88. Gesetz: Nie wieder

Das Schauspiel Köln ist zurück am Offenbachplatz und untersucht die deutsche Lage

Frisch und neu glänzt der renovierte Erfrischungsraum, die legendäre Bar im Schauspiel Köln. Bis ins letzte Detail ist der 50er-Jahre-Charme wieder hergestellt: Glasbausteine hinter der Theke, Kubus-Lampen, helles Holz und cremefarbenes Design. Leider hat man beim ganzen Interior-Design noch die Verschattung vor den riesigen Fenstern vergessen — und so schwitzen die Journalist:innen bei der ersten Spielzeitpressekonferenz am Offenbachplatz kräftig. Zusätzlich heizt der schweißüberströmte Intendant Kay Voges mit einem gewaltigen Programm ein. In Zukunft spielt hier das Leben ohnehin eher abends: zum »besten Club von Köln« werde der Erfrischungsraum, verspricht Kay Voges. Nicht nur Premierenpartys werden hier stattfinden, sondern auch Konzerte, Raves und Diskussionsabende. Jeden zweiten Donnerstag im Monat ziehen etwa in Kooperation mit der c/o pop unter dem Namen »Hedo« Konzerte, Performances und Clubkultur ein, der Kölner Stadtanzeiger wird regelmäßig »Hinter die Schlagzeilen« blicken. Im Format »Studio on the Rocks« entwickeln sieben Schauspielstudierende Late-Night-Programme, passend zum 62. Satz des laufend weiterentwickelten Schauspiel-Manifests: »Das Schauspiel Köln ist ein Zufluchtsort, ein Kraftwerk und eine Party für alle.« Allerdings wird in Zukunft nicht alles in der Innenstadt stattfinden: Das Depot in Mülheim wird für ausgewählte Premieren weiterhin vom Schauspiel genutzt, gemeinsam mit Freier Szene und Musical.
 

Dennoch könnte das Theater in der Innenstadt nun zum brummenden Kraftwerk der Stadt werden — immerhin finden nach dem großen Eröffnungswochenende im September dort 22 Premieren statt, davon 18 Uraufführungen. Aufgeteilt sind sie in Themenblöcke. Der wichtigste und politischste: Die Lage in Deutschland, kurz vor einer Machtübernahme der AfD. Oder kurz danach, denn zur Spielzeiteröffnung werden die Landtagswahlen in Sachsen-Anhalt bereits stattgefunden haben. »Nie wieder«, lautet auch die — ­bewusst in Nazi-Symbolik nummerierte — 88. These. »Wir wollen eine gesellschaftliche Debatte anstoßen über den neuen Faschismus. Wie erkennen wir die neuen Spielarten, die verdeckten Rhetoriken und die rechtspopulistischen Taktiken?«, sagt Chefdramaturg Andreas Kerlin bei der Presse­konferenz. Ein Stück von ihm, »Moneyland«, erzählt direkt zur Spielzeiteröffnung (26.9.) von den neuen Allianzen zwischen Tech-Kapitalismus und libertärer Politik, digitaler Kriegsführung und KI-Kontrolle. Kay Voges wiederum geht — allerdings erst im Mai 2027 — in der Uraufführung mit dem Heinrich Heine-Zitat »Denk ich an Deutschland in der Nacht« mit Ko-Autorin Viola Köster den so leicht nach rechts kippenden deutschen Mythen nach (8.5.27), der deutsche Wald, der Rhein, das Heer. Eine Mischung aus True Crime-Story und Gerichtsdrama ist dagegen das Stück »Eine Sache der Auslegung«, in dem Dramatikerin Olga Bach für den Januar (30.1.27) erzählt, wie ein Rechtssystem auf unheimliche Weise nach rechts gekippt ist.

