So liberal kommen wir nicht mehr zusammen! Köln in den 2010ern scheint eine tiefenentspannte Stadt zu sein.
Im Frühjahr 2011 wird es offiziell: Köln hat ein Autonomes Zentrum (AZ). 20 Jahre lang wollte man es nicht, jetzt dürfen sich die jungen Leute zunächst in Kalk, später gegenüber dem UniCenter selbst verwirklichen und gegen Nazis politisieren. Selbst die CDU will sich die Liberalisierung nicht nehmen lassen. Im Sommer 2017 bekennt ein führendes Mitglied der Kölner CDU gegenüber einem Redakteur stolz, er habe sogar die Mobilnummer des Pressesprechers des AZ. Wir gönnen es ihm und verraten ihm nicht, dass Linksautonome und Zecken-Antifas keine Pressesprecher haben.
Köln hat sich für die 2010er Jahre viel vorgenommen: die Nord-Süd-Bahn wird fertig, die Generalsanierung von Oper und Schauspiel gelingt flott, der Ebertplatz wird neugestaltet, der am 27. November 2008 vom Architekturbüro Albert Speer + Partner vorgestellte »Masterplan Innenstadt« ist verwirklicht, wovon insbesondere der nun durchgängig verbundene Innere Grüngürtel profitiert. Die Stadtverwaltung denkt in »Innovationsräumen«, man ist so effektiv wie zuletzt Konrad Adenauer in den 1920ern und auch noch cool, visionär — lässig. Was ist noch drin? Zwei Fahrradbrücken über den Rhein, vielleicht noch ein Wasserbus oder eine Schnellstraße nur für Fahrräder.
Filmriss.
Nichts davon ist Wirklichkeit geworden, keine Sanierung hat reibungslos geklappt, nichts davon hat die Demokratisierung der Stadtgesellschaft beschleunigt. Überall Bauruinen, Stillstand, ratlose Touristen in der Altstadt, »Köln haben wir uns anders vorgestellt«. Zur Kommunalwahl im September 2015 gelingt es noch nicht einmal, »rechtskonforme« Wahlzettel zu drucken. 800000 neue müssen in Windeseile beschafft werden, das aber klappt wundersamerweise. Kabarettist Jürgen Becker nennt Köln den »Idiotenhügel der Kommunalpolitik«. Was schief gehen kann, geht schief.
Aber selbst das Schiefgehen geht schief, weswegen das Leben in Köln eine Wundertüte bleibt: Manchmal passieren eben doch — kleine — Wunder. Sie gehen fast alle auf bürgerschaftliches Engagement zurück, das die Stadt zulässt, stellenweise sogar fördert. Ein neuer Stil. »Der Tag des Guten Lebens«, ein nicht-kommerzielles Straßenfest, zieht durch die Kölner Veedel, und wenn Nazis durch diese Veedel ziehen wollen, kommen sie kaum einen Meter weiter. Die Kölner Zivilgesellschaft ist antifaschistisch.
Der Innere Grüngürtel bleibt zerstückelt, aber es tauchen dort Sportanlagen auf … die sogar funktionieren. Im Sommer lockt ein Wasserspielplatz. So lässt sich das Leben genießen (und man vergisst, dass mehr drin gewesen wäre). Auch der Ebertplatz belebt sich neu. Er bleibt ein Umschlagplatz für Drogen mit all den gewalttätigen Begleiterscheinungen, aber auch Familien haben wieder Platz, Künstlerinnen und Künstler starten visionäre Initiativen — das Leben auf dem Ebertplatz bleibt ein Kompromiss, ein prekärer, aber immerhin. Die Silvesternacht 2015 mit ihren Exzessen sexualisierter Gewalt ist ein Schock, der bundesweit aber viel höhere Wellen schlägt als in der Stadtgesellschaft.
Köln taumelt, das wussten wir schon 2013, in eine tiefe Wohn- und Mietenkrise. (Fast) Alle Neubau-Projekte sind nicht für Familien und einkommensschwache Leute gedacht. Veedeln wie Ehrenfeld oder der »Altstadt« von Mülheim droht die vollständige Gentrifizierung, die aber nicht so auffällt, denn das Straßenbild bleibt zuverlässig schmuddelig, wir nennen es: »Schlagloch-City«.
Köln wird Event-Stadt. Karneval, CSD, Köln-Marathon, die Kirmes in Deutz: Das sind bereits eingeführte Marken. Da geht doch noch mehr?! Diese Eventisierung reagiert durchaus auf eine Bewegung von unten: In den 2010ern nehmen sich die jungen Leute die Plätze und hängen dort ab bis weit in die Nacht. Ein neuer Sozialtypus entsteht: »Der Anwohner«, der zwar in der Großstadt leben will, dem Treiben einer Großstadt aber, nun ja, skeptisch gegenübersteht.
In der Stadtrevue-Ausgabe Mai 2015 reagiert die Redaktion auf den »Nehmen wir uns die Stadt«-Geist und den Gegendruck von oben: Wir veröffentlichen unser Manifest für das Rausgehen.
