Bulk Bins und Rasierhobel
Diskussionen darüber, wer den Müll runter bringt, gibt es im Haushalt von Gregor und Olga Witt nicht — sie haben keinen. Seit mehr als einem Jahr lebt die Familie in Sülz nahezu müllfrei, gekauft werden nur Produkte, die unverpackt sind. Obst und Gemüse besorgen sie frisch vom Markt, statt Shampoo benutzen sie Haarseife. Gemeinsam mit Dinah Stark, die sie bei einem Zero-Waste-Stammtisch kennengelernt haben, werden sie nun ein verpackungsfreies Geschäft in Sülz eröffnen.
Ab Mitte des Jahres können Kunden in der ehemaligen Bäckerei »Heilinger« an der Berrenrather Straße ihre Einkäufe selbst abfüllen. In großen Spendern, sogenannten Bulk Bins, werden dann vor allem Trockenprodukte wie Nudeln, Linsen und Getreide angeboten, aber auch Bambus-Zahnbürsten und Zutaten zum Herstellen von Zahnpulver und Reinigungsmittel. »Unverpackt sind diese Dinge am schwierigsten zu bekommen«, erzählt Olga Witt. Die Idee, ein Zero-Waste-Geschäft zu eröffnen, sei vor allem aus dem eigenen Bedürfnis entstanden, es im Alltag einfacher zu haben. Mit einer Crowdfunding-Kampagne, die Mitte Mai gestartet ist, soll nun Geld für die Grundausstattung des Ladens gesammelt werden.
Bereits im vergangenen Jahr war ein ähnliches Projekt, der »Tuetenlos«-Supermarkt in der Südstadt, an Konflikten der Gründungsmitglieder gescheitert. Mit einem mangelnden Interesse der Kölner an verpackungsfreiem Einkaufen habe das nichts zu tun, versichert Gregor Witt: »Viele Menschen sind bereit, bei ihrem täglichen Konsum auf Müll zu verzichten.« Es sei zwar auffällig, dass sie mit ihrem Angebot vor allem Menschen ansprechen, die sich ohnehin für Nachhaltigkeit interessieren — ein Luxusgut sei ein verpackungsfreier Lebensstil dennoch nicht. »Es ist eine Umstellung, für die man sich Zeit nehmen muss«, erzählt Dinah Stark, »aber tatsächlich lässt sich damit extrem viel Geld sparen.«
Entstanden ist die Zero-Waste-Bewegung in den USA, wo Vorreiterinnen wie die Bestseller-Autorin Bea Johnson einen minimalistischen, bewussten Lebensstil propagieren — ganz ohne Müll, aber dafür mit Rasierhobel, Menstruationstasse und Popobrause. Mittlerweile ist die Erkenntnis, dass Plastik nicht verrottet, auch in Europa angekommen. Ende April unterzeichneten Unternehmen wie Karstadt, Saturn und H&M eine Selbstverpflichtung, Tüten nur noch gegen Gebühr abzugeben. In Dänemark und Irland ist das längst Normalität.
Ein wichtiger Schritt, finden die Betreiberinnen des Zero-Waste-Ladens, für sie fängt Müllvermeidung aber schon bei den Lieferanten an. »Wir appellieren, keine Werbung in die Pakete zu legen und notfalls mit alten Zeitungen zu stopfen«, erklärt Olga Witt. Auf die Frage, wie viel es bringt, wenn Einzelne so konsequent auf müllfreien Konsum achten, reagieren die drei amüsiert. »Wir haben viele Tiefs«, erzählt Gregor Witt, »aber wir sind davon überzeugt, dass es bald in jedem Supermarkt verpackungsfreie Lebensmittel geben wird.«