Kalkberg im Zustand des Baustopps, Foto: Dörthe Boxberg

Rutschpartie mit Stadtdirektor

Das Kalkberg-Desaster wird zum Sinnbild des Starrsinns von Stadtdirektor Guido Kahlen

 

Steht der Kalkberg auf der Tagesordnung, kommt es zum Eklat. Immer mittendrin ist Stadtdirektor Guido Kahlen (SPD). Kurz vor Dienstende im November dreht Kahlen auf. Er personifiziert dabei immer mehr die Verzweiflung der SPD, nach mehr als zehn Jahren die Macht in Köln abgeben zu müssen.

 

Anfang März hatten die Gutachter vom Institut Roger Grün Alarm geschlagen: Die Deponie der ehemaligen Chemischen Fabrik Kalk (CFK), auf der sich die Baustelle einer Station für Rettungshubschrauber befindet, drohte abzurutschen. Schon damals zeichnete sich ab, dass ein Großteil des Rats nur noch wenig Vertrauen in Idee hat, dass dies der beste Standort sei. Am 18. März fand eine Gemeinsame Sondersitzung der Ausschüsse für Umwelt, Gesundheit sowie Bauen statt: Stadtdirektor Guido Kahlen wollte 550.000 Euro bewilligt bekommen, um eine Ausführungsplanung für eine grundlegende Sanierung einzuleiten.

 

Die Ausschussmitglieder tobten. Sie sahen Widersprüche: Einerseits sagte Kahlen, der Kalkberg sei bereits Anfang März umgehend gesichert worden, andererseits meldete er Gefahr in Vollzug. Jörg Frank, Fraktionsgeschäftsführer der Grünen, rügte Kahlens Vorlage als »unpräzise«. Seine Fraktion lehnte ebenso wie CDU und FDP einen Beschluss ab. Trotz der Ausführungen von Gutachter Wolfgang Beer konnte die Mehrheit der Sondersitzung keine Dringlichkeit erkennen. Man befürchte vielmehr, Kahlen würde mit dem Geld Fakten schaffen, um an dem umstrittenen Standort trotz aller Pannen festzuhalten.  Stattdessen wurde Kahlen aufgebrummt, bis Anfang April ausführlich die Kosten der Sanierungsmaßnahmen aufzulisten und eine sogenannte Matrix mit Ausweich-Standorten vorzulegen. 

 

Kahlen steht seit Mitte 2015 unter Druck. Damals entdeckten Gutachter Risse im Hangar, und die Bodenplatte rutschte ab. Nur indem man die neu aufgeschüttete Kuppe wieder abgetrug, ließ sich die Baustelle stabilisieren. Der Stadtrat verhängte dann im Dezember 2015 einen Baustopp bis auf Widerruf. 

 

Das Desaster begann aber schon 2011, als bei Probebohrungen die statischen Probleme der Halde nicht erkannt wurden. Welche Gifte hier lagern und ob sie ins Grundwasser gelangen, kann bis heute auch niemand genau sagen.

 

Ende 2011 beschloss der Rat, der Grundstücksentwicklungsgesellschaft GSE die Deponie abzukaufen. Die Firma, an der die Stadtsparkasse Köln, das Abrissunternehmen Engel Umwelttechnik und der notorische Bauunternehmer Heinz-Hermann Göttsch beteiligt waren, war Investor auf der gesamten CFK-Brache in Kalk. Die GSE war froh, die Altlast Kalkberg so einfach loszuwerden. Die Verantwortung für mögliche Umweltschäden trug nun die Stadt. 

 

Mit dem heutigen Wissen wäre dieser Deal nie zustande gekommen, sagen Ratspolitiker mittlerweile. Damals aber gab es eine breite Mehrheit. Jörg Frank, Fraktionsgeschäftsführer der Grünen, berichtet von einer Kampfabstimmung in der Fraktion. Die zentrale Lage für Rettungshubschrauber sei ein stärkeres Argument gewesen als die Sorge vor einem »eher unwahrscheinlichen Sanierungsfall«, wie es im Kaufbeschluss hieß. 

 

Der damalige Umweltamt-Leiter Ernst Drösemeier bezeichnete die Halde als bestuntersuchte Kölner Altlast. Jetzt sagt Christina Brammen-Petry, kommissarische Leiterin des Umweltamtes, es habe zwar acht, neun Gutachten gegeben, doch »aus heutiger Sicht wären weitere Untersuchungen sicher nicht falsch gewesen.« Schon in den 90er Jahren waren unter anderem Chloride und Sulfate nachgewiesen worden, man ging jedoch nicht davon aus, dass sie ins Grundwasser gelangen könnten. 2011 entdeckte man Zyanide im Grundwasser, aber erst seit zwei Jahren wird systematisch kontrolliert. 2012 maß man bei Oberboden-Untersuchungen erhöhte Werte von Schwermetallen. Weil Kahlen für die Gutachten Bäume und Sträucher roden ließ, drohten sie nun bei trockenem Wetter in die Nachbarschaft zu wehen. 

 

Am 11. April hätte Kahlen im Hauptausschuss eigentlich über Umfang und Kosten weiterer Sanierungsmaßnahmen informieren und die Matrix mit Standort-Alternativorlegen müssen. Weil er dies nicht konnte oder wollte, wurde die Sitzung abgesagt. Der Machtkampf zwischen dem frustrierten Stadtdirektor und der neuen schwarz-grünen Koalition ist voll entbrannt. An Stelle von Kahlen präsentierte unterdessen die Bürgerinitiative Kalkberg Ausweichstandorte, unter anderem in Niehl und in Flittard. 

 

Michael Paetzold (SPD), zweiter stellvertretender Vorsitzender im Gesundheitsausschuss, springt seinem Parteigenossen Kahlen bei. »Ich fühle mich vom Stadtdirektor intensiv informiert«, sagt er. Paetzold hält es für falsch, dass in der Gemeinsamen Sondersitzung die 550.000 Euro für eine Sanierung nicht beschlosssen wurden. Für Paetzold bleibt der Kalkberg wegen seiner zentralen Lage bester Standort. Aber eine Mehrheit dafür ist selbst nach einer Sanierung des Kalkbergs kaum wahrscheinlich. Zu groß sind die Zweifel der meisten Ratsmitglieder, zu sehr hat das Vertrauen in die Gutachten und in Kahlen gelitten.