Konzept im Leerlauf
»Rentner Roters radelt in sein neues Leben«, verkündete Mitte November vergangenen Jahres die Bild-Zeitung. Am 19. Tag seines Ruhestandes lächelte der ehemalige Kölner Oberbürgermeister Jürgen Roters in deren Kamera, nachdem er um sieben Uhr aufgestanden war, geduscht hatte und mit seinem niegelnagelneuen Rennrad den Rhein entlang fuhr. Kölner Radfreunde sollte diese Nachricht gefreut haben: Ein Hoch auf Köln, die Fahrradstadt am Rhein! Selbst ehemalige Oberbürgermeister sind hier, so die Bildunterschrift, »meist mit dem Fahrrad unterwegs«.
Nur wenige Wochen später dann der Dämpfer: In einer dritten und letzten Bürgerveranstaltung präsentiert die Stadtverwaltung das »Radverkehrskonzept Innenstadt«. Rund zwei Jahre hatte der Planungsprozess bis zu diesem Montagabend im Dezember bereits angedauert, mehr als 900 Anregungen waren von Seiten der Bevölkerung eingegangen. Doch von tiefgreifenden Veränderungen, gar der erhofften Wende in der Kölner Radverkehrspolitik ist an diesem Abend wenig zu spüren — so die Kritiker. »Behördliches Greenwash-ing«, empört sich der Fahrradaktivist Marco Laufenberg auf seinem Watchblog »Radfahren in Köln«. Unter dem Deckmantel der Bürgerbeteiligung versuche man hier ein autogerechtes Konzept durchzusetzen.
Kritik an den Planungsergebnissen — einem Katalog von 166 Maßnahmen, unterteilt in kurz-, mittel- und langfristig umsetzbare Projekte — kommt auch vom Kölner ADFC. »Sie kratzen nur an der Oberfläche«, findet der ADFC-Vorsitzende Joachim Schalke und bemängelt, dass man sich in Köln nicht stärker für die Reduzierung des Autoverkehrs einsetzt, für Fahrradstraßen und eine Regelgeschwindigkeit von 30 km/h im Innenstadtbereich. »Radfahrer werden noch immer nicht als gleichberechtigte Akteure im Straßenverkehr wahrgenommen«, erklärt Schalke. Das sei ein grundsätzliches Problem und habe sich auch mit dem »Radverkehrskonzept Innenstadt« nicht geändert.
Jürgen Möllers, Fahrradbeauftragter der Stadt Köln, zeigt sich von der Kritik Schalkes unbeeindruckt: »Gerade in Großstädten wie Köln ist die Radverkehrsplanung hochkomplex, da reicht es nicht, einfach eine Linie zu ziehen.« Im Konzept sind verschiedene bauliche Maßnahmen vorgesehen, die den Radverkehr in Köln verbessern — und im Sinne des Strategiepapiers »Köln mobil 2025« das Potenzial des Radverkehrs in der Innenstadt weiter ausschöpfen sollen. Möllers unterstützt die Forderung der beiden beauftragten Gutachterbüros VIA und »Planungsbüro Südstadt« nach einem erhöhten Handlungsbedarf an fünf Verkehrswegen der Stadt: an der Rheinuferpromenade, wo es immer wieder zu Zusammenstößen zwischen Radfahrern und Spaziergängern kommt, auf der Nord-Süd-Fahrt, der südlichen Ost-West-Achse und an den belebten Verkehrswegen Zülpicher und Gladbacher Straße. »Auch wenn die Umsetzung dieser Maßnahmen manchmal länger dauert, ist es wichtig, mit dem Radverkehrskonzept eine übergreifende Strategie zu verfolgen«, findet Möllers.
Dabei kritisieren die Rad-Initiativen gerade die langsame Geschwindigkeit, mit der der Ausbau der Fahrradinfrastruktur in Köln voran geht. Im neuen Konzept werden Lösungen gesucht, die bereits im Radverkehrskonzept Innenstadt von 1992 höchste Priorität erhalten hatten«, erklärt der Verkehrsclub Deutschland in einer Stellungnahme. Der ADFC mahnte an, dass für die Umsetzung zusätzliche Mittel nötig sind: »Nach dem nationalen Radverkehrsplan 2020 muss die Stadt 19 Euro pro Einwohner und Jahr investieren, um fahrradfreundlich zu werden.« Aktuell würden 2-3 Euro investiert. Zugleich forderte der Verband eine »Transparenz in der Umsetzung«: Die Kölner Bürger sollten mindestens einmal im Jahr über die Umsetzung der Pläne »in verständlicher Form« informiert werden. Genau daran hatte es bei der Vorstellung der Pläne gemangelt. In einer knappen Dreiviertelstunde sollten die Besucher mehrere Dutzend Pläne und Schautafeln auf ihre Alltagstauglichkeit begutachten. » Mit Transparenz haben es unsere Stadtoberen nicht so«, kommentierte Marco Laufenberg die Veranstaltung auf seinem Blog. »Das war mir aber auch schon vorher bekannt.« Er ist an dem Abend früher nach Hause gegangen.