Da ist er, der neue Politikstil: Stadtgespräch im Bezirksamt Kalk, Foto: Manfred Wegener

Zwischen Salzgebäck und Stellwänden

OB Henriette Reker lädt zum »Stadtgespräch« nach Kalk. Ein Erlebnisbericht

 

 

Der Appetit kommt hinter der Drehtür. Stehtische mit bordeauxfarbigen Hussen, darauf Wassergläser, in denen mundwässernde Käse- und Salzstangen stecken. Für das leibliche Wohl ist gesorgt. Hereinspaziert zum zweiten »Stadtgespräch« mit OB Henriette Reker! An einem Dienstag im Juni gastiert »das neue Beteiligungsformat« im Bezirksamt an der Kalker Hauptstraße. Und natürlich sind wie immer die Käsestangen schneller weg als die Salzstangen, bevor es hier richtig los-, vielleicht sogar abgeht. 

 

Henriette Reker steht in der Pflicht, ein Versprechen aus dem Wahlkampf einzulösen. Es ist das wohl größte, das sie gegeben hat: ein »Neuer Politikstil«. Bürgerbeteiligung ist das Stichwort, also das, was jetzt und hier passieren wird und erst der Anfang sein soll. 

 

18.57 Uhr, eine erste Sichtung. »Da isse, tolle Frau!«, sagt eine ältere Dame sehr richtig und stupst ihren Mann an, der die Cola aus dem Weinglas trinkt, weil die Wassergläser aus sind. Getränke sind alkoholfrei, aber gratis. Die beiden sitzen auf zwei der rund hundert Stühlen, die in der Aula des Bezirksrathauses aufgestellt sind. Aber gut doppelt so viele Gäste sind da. Sie drängeln sich um die Stühle: Nachbarschaft, Vertreter von sozialen Einrichtungen, Vereinen, Initiativen. Viele Veedels-Promis sind zu besichtigen. Pfarrer Meurer aus Höhenberg-Vingst, sozialpolitisches Gewissen der Kölner Katholiken, verstaut seinen Fahrradhelm. An einer Stellwand lehnt Boris Sieverts, Aktivist der BI Kalkberg, die eine Rettungshubschrauber-Station auf dem Kalkberg verhindern will. Sogar Harris Tiddens ist angereist, dessen Bürgerbeteiligungs-Manifest »Wurzeln für die Lebende Stadt« derzeit in Bürgerinitiativen kursiert. Aber wo ist Manfred Kreische? Der selbsternannte, aber höchst anerkannte Anwalt für Kalk, darf nicht fehlen! Und er wird noch kommen.

 

Die OB begrüßt schon mal die ersten Reihen mit Handschlag. Dass die Menschen sitzen bleiben, wenn sie der OB die Pfötchen reichen — geschenkt. Reker lässt sich nichts anmerken. Authentisch und zugleich routiniert, das gilt es bis hierhin schon mal festzuhalten, ist ihr »Neuer Politikstil«.

 

Punkt 19 Uhr treten zwei Moderatoren vor die Menge. Laien am Mikrofon, aber mit Herzblut. Draußen braut sich was zusammen, Gewitterstimmung, drinnen ist die Atmosphäre entspannt. 

 

Die Moderatoren vergessen, sich vorzustellen. Und dann noch Mikro kaputt! Der Techniker zeigt, wo der An-Aus-Schalter ist. Freundliches Gelächter. Wir erinnern uns an Bürgerversammlungen, da wurde zu diesem Zeitpunkt schon »Typisch Köln!« geblökt. Neuer Politikstil auch bei den Gästen? 

 

Jetzt kommt ein Gremium aus Bürgern und Politikern nach vorne, die seit einem Jahr den »Leitlinienprozess zur Beteiligung von Bürgerinnen und Bürgern«, gestalten. Jetzt stehen sie unbefragt rum. Professionelles Grinsen der Politiker, abwartend verschränkte Arme der Bürger, reflexhaft aufmunternder Applaus des Publikums. 

 

 

Jetzt endlich Reker. Der Moderator liest ab: »Stadtgespräch -— was wollen Sie damit bewirken?« Reker lässt sich nicht irre machen, routinierte Floskeln, wie wichtig Bürgerbeteiligung sei. Dann zum Lockermachen: »Wir haben heute darauf geachtet, dass Deutschland nicht spielt«, sagt Reker. Das Publikum reagiert, als sei das ein sehr guter Witz gewesen. 

 

 

Sozialraumkoordinatoren werden vorgestellt, die Sozialraumkoordinatoren-Geschichten erzählen. Einer fährt mit dem Fahrrad herum und verteilt Infozettel. Beifall, Heiterkeit. Und dann ist auch schon alles vorbei. Das Publikum wird gebeten, in den Nebenraum gehen, in die Kantine. Aber da gibt es keine neuen Käsestangen, sondern Filzschreiber und Stellwände mit freundlichen Verwaltungsmitarbeiter davor. Alles darf man fragen, alles darf man aufschreiben. Eine Stellwand fragt, wie man die Qualität von Bürgerbeteiligung sichern könne. Pfarrer Meurer zückt den Filzstift: »Es kommt nur auf die Personen bei der Stadt an.« Überall schreiben Besucher jetzt auf die Stellwände. Frau Reker, als habe sie die Amtskette abgelegt, mittenmang. 

 

 

20.15 Uhr, es leert sich. Wegen Österreich — Ungarn? Oder weil das »Markt«-Format dieser Veranstaltung die Bürger zu sehr sich selbst überlässt? »Ich dachte, Frau Reker fragt uns noch was«, meint ein Herr mit Funktionsweste. Schnelle Reaktion: Um 20.38 Uhr steht ein Moderator auf dem Tisch. Er ruft: Alle bitte wieder in die Aula gehen, Frau Reker sagt noch was! Alle rüber. Reker sagt, wie gut es ihr gefallen hat, viele Anregungen und so. Irgendjemand im nicht-offiziellen Deutschland-Trikot erzählt, wie schlecht es in Berlin ist. Es ist sehr ausführlich geschildert. Reker kriegt die Kurve: »Vielen Dank, dann nehmen wir das mal als Warnung für Köln.« Der nächste, bitte. »Nabend,  Kreische aus Kalk.« Manfred Kreische, Kalk-Anwalt! Sein Bürgerantrag, vor etlichen Wochen gestellt, ist immer noch nicht beantwortet. Nur wenige begreifen, wie skandalös das ist. OB Reker reagiert prompt, die Antwort komme bis übermorgen. Kreische zufrieden, Publikum zufrieden, draußen ist das Unwetter auch vorbei. Die meisten nehmen sich noch Salzstangen mit auf den Heimweg, bei der EM hat niemand was verpasst, Ungarn gewinnt 2:0.

 

 

»Stadtgespräch«, 

Nächster Termin: 6. Oktober, 19 Uhr im Bezirksrathaus Porz, Friedrich-Ebert-Ufer 64-70, 

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