Spritztour statt Stau
Jetzt will es jeder gewesen sein. Die Parteien im Stadtrat rangeln darum, wer zuerst vorgeschlagen hat, Wasserbusse auf dem Rhein einzusetzen, um den ÖPNV zu verbessern. Denn Bahnen und Busse sind überfüllt, gerade auf den Linien, die über den Rhein oder entlang seiner Ufer verlaufen. So erhielt der Antrag von CDU, Grünen, FDP und der Wählergruppe Deine Freunde im Juni eine breite Mehrheit dafür, ein »Wasserbusliniensystem Rheinland« von der Verwaltung prüfen zu lassen.
Aber ist die Idee wirklich so gut? Manch einer hält den Vorschlag für ein Sommerloch-Thema. Nicht nur, weil eine Spritztour auf dem Wasser zur Jahreszeit passt, sondern auch, weil das Thema seit Mitte der 70er Jahre immer wieder auftaucht — ohne dass bis heute jemals der Rhein für den öffentlichen Personennahverkehr genutzt worden wäre.
Neu ist jetzt aber, dass die Nutzung nicht auf das Kölner Stadtgebiet beschränkt bleiben soll. Es soll ein regionales Modell werden, mit Bonn und Leverkusen, aber auch dem Rhein-Sieg-Kreis, der mit -Niederkassel an Köln grenzt und bis Königswinter und Bad Honnef reicht.
Ein »Wasserbusliniensystem Rheinland« ist auch eine naheliegende Idee. Doch sie wird sich nicht schnell umsetzen lassen. Viele Vorausetzungen, wie überhaupt ein solches ÖPNV-System auf dem Rhein entwickelt werden kann, müssen erst geklärt werden. Unterdessen beschädigen die politischen Scharmützel zwischen der Kölner SPD und der schwarz-grünen Koalition im Rathaus, angeheizt durch den bevorstehenden NRW-Landtagswahlkampf, die Idee.
Die wichtigsten Fragen sind: Wer kann eine Wasserbuslinie betreiben? Und wie lässt sie sich an den ÖPNV anbinden? Schließlich sollte man vom Wasser aus schnell in Bus und Bahn umsteigen können; am besten, ohne einen neuen Fahrschein kaufen zu müssen.
Laut Antrag sollen dazu die KVB, der Verkehrsverbund Rhein-Sieg (VRS) und der Nahverkehrsverbund Rheinland (NVR) Ideen entwickeln. Eine besondere Rolle kommt dabei Reimar Molitor zu. Er ist Geschäftsführer von »Region Köln/Bonn«, einem Verein, der sich als Dienstleister im Regionalmanagement begreift. »Es gibt einiges zu tun«, sagt Molitor. »Ich sehe meine Aufgabe als Moderator.« Molitor selbst ist fasziniert von der Idee eines Wasserbusliniensystems, für ihn kann es dabei aber nur regionale Lösungen geben. »Köln ist größer als Köln«, sagt er mit Blick auf die täglichen Pendlerströme.
Molitors Begeisterung verfängt bei den Verkehrsbetrieben derzeit noch nicht. Man werde sich »aktiv an dem Prozess beteiligen«, sagt KVB-Sprecher Matthias Pesch. Aber vor allem stellt Pesch Gegenfragen, etwa: Wie lässt sich das Wasserbusliniensystem in den ÖPNV integrieren? Wer kann Betreiber sein? Wie könnte ein Linien- und Betriebskonzept aussehen? Wie werden Haltestellen und Anlegestellen verbunden? All das sind die richtigen Fragen, aber Begeisterung für verkehrspolitische Innovation hört sich anders an.
