»Afghanen und Pakistanis mögen es scharf, Syrer eher weniger«: Essenszubereitung bei Hot Food Idomeni, Fotos: Hot Food Idomeni

»5000 Mahl­zeiten am Tag«

Barry Fallon organisiert die Suppenküche »Hot Food Idomeni« an der Grenze von Griechenland und Mazedonien

 

 

Herr Fallon, was genau macht »Hot Food Idomeni«?

 

Wir sind eine Suppenküche, die etwas außerhalb des Lagers liegt. Es gibt uns seit Anfang März und wir bereiten jeden Tag 3500 bis 5000 heiße Mahlzeiten zu, meistens Suppe, aber manchmal auch Gerichte mit Reis. Wir kochen überwiegend vegan, weil es schwierig ist, eine große Menge Fleisch ohne Risiken zuzubereiten. Wir versuchen, möglichst viel bei griechischen Händlern zu kaufen. Griechenland befindet sich auch in einer Krise und wir fühlen uns den sehr hilfsbereiten Menschen hier verpflichtet. Außerdem gibt es fantastische lokale Produkte, etwa das Olivenöl.

Wieviel Leute arbeiten in Ihrer Suppenküche? Sind auch Geflüchtete dabei?

 

Wir haben eine Kernbelegschaft von fünf Leuten, dazu kommen Freiwillige, auch eine aus Köln. An manchen Tagen arbeiten 25 Menschen in der Suppenküche. Geflüchtete sind nicht dabei, aber wir reden jeden Tag mit ihnen und fragen, wie ihnen das Essen schmeckt. Am meisten wünschen sich die Geflüchteten, dass wir Hühnchen kochen, aber das gibt
es hier nicht halal. Die Geschmäcker sind auch unterschiedlich. Afghanen und Pakistanis mögen es scharf, Syrer eher weniger. Außerdem gibt es auch Babys im Camp, die gefüttert werden müssen. Wir fragen die Geflüchteten nach Rezepten, aber wenn wir mal danach kochen, heißt es: »So ist das nicht richtig« (lacht).

Wie kommt man dazu, eine Suppenküche in Idomeni aufzubauen?

 

Eigentlich hatte ich gerade in Wales eine Ausbildung zum ­Lehrer begonnen, aber damit war ich nicht zufrieden.  Letztes Jahr Weihnachten sind einige Freunde von mir nach Calais gefahren, um dort Geflüchteten zu helfen. Ich bin mitgefahren, und nach meiner Rückkehr habe ich mich entschlossen, meine Ausbildung abzubrechen und wieder nach Calais zu gehen. Dort habe ich ein Lagerhaus für Nahrungsmittel gemanagt. Das Lager in Calais ist wie eine kleine Stadt, es gibt Frisöre, Restaurants und so. Nachdem das Lagerhaus auch ohne mich lief, ergab sich die Gelegenheit, nach Italien zu gehen. Auf dem Weg dorthin hörten wir von der Lage in Idomeni. Wir sind dann nach Griechenland gefahren, als wir ankamen, war es schlimmer als in allen Berichten: kalt und matschig, die Menschen haben teils unter freiem Himmel übernachtet. Also haben wir als erstes eine Teeküche eröffnet, aber dann haben wir immer mehr Equipment und Zutaten erhalten und angefangen zu kochen. Als wir das erste Mal 2000 Mahlzeiten am Tag zubereitet haben, haben wir gedacht: »Wow!« Mittlerweile können wir langfristig sicherstellen, dass wir  5000 Mahlzeiten am Tag kochen können. Ein Teil der Ängste im Camp rührt sicher daher, dass man nicht weiß, was morgen sein wird. Wir haben es bislang geschafft, jeden Tag vor Ort zu sein.

Wie arbeitet Hot Food Idomeni mit den verschiedenen Organisationen vor Ort zusammen?

 

Wir treffen uns einmal in der Woche mit Ärzte ohne Grenzen und dem UNHCR, um zu koordinieren, wo genau in Idomeni wir am ehesten gebraucht werden. Die griechische Polizei hilft uns ebenfalls bei der Arbeit. Ansonsten haben wir keinen Kontakt zu den lokalen Behörden, aber die griechische Bevölkerung ist sehr hilfsbereit. Der  Manager eines Lidl-Markts hat uns sogar Waren zum Einkaufspreis angeboten.

In deutschen Medien wurden Helfer in Idomeni zuletzt kritisiert, weil sie Geflüchteten beim Grenzübertritt geholfen haben.

 

Ich war vor Ort, als das passiert ist. Ich glaube, man muss generell zwischen Aktivismus und humanitärer Hilfe unterscheiden. Wir leisten Hilfe. Ich sage den Geflüchteten auch, dass die Grenze nicht wieder geöffnet werden wird. Das sind nunmal die Fakten. Aber man kann den Menschen hier auch nicht die Hoffnung nehmen. Viele haben Angst, in die Militärcamps zu gehen und hoffen, doch noch weiterziehen zu können.

Das Camp in Idomeni wurde Ende Mai geräumt. Was bedeutet das für Ihre Arbeit?

 

Ich habe mit den anderen in der Gruppe gesprochen, wir wollen so lange wie möglich hier arbeiten. Die Arbeitszeit ist lang, es gibt kein Geld, was könnte besser sein? (lacht) Es gibt einen Konsens, weiter in Griechenland oder zumindest in Europa zu bleiben. Ich persönlich könnte mir auch vorstellen, nach Jordanien oder in den Libanon zu gehen, um dort in einem Camp zu helfen. Nur nach Syrien würde mich meine Mutter wohl nicht lassen.Im Moment sind wir aber den Menschen hier verpflichtet, auf jeden Fall solange, bis sie unsere Hilfe nicht mehr benötigen.