Wir wollen eine gesell­schaftliche Debatte anstoßen über Faschismus. Wie erkennen wir die neuen Spielarten, die verdeckten Rhetoriken und die rechtspopulistischen Taktiken?
Andreas Kerlin 

Aber da wir alle wissen, dass der rechtspopulistische Ruck nicht aus dem Nichts kam, soll es auch an gesellschaftliche Fragen gehen. Direkt als erste Premiere wird Kay Voges eine Komödie über den Immobilienbesitz inszenieren: »In bester Lage« von Kristof Magnusson (25.9.) thematisiert, wie sich der global-neoliberale Wahnsinn in einer Eigentümer:innen-Gemeinschaft widerspiegelt. Zuerst kommt das zum Neustart am Offenbachplatz noch »mit Humor, ohne unkritisch zu sein« rüber, so Voges. Etwas später kommen dann Themen auf den Spielplan, die untersuchen, was unsere Demokratie gefährden könnte. In dem tragisch-komischen Bühnenessay »Die Deutsche Bahn AG« verpackt Calle Fuhr seine monatelangen Recherchen und sucht nach den Gründen für die Misere des Schienenverkehrs, erzählt von gestrandeten Pendler:innen und Gratiswasser sowie hemmungsloser Profitgier und Ausverkauf (9.10.26). »Der Tag, an dem ich Cum Ex ­verstand« wiederum wird im Juni 2027 solide im Schwerpunkt ­»Theater und Journalismus« ausrecherchiert und gibt Einblick in jenen größten Finanzskandal der Nachkriegszeit, der bis heute nicht ernsthaft aufgearbeitet wurde. Gut, dass die zentrale Staatsanwältin dazu in Köln sitzt. Und nicht zuletzt gehört zur deutschen Gesellschaft natürlich auch ihre Erinnerungskultur. Eine der spannendsten Premieren ist daher die deutschsprachige Erstaufführung des ­Romans »Monster« vom israelischen Autor Yishai Sarid in der ­Regie von Itay Tiran, der in der letzten Spielzeit schon mit seiner sensiblen, schauspielintensiven Inszenierung von ­»Onkel Wanja« begeisterte. Ein Wissenschaftler, der die Shoah ­erforscht, erzählt darin, wie sich seine Forschung zur Obsession entwickelt — und er die Kontrolle verliert (30.10.).  
 

Neben so viel Politik bleibt dennoch Zeit für Klassiker. Eine »Antigone«-Überschreibung von Roland Schimmelpfennig nach Sophokles inszeniert die niederländische Regisseurin Lies Pauwels (29.01.27), Peter Handkes »Kaspar« die renommierte Regisseurin Claudia Bauer (31.10.). Auch ein großes Familienstück zur Weihnachtszeit gibt es. »Pinoccio« ist eine Pop-Opera nach Carlo Collodi (29.11.) von einer Holzpuppe mit wachsender Nase, die unbändig leben will und am Lügen nicht vorbeikommt. In der Inszenierung von Philipp Rosendahl trifft kindliche Anarchie auf ein schillerndes Zirkusuniversum.
 

Und dann gibt es auch noch den Themenschwerpunkt des Persönlichen. Wie leben wir, wie sterben wir, wie erziehen wir unsere Kinder? Regisseur Markus Öhrn widmet sich mit einem Stück von Lars Norèn der Demenz (9.4.27), der Kölner Regisseur und Theaterleiter Björn Gabriel dem Krankheitsbild der Fatigue auf Basis von persönlichen Erfahrungen und ­Interviews (20.3.27). Direkt am Anfang wird ein Stück über ungleiche Brüder und scheiternde Lebensentwürfe des Erfolgsautors Roland Schimmelpfennig uraufgeführt: »Tag und Nacht« (27.9.) Und die Regisseurin Jorinde Dröse inszeniert »Inter Alia« von der britischen ­Autorin Suzie Miller über einen privilegierten Jungen, der antipatriarchalisch erzogen werden soll. Was sehr schiefläuft. Und worüber man eben auch sprechen muss.
 

Gesprochen werden kann von nun an viel im Schauspiel Köln am Offenbachplatz — auch wenn Begrünung und Verschattung noch auf sich warten lassen. Trotzdem kann, muss sich Köln freuen. Geben wir den Bühnen die Chance, sich nach dem Sanierungs­desaster mit der Stadtbevölkerung zu versöhnen: Bahn frei für einen prallen Eröffnungs-September mit Absacker in der neuen Party-Location Erfrischungsraum.

19./20.9.: Eröffnungswochenende mit Feiern und Führungen, 25.9. (P) »In bester Lage«, 26.9. (P) »Moneyland«, 27.9. (UA) »Tag und Nacht«

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