Manch ein Politiker im Rathaus wirft der KVB vor, nicht aufgeschlossen für neue Ideen zu sein. Schon 2011 hatte die KVB auf Initiative der damaligen rot-grünen Koalition ein Gutachten in Auftrag gegeben, das zum Ergebnis kam, dass Wasserbusse zu teuer seien. Allerdings erstreckte sich die Untersuchung nur auf das Kölner Stadtgebiet, jetzt geht es um die Region. Das Argument, ein Wasserbusliniensystem sei grundsätzlich zu teuer, lässt Jörg Frank, Fraktionschef der Grünen im Rat, nicht gelten. »ÖPNV kann niemals gewinnträchtig sein«, betont Frank. »Wenn es darum ginge, keine Verluste zu machen, würden in Köln gerade mal drei Bahnlinien fahren.«
Reimar Molitor von der Region Köln/Bonn e.V. sucht aber auch nach Möglichkeiten, ein solches Projekt finanziell fördern zu lassen. Aber er steht noch am Anfang. Es geht außerdem darum, rechtliche Fragen zu erörtern. Der Rhein fällt als Bundeswasserstraße auch in den Zuständigkeitsbereich des Bundes, zudem müssen europäisches Recht und zahlreiche Auflagen — etwa zur Sicherheit und zur Barrierefreiheit — beachtet werden. Daher ist jetzt noch niemand in der Lage, überhaupt einen Zeitplan vorzulegen.
»Das dauert alles zu lange«, sagt Jochen Ott, Chef der Kölner SPD und Vizevorsitzender der Landes-SPD. Er hat bereits Kontakte geknüpft zu Fährmann Heiko Dietrich, der die Fähre zwischen Weiß und Zündorf im Kölner Süden betreibt. Seine Expertise will Ott nutzen, schließlich habe Dietrich über viele Jahre Erfahrungen mit dem Rhein gesammelt.
Zudem bräuchten die Menschen in Porz eine Sicherheit, dass der Fährbetrieb weitergehe, auch wenn Dietrich vielleicht bald aufhöre. Zwar steht im Ratsbeschluss vom Juni, dass eine Verbindung zwischen Porz und Rodenkirchen schon vorzeitig in Betrieb gehen soll, doch das ist Ott zu wenig.
Er hat unterdessen schon einen Pressetermin auf der Fähre mit NRW-Verkehrsminister Michael Groschek (SPD) anberaumt. »Das ist Landtagswahlkampf von Jochen Ott, der mit Aktionismus Lösungen vorgaukelt«, sagt Jörg Frank. »Die SPD war jahrelang gegen das Projekt und möchte nun mitschwimmen.«
Ott hat auch schon Fährmann Heiko Dietrich und Horst Leonhardt, den Chef der Häfen und Güterverkehr Köln AG (HGK) zusammengebracht. An der HGK ist die Stadt Köln über den Stadtwerke-Konzern mehrheitlich beteiligt. Daher kann sich Ott neben der KVB daher auch die HGK als möglichen Betreiber von ÖPNV auf dem Rhein vorstellen. Denn auch dort gebe es Know-How. »Schließlich betreibt die HGK einen Fährbetrieb im Kölner Norden«, sagt Ott. Jörg Frank betont hingegen: »Die HGK ist kein Unternehmen mit ÖPNV-Auftrag. Aufgabenträger des ÖPNV ist die KVB.«
Dass die HGK im Ratsantrag von CDU, Grünen, FDP und Deine Freunde nicht genannt wird, mag auch einen parteipolitischen Hintergrund haben. Ott und Frank sitzen beide im Aufsichtsrat der HGK, Vorsitzender ist dort aber SPD-Mann Michael Zimmermann.
Und HGK-Vorstand Horst Leonhardt ist ebenfalls SPD-Mitglied. Hinzu kommt: Im Streit um eine Erweiterung des Godorfer Hafens im Naturschutzgebiet Sürther Aue hat die HGK zusammen mit der SPD stets einen Ausbau gefordert — gegen den Widerstand der Grünen, der FDP und mittlerweile auch der CDU.
