Im Oktober werden wir unseren 50. Geburtstag feiern. Kein anderes Stadtmagazin hat so lange durchgehalten, kein anderes unabhängiges Medium hat so kontinuierlich Kölner Geschichte, Kölner Politik und Kölner Kultur begleitet, analysiert, kommentiert. Ehe im Oktober unsere große Jubiläumsausgabe kommt, wollen wir ab dieser Ausgabe jeweils ein Jahrzehnt unserer Geschichte vorstellen: mit einer Chronik und dem Wiederabdruck eines, wie wir denken, klassischen Textes.
Wir starten mit den 1970er Jahren!
Stadtrevue in den 1970ern? Da denkt man doch spontan an eine harte Polit-Postille, stramm an der Seite der Arbeiterbewegung und der um Befreiung ringenden Völker im »Trikont«. Aber weit gefehlt. Die Stadtrevue egann als Lifestyle-Magazin — Film, Theater, Literatur und Musik für Köln. Schon damals sehr umfangreich: der Tageskalender. Aber fast noch wichtiger waren die unzähligen Kleinanzeigen, in denen die Leute das Ende ihrer Beziehungen mitteilten und nach neuen suchten. Natürlich war man links, aber das war so selbstverständlich und seit der Revolte von »1968« so eingeübt, dass man darüber gar nicht mehr sprechen musste.
Unsere Politisierung setzte ein, weil diese Selbstverständlichkeit in Frage gestellt wurde — vom Staat. Die Repressionen und Verfolgungsmaßnahmen gegen Linke nahmen zu. In Köln war es der Umgang mit dem durch die Polizei schwer verletzten Arzt und Historiker Karl-Heinz Roth, der empörte (und der sich später als Justizskandal herausstellen sollte). Dazu musste man sich verhalten, Gegendruck erzeugen, sich nicht unterkriegen lassen. Die Redaktion und die beiden Herausgeber reagierten auf diesen Druck von oben nicht verzagt, sondern bemerkenswert forsch.
Aber Moment — Herausgeber? Richtig gelesen. In den 70ern war die Stadtrevue kein Kollektiv-Betrieb, sondern gehörte noch den Herausgebern und Gründern Rudolf Rau und Rolf Henke, zwei altgedienten Aktivsten der Kölner Linken. Henke druckte die Stadtrevue, Rau war Geschäftsführer.
Rau war es auch, der im Nachgang eines Skandals um das Gedenken an die Ermordung Hanns Martin Schleyer für die Stadtrevue Stellung bezog. Zum Hintergrund: In der November-Ausgabe 1977 hatte eine Initiative von Kölner Bürgern sich gegen das offizielle Gedenken an den von einem Kommando der Roten Armee Fraktion erschossenen Hanns Martin Schleyer ausgesprochen und eine »Gegendarstellung« veröffentlicht: »Wir neigen uns nicht vor dem Toten. Wir wissen uns nicht in seiner Schuld«. Stattdessen wiesen sie auf die Nazi-Vergangenheit des Arbeitgeberpräsidenten hin, er war SS-Offizier und »Arisierer« in Tschechien. Eine Aufgabe, für die Schleyer sich nach 1939 als »alter Nationalsozialst und SS-Führer« empfahl. Mehr noch: »Wir wissen«, hieß es in der »Gegendarstellung«, »daß Hanns Martin Schleyer u.a. bundesrepublikanischen Unternehmen vorstand, deren Vermögen von todgeweihten KZ-Insassen erschuftet wurde.« Für die Unterzeichner war klar, dass es eine Kontinuität zwischen den Tätigkeiten Schleyers im und nach dem Krieg gab.
Die Provokation saß. Die Empörung schlug hohe Wellen, auch über Köln hinaus. Die notorische Springer-Presse wurde auf uns aufmerksam. Besonders kurios: Alfred Biolek — schon damals ein bekannter Fernsehproduzent und Showmaster — kündigte eine geplante Zusammenarbeit mit der Stadtrevue auf.
