Refugees welcome — aber erst nach der Sanierung, Foto: Manfred Wegener

Aufräumen statt Räumen

Die Stadt will ein besetztes Haus an der Zülpicher Straße

sanieren, um Geflüchtete unterzubringen

An diesem Freitagnachmittag geht es im besetzten Haus an der Zülpicher Straße 290 gemächlich zu.  Heute ist Putztag. Mit Wassereimern und Schrubbern setzen sich einige Hausbesetzer gegen den Baustaub zur Wehr. Er hat sich in dem seit Jahren leerstehenden Gebäude als feine Schicht über alles gelegt. Ein Rudel schläfriger Hunde beobachtet das Treiben vom oberen Treppenabsatz aus. Vier Monate dauert die Besetzung des großen Eckhauses mitten in Sülz nun schon an. »In dieser Zeit ist viel passiert«, erinnert sich Daniel, während er durch die Gänge und verwinkelten Wohnungen führt.

 

Von den fünfzig Besetzern, die Mitte Dezember vergangenen Jahres in das Haus einzogen, lebt heute noch rund die Hälfte hier. Mit Hilfe von Spenden und einer breiten Unterstützung aus der Nachbarschaft haben sie Wasserleitungen erneuert und die Toiletten im Erdgeschoss repariert. Seit einigen Wochen kann sogar mit Strom geheizt werden. »Wir wollen, dass das Haus allen offen steht«, sagt Daniel und zählt die Veranstaltungen auf, die in der ehemaligen Eckkneipe geplant sind: Vorträge zu Gentrifizierung und selbstverwaltetem Wohnen, eine Ausstellung über die Proteste im Hambacher Forst (siehe auch Seite 14) und ein Umsonst-Laden.

 

»Eine so wohl überdachte und gezielt gegen den Leerstand gerichtete Aktion schreit nach Nachahmung«, findet Jörg Detjen, Fraktionsvorsitzender der Linken im Stadtrat. Von Anfang an hat Detjen die Besetzung verfolgt, hat mit den Aktivisten vor Ort gesprochen und mit der Polizei verhandelt, als die nach einer angedrohten Strafanzeige durch den Immobilienverwalter das Gebäude räumen sollte. Die Stadt Köln, so Detjen, habe ein großes Interesse daran, dass das Haus auch für künftige Bewohner nutzbar sei — gerade jetzt, wo nach Wohnraum für Geflüchtete gesucht werde.

 

Und tatsächlich zeichnet sich nach monatelangen zähen Verhandlungen eine Einigung zwischen Besetzern, dem Hausverwalter Egon Joisten und der Stadt ab. Noch im April soll ein Vertrag unterschrieben werden, der die weitere Sanierung und Nutzung des Hauses regelt, hieß es bei Redaktionsschluss. Als Vertreter des Eigentümers würde dann Joisten die Sanierung übernehmen, anschließend soll das Gebäude an die Stadt vermietet werden.

 

»Ich bin optimistisch, dass es zu einer einvernehmlichen Lösung kommen wird und der Wohnraum künftig für Geflüchtete genutzt werden kann«, erklärt Joisten, der seit Dezember 2012 das Gebäude verwaltet. Bereits im Juni 2015 hatte er mit der Stadt erstmals über einen künftigen Mietvertrag verhandelt — kurz zuvor, am »Tag des Guten Lebens«, hatten Anwohner das Haus schon einmal symbolisch einige Tage besetzt, als Geste gegen Leerstand.

 

»Für viele in der Nachbarschaft war es undenkbar, dass ein so großes Haus mitten in der Stadt leersteht«, erinnert sich David. Der Anwohner hat den Verfall an der Zülpicher Straße 290 seit Jahren beobachtet. In den ersten Tagen der Besetzung schaute David nur mal kurz herein, um Hallo zu sagen — seitdem packt er fast täglich bei Schichten im »Info-Café« oder bei der Sanierung mit an. Wie viele andere Nachbarn treibt David die Frage um, warum die Stadt so lange nichts für den Erhalt des Hauses getan habe.

 

»Wie wir alle wissen, fließen die Gewässer des Rheins gemächlich«, sagt Roland Schüler (Grüne), der stellvertretende Bezirksbürgermeister von Lindenthal. Seit der bislang letzten großen Aufregung im März, als der Verwalter ankündigte, sich auf einen Mietvertrag mit der Stadt einzulassen, ist nicht mehr viel passiert. »Für uns in der Bezirksvertretung ist vor allem wichtig, dass das Haus möglichst schnell genutzt werden kann«, sagt Schüler. Die Verzögerung, so Schüler, könnte damit zu tun haben, dass eine Direktvergabe an die Stadt, also eine Vermietung ohne Ausschreibung, juristisch schwieriger sei.

 

»Wir ziehen erst aus, wenn vertraglich sichergestellt ist, dass der Wohnraum auch wirklich Geflüchteten zur Verfügung steht«, sagt Daniel. Für die Zeit der Sanierung suchen er und seine Mitstreiter Ersatzwohnungen, die Stadt solle dabei helfen. »Wir haben keine Lust als Trüffelschweine zu fungieren, die für die Stadt nach geeignetem Leerstand suchen und dann wieder abhauen.«