Mit zwei Ereignissen lassen sich die 2000er Jahre in Köln perfekt rahmen: Die bereits durch Klüngel und Filz sklerotisierte lokale SPD zerlegt sich vollends nach dem aufgeflogenen Spendenskandal um die hiesige Müllverbrennungsanlage. Am 4./5. März 2002 werden die Vorwürfe, Schmiergeld angenommen und es über ein illegales Kassensystem verwaltet zu haben, öffentlich. Zwischen 1994 und 1999 sollen mehr als 500.000 DM aus dem Umfeld des Entsorgungsunternehmens Trienekens in die Partei geflossen sein. Selbst die Bundespartei unterstellt ihren Kölner Genossen erhebliche kriminelle Energie.
Dass eine so dermaßen diskreditierte Partei bereits sieben Jahre später wieder den Oberbürgermeister stellen kann — Jürgen Roters —, liegt an einem anderen Skandal: Am 3. März 2009 stürzt im Zuge der U-Bahn-Arbeiten (die bis heute irrelevante »Nord-Süd-Achse«) das Stadtarchiv ein, zwei Menschen kommen ums Leben. Der an sich beliebte OB Norbert Schramma (CDU) versagt im Krisenmanagement und tritt im Herbst nicht wieder zur Wahl an.
Die 00er Jahre kann man getrost als bleierne Jahre abhaken. Die Plattenfirmen gehen ein, weil sie noch keine Antwort auf das illegale Filesharing haben, der WDR ruiniert sein Programm durch immer neue Sparrunden, der Kölner Stadtanzeiger fährt eine ressentimentgetriebene Kampagne gegen »Klaukids« (womit Kinder aus der Roma-Familie gemeint sind), Großinstitutionen wie Philharmonie und Museum Ludwig sind blockiert, politische Initiativen von unten wachsen kaum nach, die großen Klüngel-Skandale der 1990er bleiben ungeahndet — sieht man von dem Niedergang der SPD ab. Auch der Archiv-Einsturz wird nie vollständig aufgeklärt werden.
Dass die Stadt grüner werden soll und fahrradfreundlicher — das sind vor zwanzig Jahren noch »unkölsche« Utopien. Der bunte Neoliberalismus der 1990er hat seinen Charme verloren. In Köln reagieren Bürger ihr Ressentiment in einer AfD avant la lettre ab: Die rechtsradikale »Bürgerbewegung Pro Köln« kommt bei Ratswahlen auf fünf Prozent.
Ganz langsam zeichnet sich der Wandel ab. Philharmonie und Ludwig stellen sich neu auf, mit Karin Beier kommt eine genialische Theatermacherin nach Köln, der Archiv-Einsturz ruft eine breite Bürgerbewegung auf die Straße, junge Leute kämpfen für ein Autonomes Zentrum.
Ein Zeichen dieses Wandels ist auch die Gründung der Linkspartei 2005, die aus dem Protest gegen die brachiale Sparpolitik (»Agenda 2010«) der einstigen Mutterpartei SPD hervorgeht. Ein bundesweites Ereignis, das auch in Köln hohe Wellen schlägt. Die Stadtrevue-Redakteure Bernd Wilberg und Felix Klopotek haben im Sommer 2005 zum Kölner Gründungsprozess recherchiert.
Juni 2000
Zwei Reportagen, die 26 Jahre später noch (erschreckend) aktuell wirken: Wir besichtigen den Inneren Grüngürtel und fragen, was aus ihm — für eine ökologisch reformierte Stadt — hätte werden müssen, um nicht »Autobahnrandbegrünung« zu bleiben. Und: Wir stellen die Wohnungsselbsthilfe von Obdachlosen in Ossendorf vor.
Juli 2001
Köln will Touristen-Hotspot werden: »Die IHK und ihre Freunde haben das ärgerlichste Problem, das einer erfolgreichen Image-Kampagne Köln im Weg steht, zum Glück schon aufgespürt: Köln ist schmutzig!« Köln ist schmutzig geblieben. Die Tourist:innen scheint’s aber nicht zu stören.
