Hier muss man sich besonders anstrengen: Die Stockholmer Allee, Foto: Dörthe Boxberg

Die Zeit als Gegenspieler

Die GAG hat endlich die 1200 herunterge­kommenen Wohnungen in Chorweiler gekauft. Kommt nun die Wende im Quartier?

 

»Es wird nicht leicht«, sagt Jochen Ott. Der Kölner SPD-Chef steht an der Stockholmer Allee in Chorweiler, hinter ihm eine zugewucherte Brachfläche. Sie ist mit einem Bauzaun abgesperrt, weil darunter eine Tiefgarage ist — Einsturzgefahr. Über Ott befindet sich ein Teil der 1200 Wohnungen, die elf Jahre lang zwangsverwaltet wurden und nun von der städtischen Wohnungsbaugesellschaft GAG gekauft wurden. Fünf Jahre lang hat Ott sich als GAG-Aufsichtsratsvorsitzender und wohnungspolitischer Sprecher der SPD im Landtag dafür eingesetzt. Jetzt wird er doch noch enthusiastisch: »Es kann hier bald richtig was angestoßen werden.« 

 

Bevor etwas angestoßen wird, muss jedoch erst einmal aufgeholt werden. »Wir rechnen in den nächsten fünf Jahren mit 35 Millionen Euro für die aufzuholende Instandsetzung und mit 12 Millionen Euro für die Instandhaltung«, erzählt Kathrin Möller, Vorstandsmitglied bei der GAG. Für rund 47 Millionen Euro hat die Wohnungsbaugesellschaft die rund 45 Jahre alten Häuser gekauft, nachdem 2013 eine Zwangsversteigerung an einen Finanzinvestoren verhindert werden konnte. Der Zustand der Wohnungen ist desolat: zugige Fenster, Schimmel in den Bädern, mangelhafter Brandschutz, permanente Rohrbrüche. »Die Menschen müssen bald spüren, dass sich wirklich etwas tut«, sagt Siggi Heidt von der Mieterkontaktstelle der katholischen Kirche. »Wir werden die erheblichsten Mängel beseitigen, aber keine Modernisierung machen«, sagt Kathrin Möller. »Dafür müssten wir einen hohen Betrag auf die Mieter umlegen. Wir wollen aber preiswerte Mieten erhalten.« 

 

»Es freut mich, wenn die Lebensqualität hier erhöht wird«, sagt Puya Bagheri, »aber ob das für Chorweiler City viel bewegt, ist fraglich.« Bagheri ist Designer und in Chorweiler aufgewachsen, seit vergangenem Sommer gibt er dort in einem ehemaligen Ladenlokal Graffiti- und Streetart-Kurse für Jugendliche — alles ehrenamtlich. »Die Leute sind ernüchtert. Sie hören seit 20 Jahren, dass sich etwas ändern wird. Ich habe bislang keine Quantensprünge bemerkt.« Die resignative Stimmung bei vielen Bewohnern hat Auswirkungen auf die Politik. Die Wahlbeteiligung bei der OB-Wahl im Oktober 2015 lag bei 14,6 Prozent. »Die Politik muss akzeptieren, dass es bestimmte Stadtteile gibt, wo man sich mehr anstrengen muss«, sagt Jochen Ott. Ein erster Test dafür ist die Umgestaltung der zentralen Plätze von Chorweiler. 8,8 Millionen Euro — fünf davon sind Bundesmittel — stehen für Pariser, Lyoner und Liverpooler Platz zur Verfügung, eine Bürgerbeteiligung soll sicherstellen, dass nicht an den Bedürfnissen vor Ort vorbeigeplant wird. »Wir wollen keine falschen Versprechen machen«, sagt Mathias Burke von Urban Catalyst Studio aus Berlin. Das Büro hat im vergangenen Jahr die Bürgerbeteiligung bei der Parkstadt Süd organisiert, ab August sind sie gemeinsam mit dem Büro Umschichten in Chorweiler aktiv. In einem Zelt auf dem Lyoner Platz können die Chorweiler Bürger erste Ideen sammeln, die schließlich bis Ende des Jahres in weiteren Workshops verfeinert werden sollen. »Uns ist klar, dass die Sozialstruktur in Chorweiler eine andere ist als in der Südstadt«, sagt Burke. »Aber wer hier aufwächst, macht sich Gedanken über den Raum.« 

 

Auch die GAG setzt auf die Stabilisierung des Wohnumfelds. In den nächsten zehn Jahren fließen im Rahmen eines Betrauungsaktes zusätzlich 32 Millionen Euro städtisches Geld nach Chorweiler. Aus diesem Topf bezahlt die GAG zwei Streetworker zusätzlich. Ein Quartierszentrum als Anlaufstelle für Mieter hat die Arbeit bereits aufgenommen und eine Mieterbefragung gestartet. Insgesamt sollen 19 Mitarbeiter der GAG vor Ort  sein.

 

Stadtweit liegt Chorweiler an der Spitze des Jugendhilfeindexes, der etwa Auskunft über Kinderarmut, Jugendarbeitslosigkeit oder Bildungsferne gibt. »Bei allem Grün, bei allem Engagement: Hier gibt es die größten Problemlagen von Köln«, sagt Martina Zuber-Goljuie, als Bezirksjugendpflegerin zuständig für Chorweiler. 

 

Zusätzliche Hoffnung legen Stadtverwaltung und Politik auf ein europaweites Förderprogramm, mit dessen Hilfe Armut bekämpft und Quartiere nachhaltig entwickelt werden sollen. Dass auch Köln vom dem hochdotierten Sozialfonds etwas abbekommt — stadtweit sind bis 2020 bis zu 55 Millionen Euro abrufbar — galt so gut wie sicher.  Nun zeichnet sich eine erneute Schlappe der Kölner Verwaltung ab: Um die Förderung in Anspruch nehmen zu können, muss die Stadt in einem ersten Schritt ein »Integriertes Handlungskonzept« beim Land NRW vorlegen. Ende 2015 wies eine ministerienübergreifende Arbeitsgruppe den städtischen Entwurf zurück, da »in mehrfacher Hinsicht Änderungsbedarf« gefordert wurde. Mitte Juni hat die Stadtverwaltung das überarbeitete Konzept eingereicht — mit gleichem Ergebnis: Ablehnung. »Es ärgert mich. Da liegt Geld sozusagen auf der Straße.Je mehr Zeit wir jetzt verplempern, desto weniger Geld können wir abrufen«, sagt Kirsten Jahn, die für die Grünen im GAG-Aufsichtsrat und im Stadtentwicklungsausschuss sitzt. »Wir wissen, dieser Stadtteil hat nicht mehr viel Zeit.«