Auf Nachfrage, ob die HGK als Betreiber eines Wasserbusliniensystems denkbar wäre, reagiert HGK-Sprecher Michael Fuchs ähnlich verhalten wie die KVB. Zwar verfüge man als Unternehmen der Hafenlogistik und Betreiberin einer Rheinfähre im Kölner Norden »über Kenntnisse und Erfahrungen im Bereich der Binnenschifffahrt, die in dieser Frage hilfreich sein können« und stehe gerne bereit, mögliche Alternativen für ÖPNV auf dem Rhein zu prüfen. »Jedoch wird die HGK keinen Betrieb durchführen, der unwirtschaftlich ist — es sei denn, die anfallenden Defizite werden anderweitig ausgeglichen.«
Verkehrspolitische Aufbruchsstimmung ist also bei der HGK ebenso wenig zu spüren wie bei der KVB. Dabei liegt es offenkundig nahe, den Rhein für den ÖPNV zu nutzen. Jörg Beste, Geschäftsführer des Architektur Forum Rheinland (AFR), hat sich schon lange mit der Nutzung des Rheins für den ÖPNV beschäftigt. »Der Rhein ist kostenloser Verkehrsweg, man muss weder in Asphalt noch in Schienen investieren«, sagt Beste. »Wenn man bedenkt, dass für viereinhalb Kilometer Nord-Süd-U-Bahn mehr als eine Milliarde Euro ausgegeben wurden! Dafür hätte man jahrzehntelang einen Schiffsverkehr auf dem Rhein betreiben können.« Jörg Beste, der auch als Sachkundiger Einwohner für die Grünen im Ausschuss für Stadtentwicklung sitzt, betont, dass »durch den ÖPNV auf dem Rhein auch die neuen oder geplanten Quartiere am Rhein besser erreicht werden können«. Dazu gehöre etwa der Mülheimer Süden, dessen ÖPNV-Anbindung ansonsten schwierig wäre. Ähnliches gelte für Naherholungsgebiete wie den Rheinpark. Und ein Wasserbus-Liniensystem ermögliche außerdem, Fahrräder mitzunehmen — schließlich stiegen immer mehr Menschen aufs Rad um.
Als Vorbilder für ÖPNV auf dem Rhein werden immer wieder Hamburg, aber auch Amsterdam, Rotterdam und Kopenhagen genannt. Aber ist ein Vergleich mit dem Rhein zulässig? »Hamburg lässt sich nicht mit dem Rhein vergleichen«, sagt Fährmann Heiko Dietrich. Die Strömung würde von Laien unterschätzt, flussaufwärts könne man nicht schneller als 13 km/h fahren. Und setzte man stärkere Motoren ein, führe das zu Lärmbelästigungen und zu wieder neuen strikten Auflagen und Kosten. »Und Wasserbusse, die am Land weiterfahren, die wird es hier nicht geben«, so Dietrich. Auch das Ein- und Aussteigen dauere zu lange und führe zu Verzögerungen. »Die Pendler stehen ja morgens nicht in Reih und Glied am Ufer und marschieren wie eine Militärkolonne an Bord.«
Statt Wasserbussen schlägt Dietrich einen Fährverkehr im Zickzack vor, vielleicht von der Schönhauser Straße in Bayenthal über Poll und Rodenkirchen nach Westhoven und Porz. Das eben sind auch die Pläne von Jochen Ott und der SPD. »Heiko Dietrich ist der einzige, der zurzeit über Erfahrungen verfügt«, sagt Susana dos Santos, verkehrspolitische Sprecherin der SPD-Fraktion. Sie sieht nicht, dass der jetzige Vorstoß der SPD dem Ratsbeschluss einer überregionalen Zusammenarbeit entgegenstehe, schließlich habe die SPD ihm zugestimmt. »Beides kann man parallel untersuchen«, findet dos Santos: das überregionale Konzept, so wie es im Rat beschlossen wurde, aber auch die Pläne, die Jochen Ott nun vorschlägt.