Man gewöhnt sich dran: Einsturzstelle des Stadtarchivs am Waidmarkt, Foto: Dörthe Boxberg

Der Stein des Anstoßes

Über den Einsturz des Historischen Archivs im Jahr 2009 gibt es neue Erkenntnisse

 

Mehr als sieben Jahre sind seit demEinsturz des Historischen Archivs am Waidmarkt vergangen. Wie in Köln üblich, beginnt man, sich an den provisorischen Zustand zu gewöhnen: an die Baustelle auf 

 

der Severinstraße, an die nicht fertiggestellte U-Bahn und daran, dass die juristischen Fragen noch nicht geklärt sind. Immerhin kommt nun aber Bewegung in die Ermittlungen der Staatsanwaltschaft Köln. 

 

2014 haben die Staatsanwälte Klage gegen 96 Personen der »Projektleitung und der örtlichen Bauüberwachung« erhoben, wie es Oberstaatsanwalt Ulrich Bremer formuliert. Mit anderen Worten: gegen des Baukonsortium Arge Süd und deren Subunternehmer, gegen die KVB sowie gegen die Stadt Köln. Der Vorwurf lautet auf fahrlässige Tötung durch Baugefährdung. Mit einem Besichtigungsbauwerk in der Grube am Waidmarkt untersucht Gutachter Hans-Georg Kempfert seit Jahren die Baustelle. Nun haben Taucher unterhalb von etwa 25 Metern Tiefe auf Höhe der Schlitzwände 10 und 11 einen Felsbrocken entdeckt, unter dem nicht ausbetoniert sei.  »Das stützt die These der Staatsanwaltschaft«, sagt Ulrich Bremer. Diese These lautet, dass der Einsturz des Archivs auf Baumängel zurückzuführen sei. Demnach habe ein Loch in der Schlitzwand den Durchfluss von Erde, Sand und Wasser ermöglicht und so dem Archiv im wahren Sinne des Wortes den Boden unter den Füßen weggezogen. Dagegen behauptet die Arge Süd, ein hy--draulischer Grundbruch, also ein unvorhersehbarer, natürlicher Einbruch von Grundwasser, sei Ursache des Unglücks. Wie lange das strafrechtliche Verfahren dauern werde, kann Ulrich Bremer zwar nicht sagen. Er rechnet aber »mit Teilen des Gutachtens zum Jahresende«. Länger sollte es auch nicht dauern. Die Verjährungsfrist für diesen Straftatbestand beträgt fünf Jahre. Die relative Verjährung konnte die Staatsanwaltschaft aussetzen, indem sie 2014 Klage erhoben hat. Die absolute Verjährung läuft allerdings 2019 ab. »Bis dahin muss ein Urteil gesprochen sein«, sagt Bremer.

 

Immerhin: Das Historische Archiv arbeitet und wird von außen als funktionsfähig wahr genommen. 900 Anfragen erreichen die Mitarbeiter inzwischen pro Quartal, dazu weitere 500 Anfragen zu Meldearchiv-Beständen. »Unser Hauptziel war, die Benutzung möglich zu machen«, sagt Archiv-Leiterin Bettina Schmidt-Czaia. Ingesamt haben bis heute 16.700 Dokumente die erste Konservierungsphase durchlaufen, das sind allerdings gerade einmal zehn Prozent der Archivalien. Erschwert wird die Arbeit auch dadurch, dass der Bestand noch auf acht Archive von Schleswig bis Freiburg aufgeteilt ist. »Um alles auf zwei Standorte, das Restaurierungszentrum in Porz-Lind und das ehemalige Landesarchiv NRW in Düsseldorf, zu konzentrieren, brauchen wir noch bis Ende 2017«, sagt Schmidt-Czaia. Nicht nur die Restaurierung, auch jede Verlagerung der Archivalien erfordert höchste Sorgfalt. Denn die Stadt sei gesetzlich zur »Schadensminderung« verpflichtet, so Schmidt-Czaia. Im zivilrechtlichen Schadensersatz-Prozess der Stadt gegen die Arge Süd dürfte es auch um die Frage gehen, inwieweit die Schäden an den Archivalien durch unsachgemäße Behandlung nach dem Einsturz eingetreten sind. Auch deshalb wurden die Restauratoren-Stellen von drei vor dem Einsturz auf heute 28 Vollzeit- und 62 Hilfskräfte aufgestockt. Und der Gutachter, der im Restaurierungszentrum in Porz-Lind den Zustand der Archivalien untersucht, dürfte ein Auge auf den Umgang der Archivare mit den schadhaften Dokumenten haben.

 

Den Gesamtschaden, der der Stadt durch den Archiv-Einsturz entstanden ist, bezifferte Stadtdirektor Guido Kahlen kürzlich auf 1,2 Mrd. Euro. Geschätzte 350 Millionen entfallen dabei allein auf die Restaurierung. Dazu sollte ursprünglich die Stiftung Stadtgedächtnis erhebliche Mittel beisteuern. Doch daraus wurde nichts. Ingesamt sind 7,3 Millionen Euro in die 2010 gegründete Stiftung geflossen — davon fünf Millionen aus der Stadtkasse und je eine Million von Land und Bund. Die Gesmtsumme teilt sich auf in Stiftungskapital von 4,3 Mio. Euro und drei Millionen für den laufenden Betrieb. Seitdem seien noch Anlageerträge von rund 500.000 Euro erzielt worden, sagt der neue Vorstandsvorsitzende Konrad Adenauer, der Anfang 2015 Stefan Lafaire ablöste. Das Betriebskapital von drei Mio. Euro, das komplett aus der Stadtkasse stammt, sei dagegen vor allem durch die laufenden Betriebskosten aufgezehrt. »Die Stiftung war gar nicht in der Lage, sich selbst zu finanzieren«, so Adenauer. Dazu sei das Stiftungskapital viel zu gering gewesen. So wurden auch die vier Transportfahrzeuge und die Restauratorenstelle für das Archiv allein aus dem Betriebskapital finanziert. »Das kann so nicht weitergehen«, sagt Adenauer. In Gesprächen mit den Stiftern will Adenauer nun ausloten, ob die Stiftungs-Arbeit auf andere Weise fortgesetzt werden könne. Beiläufig fällt das Wort »Verbrauchsstiftung«, also einer Stiftung, die ihr Kapital innerhalb von zehn Jahren vollständig aufbraucht. Es hätte durchaus eine ironische Note, wenn die Stiftung Stadtgedächtnis als erste aller Begleiterscheinung des Einsturzes abgewickelt würde.