»Surrealismus liegt in Belgien in der Luft«
In einem Film, in dem Gott die Hauptfigur ist, liegt die Frage auf der Hand: Glauben Sie an Gott?
Ich glaube selbst nicht an Gott, aber ich habe eine katholische Erziehung genossen. Die Bibel ist für mich ein tolles Buch, aber eben nicht mehr als eine Sammlung guter Geschichten.
Wie kam es, dass Gott in Ihrem Film ausgerechnet Brüssel als Amtssitz gewählt hat?
Es fing damit an, dass ich mit meinem Co-Autoren Thomas Gunzig herumalberte. Wir leben beide in Brüssel und können uns nicht vorstellen, dass sich überhaupt jemand freiwillig dazu entscheidet, dort zu wohnen. Die Idee, dass Gott nicht im Himmel, in Venedig oder New York, sondern in Brüssel lebt, fanden wir sehr lustig. In unserer Version der Genesis hat Gott Brüssel erschaffen, um die Menschen mit aller alttestamentarischer Wucht zu bestrafen.
Warum ist Gott in Ihrem Film so ein Fiesling?
Von Woody Allen gibt es den schönen Satz »Wenn Gott existiert, hoffe ich, dass er eine gute Entschuldigung vorzuweisen hat«. Als Kind habe ich mich immer gefragt, warum Batman und Superman die Menschheit retten und Gott mit all seiner Macht immer nur zusieht. Im Alten Testament wird Gott oft auch als eifersüchtiges Wesen dargestellt, der Städte zerstört und Menschen bei lebendigem Leibe verbrennen lässt. Es geht viel um Bestrafung. Schon Hitchcock hat gesagt, dass jeder gute Film einen richtigen Bösewicht braucht. Und in diesem Fall ist das eben Gott.
Und die Heldin in Ihrem Film ist seine zehnjährige Tochter, die gegen die Willkürherrschaft Gottes rebelliert?...
In meinem Leben haben Frauen immer eine sehr wichtige Rolle gespielt, und ich finde es befremdlich, dass es im Neuen Testament fast nur um Männer geht. In den Apokryphen — den frühchristlichen Schriften, die nicht in den Kanon aufgenommen wurden — sah das noch anders aus. Da wird Maria Magdalena als durchaus wortgewandte Geliebte Jesu beschrieben, die in der Schar der Jünger eine herausragende Stellung eingenommen hat. Aber diese Stellen wurden später aus politischen Gründen gestrichen.
Und warum ist die Heldin und Erzählerin des Filmes ein Kind?
Kinder sind Rebellen, selbst wenn sie sich dessen nicht immer bewusst sind. Ich mag ihr ungebrochenes Wesen und ihre surrealen Interpretationen der Welt, die von den Erwachsenen oft belächelt werden, obwohl sie unseren rationalen Erklärungsversuchen oft überlegen sind.
Sehen Sie sich als surrealistischen Filmemacher?
Ich sehe mich in keiner bestimmten Tradition. Ich komme aus Belgien. Da vermischt man ständig alles miteinander. Der typisch belgische Stil ist Abwesenheit jeglichen Stils. Wir haben drei Amtssprachen und die belgische Politik kann sowieso keiner verstehen. Surrealismus liegt in Belgien einfach in der Luft.
In Ihrem Film wird den Menschen über ein sogenanntes »Death-Leak« aus dem Computer Gottes ihr genaues Todesdatum per SMS mitgeteilt. Glauben Sie unsere Gesellschaft wäre eine bessere, wenn wir die eigene Sterblichkeit weniger ausgrenzen würden?
Ich bin davon überzeugt, dass die wirkliche Freude am Leben nur im Bewusstsein von dessen Endlichkeit entstehen kann. Der Tod lässt unser Leben in einem anderen Licht erscheinen und macht uns klar, dass jeder Moment wichtig ist. Wir leben viel zu wenig im Hier und Jetzt und verschieben unsere Sehnsüchte nach Glück und Liebe auf später. Wir müssen lernen, den Moment zu genießen. Das spiegelt sich auch in der Erzählstruktur des Films wieder, die nicht zielstrebig auf irgendeine Schlusswendung zuläuft, sondern jede Einstellung als genussvollen, cineastischen Moment feiert.
Ihre Filme strotzen vor erzählerischen Details. Woher beziehen Sie Ihre Inspirationen?
Ich warte nicht auf Inspiration. Ich setze mich jeden Tag drei Stunden hin und schreibe mindestens drei und nie mehr als zehn Seiten. Mein Lehrer an der Filmschule sagte immer: »Einen guten Drehbuchautoren erkennt man daran, ob seine Hose durchgesessen ist.« Meine Ideen kommen erst während des Schreibens. Wenn mir zwischendrin einmal etwas einfällt, schreibe ich es auf eine kleine Karte. »Mr. Nobody« habe ich aus fast 600 solcher Karten entwickelt. »Das brandneue Testament« ist allerdings ohne diese Ideenkarten entstanden. Ich habe das Skript zusammen mit meinem guten Freund Thomas Gunzig geschrieben. Das war dann eher wie ein Ping-Pong-Spiel, bei dem wir uns gegenseitig zum Lachen gebracht haben.
War es schwierig Catherine Deneuve für einen Film zu gewinnen, in dem sie sich in einen Gorilla verliebt?
Überhaupt nicht. Catherine Deneuve ist zwar eine Ikone, aber sie hat einen ausgeprägten Sinn für Humor. Selbst die Liebesszenen, die ihre Figur mit einem jungen Stricher hat, waren für sie keine Problem. Mein Angebot, die Szene in Unterwäsche zu drehen, hat sie empört mit den Worten zurückgewiesen: »Beim Sex habe ich noch nie einen BH getragen«. Catherine Deneuve ist eine ganz und gar furchtlose Schauspielerin.
Haben Götter und Regisseure etwas gemeinsam?
Gar nichts. Film hat nichts mit Schöpfung zu tun. Film ist eine kollektive Kunstform, zu der viele Menschen ihren Beitrag leisten und der Regisseur ist nur dafür zuständig, das alles zusammenzufügen.
Jaco Van Dormael
Der Regisseur Jaco Van Dormael (Jahrgang 1957) studierte Film in Brüssel. Erste preisgekrönte Kurzfilme drehte er in den 80er Jahren. Für sein Langfilmbüt »Toto, der Held« wurde er 1991 in Cannes mit der Goldenen Kamera ausgezeichnet. Die Protagonisten seiner Filme sind -häufig Außenseiter oder Menschen mit Behinderungen.