Zeitung ohne Grenzen
Alice Mofarrej kommt aus Syrien und ist Schriftstellerin. Hakam Abdelhadi ist ein palästinensischer Journalist. Abdul Salam Ifrwan ist Fotograf aus Tunesien und Kefah Ali ein syrischer Maler.
Sie alle haben etwas gemeinsam. Sie arbeiten für Abwab, die erste und einzige arabischsprachige Zeitung für Geflüchtete in Deutschland. Im Dezember erschien die erste Ausgabe, Anfang April kommt Nummer vier. Die kostenlose Zeitung ist eine Mischung aus Nachrichten, Kommentaren und praktischen Informationen für Geflüchtete. Verteilt wird Abwab vor allem in Flüchtlingsunterkünften.
Die Auflage liege mittlerweile bei 55.000 in ganz Deutschland, erklärt Ramy Al-Asheq. Der 27-Jährige ist Chefredakteur von Abwab — und ein vielbeschäftigter Mann. Sein Handy piepst nahezu ununterbrochen, während er auf der Couch seiner Wohnung in einem Hochhaus in Bocklemünd Tee trinkt und selbstgedrehte Zigaretten raucht. Er kommt gerade zurück aus Frankfurt von einem Treffen mit den Verlegern. Unterwegs hat er in Düren noch neu angekommene Bekannte aus Syrien getroffen. Am nächsten Tag muss er zu einem Radiointerview. »Das ist aufregend für mich. Diese Freiheit, zu handeln und zu reisen genieße ich sehr.«
Diese Freiheit hat der syrisch-palästinensische Journalist nicht immer genießen können. In Syrien saß er als Aktivist des Arabischen Frühlings 2011 im Gefängnis, nach seiner Flucht wurde er in Jordanien inhaftiert. Ende 2014 erhielt er ein Stipendium der Heinrich-Böll-Stiftung und konnte nach Deutschland reisen. Hier arbeitet er seither als Schriftsteller und als Autor, u.a., für die taz und die StadtRevue.
Als ein Verleger vor ein paar Monaten mit der Idee einer Zeitung für Geflüchtete zu ihm kam, sagte er sofort zu. »Ich habe dann all meine Bekannten aus der Zeit der syrischen Revolution angeschrieben und gesagt: Ich brauche in vier Tagen einen Text von dir. Wir machen die erste arabischsprachige Zeitung in Deutschland. Das ging sehr schnell.«
42 Autoren aus ganz Deutschland sind es mittlerweile, die für Abwab schreiben. »Es geht darum, Stereotype aufzubrechen«, sagt Al-Asheq. Auch Themen, zu denen er nicht sofort einen Zugang findet, sollen ihren Platz in der Zeitung finden. So ist in der März-Ausgabe ein Text von Mohammed Shahrour zu finden, einem progressiven Muslim. »Das ist für mich als Atheisten gar nicht so leicht«, sagt Al-Asheq. »Aber es ist wichtig, viele Stimmen zu haben, denn wir sind viele.«
Herausgegeben wird die Zeitung von einer britischen Zeitungsgruppe, finanziert durch Werbung. Ein Telefonanbieter, der sich auf Ferngespräche spezialisiert hat, und ein Unternehmen für Geldtransfers sind die wichtigsten Kunden. Er wolle keine Sponsoren aus der Politik, das schränke nur ein, sagt Al-Asheq. »Ich will keinerlei Grenzen. Davor sind wir ja gerade geflohen.«
Ramy Al-Asheq kommt aus einer Familie von Geflüchteten. Sein Großvater floh aus Palästina nach Syrien, sein Vater blieb in Syrien stets ein Staaten-loser. Auch deshalb wohl steht -Al-Asheq dem Wort skeptisch gegenüber: »Ich mag den Begriff Flüchtling nicht. Wir sind verschiedene Menschen, wir haben verschiedene Jobs, verschiedene politische Ansichten, unsere eigene Geschichte.«
Auch die Geschichte von Abwab soll noch um ein paar Kapitel erweitert werden, demnächst wird es eine Website geben. Al-Asheq würde zudem gerne in Köln ein Kulturcafé eröffnen, dass gleichzeitig auch als Büro von Abwab fungiert. Einzig eine Ex-pansion ins Ausland sei noch nicht vorstellbar, sagt er. »Aus Frankreich, Griechenland oder Schweden kamen schon Anfragen, ob sie auch Exemplare bekommen können. Aber das können wir nicht leisten.«