein Erfurter Laden gerade mitten im Crowdfunding. Ein Modell, über das sich auch die Berliner finanziert haben. Die Konzepte sind überall ähnlich: möglichst regional, möglichst bio, und vor allem: möglichst lose und unverpackt.

 

16,6 Millionen Tonnen Verpackungsmüll haben die Deutschen 2012 erzeugt, laut Umweltbundesamt ein leichter Anstieg im Vergleich zu den Vorjahren. Immer mehr Single-Haushalte, steigender Konsum, Fastfood und To-go-Angebote sind die Gründe. In einer schnelllebigen Konsumgesellschaft sind Verpackungen praktisch.

 

Wie kurzfristig zumindest der Verbrauch von Plastiktüten zurückgehen kann, zeigt sich in Irland. Seit dort eine Abgabe von 22 Cent auf Plastiktüten eingeführt wurde, ist der Pro-Kopf-Verbrauch von 328 auf 16 Tüten im Jahr geschrumpft. In Deutschland sieht man derweil keinen Handlungsbedarf. »Obwohl die EU ihre Mitgliedsstaaten mit einer Plastiktütenrichtlinie zu Abgaben oder Verboten ermuntert, setzt Umweltministerin Barbara Hendricks auf  die  Eigeninitiative des Handels, die bis heute so gut wie gar nicht existiert«, kritisiert Thomas Fischer von der Deutschen Umwelthilfe. Die Unverpackt-Läden seien ein guter Anfang hin zu einer Reduktion von Verpackungen, wenn das Konzept konsequent verfolgt werde, findet Fischer. Konsequent bedeutet auch: Lieferanten zu finden, die Nahrungsmittel wie Nudeln oder Gewürze in möglichst großen Paketen liefern. Nicht ganz einfach, aber zu schaffen. »Wir sind schon mit Unternehmen in Verhandlungen und laufen bei denen als Gastrokunde«, sagt Philip Birkenstock von »Tuetenlos«. Mindestens 25-Kilo-Pakete seien das Ziel, der Preisvorteil solle an die Kunden weitergegeben werden. Bevor es allerdings dazu kommt, muss noch eines gefunden werden: das Ladenlokal in der Südstadt.