Oktober 2010Kreuzberg, Schanzenviertel — Ehrenfeld. Der einst subproletarische Stadtteil im Westen wird hip, und zwar bundesweit. Wir wittern den Ausverkauf, und unsere Leser*innen eine starke Story: Der Ehrenfeld-Titel wird eine unserer meistverkauften Ausgaben überhaupt.
Mai 2011
Kurz nach dem ersten Geburtstag ist das Autonome Zentrum akut von der Räumung bedroht. Doch die Besetzer*innen wehren sich geschickt, Polizei und Politik sind sich nicht einig, die Sparkasse, Besitzerin der Immobilie in Kalk, stellt sich im Vorfeld der Räumung dilettantisch an. So endet die Besetzung mit einem Mietvertrag für die nun Ex-Besetzer*innen.
Oktober 2011
Neues Selbstbewusstsein auf der Schäl Sick! Die Stadtteile Mülheim und Kalk brechen auf — neue Bürgerinitiativen, neue Kulturorte, neue Stadtteilinitiativen. »Kalk sind wir!«: Das können wir nur unterstützen.
Februar 2012
Stadtrevue und Kölschrock, das ist eine komplizierte Geschichte. Überhaupt nicht kompliziert ist die Fahrt unseres Musikredakteurs im Tourbus von Brings durch eine lange Nacht im rheinischen Karneval. Die Jungs sind gut drauf und trinken tatsächlich nur Mineralwasser.
Juli 2012
Die Plätze sind voll, in Köln wird italienischer Sommer gefeiert. Folge der Eventisierung oder Renaissance des öffentlichen Raums? Das Thema wird uns noch lange beschäftigen.
März 2013
Jährlich werden 1350 neue Sozialbauwohnungen benötigt, die städtische Wohnungbausgesellschaft schafft nicht mal zehn Prozent davon. Die Wohnungs- und Mietenkrise ist da, gilt aber noch als lästiges Randthema. In Stadtteilen wie Kalk oder Vingst sind auch Überbelegungen nicht unüblich: Die Bewohner*innen wechseln sich mit Schlafen und Arbeiten gehen ab, um den geringen Wohnraum überhaupt nutzen zu können.
August 2014
Kölns beeindruckendster See — ist der Kerosinsee, der sich unterhalb der Shell-Raffinerie im Süden Kölns, in Wesseling gebildet hat. Wir recherchieren die Fakten und sind schockiert. Denn die drohende Umweltkatastrophe scheint nur die Aktivist*innen zu interessieren, die schon seit Jahr und Tag über Shell aufzuklären versuchen.
Oktober 2015
In Köln wurde gestreikt — und wie, erst waren es die Kita-Erzieherinnen, dann die Briefzusteller. Häufig kämpfen die Kolleginnen und Kollegen auch gegen die eigenen Gewerkschaften, die allzu schnell den Kompromiss suchen und die Kampfbereitschaft ihrer Leute ausbremsen.
März 2016
Nach »der« Silversternacht reden wir über sexualisierte Gewalt, die Politik redet über die Verschärfung der Asylgesetze, und »Rechtspopulismus« ist in Köln wieder
ein Thema.
Dezember 2016
Noch mehr Visionen: die Architektur-Entwürfe für Rudolfplatz, Deutzer Hafen und die »Historische Mitte« werden vorgestellt. »Warum ist das Ergebnis so langweilig?« fragen wir. (Kommerzielle) Funktion schlägt Ästhetik — so die Kurzantwort. Ist aber auch egal. Die wenigsten Entwürfe wurden überhaupt realisiert.
November 2017
Spazierengehen in Köln ist das neue Rauchen. Dabei sollte die Stadt doch schon längst grüner geworden sein? Steht in irgendeinem Masterplan.
August 2018
»Ballermann ohne Strand«: Die Eventisierung schreitet unaufhaltsam voran, Karneval jetzt auch im Sommer, danach schon die E-Spielemesse Gamescom samt Ringfest, und jede Branche braucht ihr Event, drängt damit in den öffentlichen Raum. 150 Straßenfeste, die meisten davon kommerziell, Radrennen für Laien, Gastro-Events im öffentlichen Raum. Köln taumelt.
März 2019
Köln ist Musikstadt, und das heißt, es ist eine migrantische Musikstadt. Wie wichtig Köln als Produktions-, Vertriebs- und Auftrittsort für türkische Popmusiker*innen bereits in den 1970ern gewesen ist, erzählen uns die Musikarchäologen Hannes Loh und Murat Güngör.
Januar 2020
Wir starten das neue Jahr mit der in diesen Jahren kölschesten aller Fragen: Was ist denn hier gelungen? So einiges! Aber das liegt an den vielen engagierten Bürgerinnen und Bürger, die ihre Stadt lieben, und nicht an der offiziellen Politik. — Und Wuhan, was sagt uns Wuhan? Zu diesem Jahreswechsel: nichts.