Oktober 2002
Köln, NRW, Deutschland, Europa finden keinen humanen Umgang mit Geflüchteten. Wir berichten über die Kampagnen-Karawane, mit der Roma gegen ihre Zwangsrückführung ins ehemalige Jugoslawien protestieren.
August 2003
Pop kaputt. Die Musikmesse Popkomm verlässt Köln. Ist damit das Schicksal der Stadt als Medien- und Musikstandort besiegelt? Nein, es ist bloß an der Zeit, sich vom Größenwahn zu verabschieden. Ein Jahr später wird die c/o pop starten. Kompakter, lokaler, selbstverwalteter.
August 2004
Oper und Schauspiel sollen saniert werden — oder reißt’s man besser ab? Wir legen uns fest: Sanierung. Wir hatten ja keine Ahnung.
Juni 2005
Krieg gegen die Radfahrer. Dieser Titel ist 21 Jahre her und längst wissen wir: Das ist ein Stellungskrieg. Aber einer mit gefährlichen Überholmanövern. Auf Kölner Straßen wird nach wie vor um jeden Meter gekämpft.
Januar 2006
Eine Kneipenwette in der Redaktion wächst sich aus zu einer unserer meist beachteten Titelgeschichten: Wir fordern »Der Dom muss weg!«. Obwohl die Texte Satire sein sollen, geraten sie doch ziemlich ernst. Es lassen sich erstaunlich viele Argumente finden, warum das Bauwerk überbewertet ist und weg kann. Mit dieser Geschichte gewinnen wir den Kölner Medienpreis.
März 2006
Erinnert sich jemand an das »Barmer Viertel«? Das war ein einzigartiges Wohnkarree zwischen Deutzer Bahnhof und Messe. Trotz schon damals grassierender Wohnungsnot wurde es abgerissen, ohne große Zukunftsvision, zwischenzeitlich wurde das Grundstück sogar zum Parkplatz (heute ist es Teil des Messegeländes). Kurz vor dem Abriss besetzten Punks und Obdachlose die Häuser und konnten sich dort drei Monate halten.
März 2007
Wir kriegen einen Tipp: In den Monatskarten der KVB befinde sich ein RFID-Chip, von dem die KVB ihren Kunden nichts erzählt hätte (RFID = Radiofrequenz-Identifikation). Klingt paranoid, ist aber wahr. Mit dem RFID-Chip soll ein System der kontaktlosen Bezahlung eingeführt werden. Er kann aber auch sensible kundenbezogene Daten ungefragt übermitteln. Datenschützer sind alarmiert, die KVB hat natürlich nur das Wohl ihrer Kunden im Blick.
November 2007
Eine Ausstellung im Stadtmuseum feiert »40 Jahre Pop am Rhein«. Wir kommen zu dem Schluss: Der Pop lebt hier immer noch— allen Krisen zum Trotz — und hat seine Musealisierung nicht nötig.
März 2008
Gekommen, um zu bleiben: Die braune »Bürgerbewegung Pro Köln« sitzt bereits seit vier Jahren im Kölner Rat — und eine Trendwende ist nicht abzusehen. Dass zehn Jahre später die AfD bundesweit durchstartet, findet hier eine Vorgeschichte.
April 2009
Wir veröffentlichen Protokolle zum Kölner Archiv-Einsturz. Verleger Helge Malchow (Kiepenheuer & Witsch): »Für mich persönlich ist die ganze Geschichte eine Erfahrung der Hilflosigkeit. (…) Normalerweise reagiere ich als Verleger und als Mensch, wenn sich ein Problem ergibt, nach dem Motto: Was ist zu tun, wie ist das Problem zu beheben? Aber in diesem Fall kann man nichts tun, und man kann nichts beheben.« Das neue kölsche Lebensgefühl.









