»Die Mauer ist weg. Die Mauer ist weg? Egal welchen
Sender ich einstelle, ich höre überall das selbe. Die Mauer ist weg. Alle sind überglücklich. Sie sagen, dass sie es nicht glauben können und dass sie nie dachten, das noch mal zu erleben. Unglaublich. Zu den Jubelschreien stimmen sie eine Hymne an, die in der Aussage mündet: Wir sind das Volk. Als ich ins Fernsehen sehe, spielen sich ähnliche Szenen ab. Eine Unmenge von Menschen, die durch die Straßen zieht, sich teilweise in den Armen liegt und immer wieder fast schon ekstatisch schreit: ›Die Mauer ist weg‹. Oder: ›Wir sind das Volk.‹ Vor lauter ›Die Mauer ist weg‹ und ›Wir sind das Volk‹ hatte ich ganz und gar das Fenster vergessen. Sollte es wirklich so sein, wie es das Fernsehen, das Radio und die Zeitungen berichten? Dass die Mauer weg ist? Ich wollte es nicht so recht glauben, weshalb ich auf den Stuhl stieg, um mit eigenen Augen zu sehen, ob es stimmt, was sie sagen. Was ich sah, war mir sehr vertraut: Eine Fensterbank voller Taubenscheiße, ein Gitter, von dem die Farbe bröckelt. Und — ich hatte zu Recht Zweifel — die Mauer. Sie war nicht weg, wir waren nicht das Volk, und das Ganze muss wohl ein Traum gewesen sein.«
(Helmut Poschner, »Mauerfall«)