Eitel Sonnenschein dank Atomaufsicht: Pannen-AKW in Tihange | Foto: Michielverbeek (CC BY-SA 3.0)

»Holt euch Tabletten«

Die Sicherheitsbedenken bei den belgischen Pannen-AKWs werden

größer. In Köln ist der Ernst der Lage noch nicht angekommen

 

»Es wird immer grotesker«, sagt Jörg Schellenberg vom Aachener Aktionsbündnis gegen Atomkraft. »Jetzt macht eine kleine Kommune vor, was der Staat eigentlich tun müsste.« Anfang Februar hatte die Städteregion Aachen eine Klage vor dem höchsten belgischen Verwaltungsgericht, dem belgischen Staatsrat, gegen das Wiederanfahren des maroden belgischen Problemreaktors Tihange 2 (vgl. StadtRevue 01/2016) eingereicht. Eine zweite Klage vor einem ordentlichen belgischen Gericht soll bald folgen. Die Klage wird von mehreren grenznahen Kommunen und Kreisen in Deutschland und den Niederlanden unterstützt, auch NRW-Umweltminister Johannes Remmel (Grüne) hat Interesse signalisiert. Die Kölner Verwaltung prüft derzeit, ob sie sich der Klage anschließt. 

 

Der Belgier Léo Tubbax ist da mutiger. Der 61-jährige Aktivist will eine einstweilige Verfügung erwirken, nach der die beiden Reaktoren sofort abgeschaltet werden sollen. Sein Gegner, der belgische Strommonopolist Electrabel, hat die belgische Atomaufsichtsbehörde sowie einen ganzen Stab von Juristen hinter sich. Mitte März will sich das Gericht zu Tubbax’ Klage äußern.

 

Die sieben belgischen AKWs — vier am Standort Doel bei Antwerpen, drei in Tihange bei Lüttich — sind altersschwach und gelten als extrem störanfällig. Zwei von ihnen, Tihange 2 und Doel 3, wurden im März 2014 wegen Sicherheitsbedenken abgeschaltet. Ende Dezember sind sie trotz tausender Risse im stählernen Reaktordruckbehälter, der als Schutzhülle die radioaktiven Brennstäbe umschließt, wieder ans Netz gegangen. Abgesegnet wurde die Entscheidung von der belgischen Nuklearaufsichtsbehörde FANC, der Lobbyismus und enge personelle Verstrickungen mit dem Betreiber Electrabel vorgeworfen wird. 

 

Kurz nach dem Wiederanschalten der beiden Reaktoren kam es an Weihnachten zu einer neuen Unglücksserie: Mal brannte eine Schalttafel, dann wurde ein Wasserleck entdeckt oder eine Turbine fiel aus. Anfang Februar wurde dann bekannt, dass das Not-Kühlwasser von Tihange 2 und Doel 3 vorgeheizt werden muss. Bei einem Störfall kommt es auf die 360 Grad heiße Wand des Reaktordruckbehälters. »Durch die Temperaturdifferenz könnte der vorgeschädigte Druckbehälter platzen und es käme zur Kernschmelze«, sagt die Materialwissenschaftlerin Ilse Tweer. Nachdem die Risse 2012 entdeckt wurden, hatte die Atomaufsicht angeordnet, das Notkühlwasser, das normalerweise unter zehn Grad kalt ist, auf 30 Grad Celsius vorzuheizen. Jetzt wurde die Temperatur auf 45 Grad erhöht. Ab 50 Grad ist laut Tweer das Wasser zu warm, um einen Reaktor im Notfall zu kühlen: »Die gehen bis ans Limit.«

 

In Köln ist das Thema erst jetzt angekommen. Nach rund 50 anderen grenznahen Kommunen und Kreisen in NRW hat auch der Kölner Stadtrat Anfang Februar eine Resolution an die belgische Regierung verabschiedet, die maroden Meiler umgehend abzuschalten. In Aachen ist dies schon vor drei Jahren geschehen. Zudem hat die Aachener Stadtspitze die Forderung der Initiative »Internationale Ärzte für die Verhütung des Atomkriegs« (IPPNW) ernst genommen, alle öffentlichen Einrichtungen mit Jodtabletten auszustatten und arbeitet derzeit an einem mehrgleisigen Katastrophenschutzplan. Die Tabletten können im Falle eines Atomunfalls vor Schilddrüsenkrebs schützen — wenn man sie rechtzeitig einnimmt. Köln liegt 120, Aachen 65 Kilometer in der Hauptwindrichtung von Tihange entfernt. Eine atomare Wolke könnte je nach Windstärke in fünf bis sechs Stunden in Köln sein. Bislang sehen die Katastrophenschutzpläne in NRW vor, dass erst nach Eintreten eines Unfalls Jodtabletten verteilt werden.

 

»Es muss noch ordentlich Gehirnschmalz in eine sinnvolle Verteilung fließen«, findet Bernd Geßmann, bei der Berufsfeuerwehr Köln zuständig für Katastrophenschutz. In Köln müssten laut der zuständigen Strahlenschutz-Kommission bei einer atomaren Verseuchung Kinder und Jugendliche sowie Schwangere und Stillende mit Jodtabletten versorgt werden. »Im Ernstfall müssten wir aus den zentralen Depots des Bundes Tabletten erstmal besorgen. Das ist absurd.« Geßmann würde die Vorräte gerne dezentral in Köln lagern, etwa in Apotheken oder öffentlichen Einrichtungen. Für Jörg Schellenberg ist das eine Verbesserung, löst aber einen entscheidenden Widerspruch nicht auf: »Im Katas-trophenfall gibt es zwei entscheidende Ansagen: Bleibt in den Häusern. Und holt eure Tabletten.« Wie viele Aachener hat sich Schellenberg selbst mit der Jodprophylaxe eingedeckt — auf die Behörden will er sich nicht verlassen.