Rudolf Rau ließ das nicht auf sich sitzen, im Folgenden dokumentieren wir seine Antwort. (Reprint S. 10) Aber nicht nur er. Bemerkenswert ist eine kleine Diskurs-Analyse, die Stadtrevue-Autor Henryk Broder im Anschluss von Raus Replik unternahm. Die BILD hatte nämlich behauptet: »Die Staatsanwaltschaft Köln hat gegen die Kölner ›Stadt-Revue‹ ein Ermittlungsverfahren wegen Verunglimpfung Verstorbener eingeleitet.« Broder fragte bei der Politischen Polizei nach — und siehe da, es gab kein Ermittlungsverfahren. Die Polizei beabsichtige auch nicht, eins zu eröffnen. Der BILD-Redakteur, mit dem Broder im Anschluss sprach, beteuerte aber, »daß die Staatsanwaltschaft gegen die ›Stadt-Revue‹ ermittelt, ich habe mit dem zuständigen Mann gesprochen, es liegen zwei Anzeigen vor, eine vom Arbeitgeberverband, eine von der Familie Schleyer, das Ermittlungsverfahren läuft, ein Aktenzeichen ist vorhanden …« Tatsächlich lag eine Anzeige vor, aber von einer Privatperson, keine von der Familie Schleyer und auch keine vom Arbeitgeberverband.
Was war da los? Das ließ sich nicht aufklären. Ein Ermittlungsverfahren gegen die Stadtrevue wurde in dieser Sache nicht eröffnet. Broder nahm nun die Kuriosität »einer behördlichen Maßnahme, die publik gemacht wird, ohne daß sie stattgefunden hat« zum Anlass, darüber zu spekulieren, dass »es immer schwieriger wird, Informationen zu bekommen und zu verbreiten.
An die Stelle der Zensur ist die ›Schere im Kopf‹ getreten, eine freiwillige Selbstbeschränkung der News-Händler, die ihre Unterwerfung unter das Gebot der Nachrichtensperre [wie sie während der Schleyer-Entführung verhängt wurde, Anm. FK] noch hingebungsvoller betreiben, als es von ihnen erwartet wird.« Es würden »auch solche Nachrichten unterdrückt, die nicht opportun sind, u.a. auch die, daß das Denkmal, auf dem die freiheitlich-demokratische Grundordnung steht, stellenweise einen ziemlich braunen Sockel hat«.
Denn: »Was juckt es also die BILD-Zeitung, wenn die ›Stadt-Revue‹ an die NS-Vergangenheit Schleyers erinnert? (…) Geht es um die Verunglimpfung des Ansehens Verstorbener? Mitnichten, es geht darum, daß niemand aus dem Rahmen tanzen soll, innerhalb dessen sich die freie Meinungsäußerung entfalten darf (…) Eine Gegenstimme, und sei sie noch so klein, versaut die ganze Harmonie, und sie macht den Großen, die so gern nicht nur groß, sondern auch engagiert sein möchten, ihre eigenen Unterlassungen, ihren Mangel an Courage deutlich. Jetzt bietet sich die Gelegenheit, Abweichler in die Knie zu zwingen, wer gegen den allgemeinen Strich denkt und schreibt, gehört gemaßregelt.«
Broder wollte das Selbstbewusstsein, das Standing einer Linken stärken, von der während und nach der Schleyer-Entführung Gehorsam, Folgsamkeit, ein Bekenntnis zur Staatsräson gefordert wurde. Aber was konnte diese in dem Land der Täter und der Springer-Presse sein? »Als Lübcke starb, wurden Hinweise auf seine Mitwirkung beim Bau von Baracken für KZ-Häftlinge als deplatziert empfunden. Nach der Ermordung von Schleyer galt die Erwähnung seiner SS-Zeit als pietätlos. Ein merkwürdiges Land, in dem das Leben von hohen Mandatsträgern nach deren Ableben zensiert werden muß«, so endet Broders Analyse. Für die Stadtrevue bestand kein Grund, der Staatsräson zu folgen.
Nachtrag: Rolf Henke starb am 4. Juli 2022, der »Graphische Betrieb Henke« druckte die Stadtrevue bis zur Mai-Ausgabe 2024. Rudolf Rau ist seit Anfang der Nuller Jahre verschollen. Henryk Broder ist heute Autor für die Springer-Presse. Alfred Biolek sollte tatsächlich nie eine Zeile für die Stadtrevue schreiben.
In der Juni-Ausgabe folgt Teil 2: »50 Jahre Stadtrevue — die 80er Jahre«




















