Alles unter drei Himmeln

Gute Nachrichten für Köln: Das Festival Three Skies entwickelt die Night of Surprise weiter und präsentiert aktuelle Musik für — und in — ganz Köln

Seit 2014 ein fester Termin im Kölner Konzert- und Festival-Kalender: Die Night of Surprise präsentierte im Stadtgarten — all area — ein Feuerwerk der aktuellen Musik, von Free Jazz bis Post Punk, von Weltmusik bis Elektroakustik, von Neuer Musik bis New Wave. Fast schon obsessiv lud Kurator Thomas Gläßer Musikerinnen und Musiker ein, die vorher noch nicht in Köln zu hören waren. Und das alles zu freiem Eintritt.

Nach der zehnten Ausgabe letztes Jahr (2020 und 2021 fiel die Nacht pandemiebedingt aus) war es Zeit, für den nächsten Schritt. Aus der Night of Surprise wird dieses Jahr Three Skies, ein dreitägiges Festival, das die musikalische Entdeckerlust mit einer urban-räumlichen kombiniert.

Besonders soll das Festi­val sein, sagt Gläßer im Gespräch, aber nicht speziell. Ein feiner Unterschied, aber einer ums Ganze

Der Stadtgarten bleibt eines der Zentren, der Abschlussabend am 17. Oktober findet im dortigen Konzertsaal und im Kellerclub Jaki statt. Aber Gläßer und sein Kurator-Kollege Kieran Kaul haben die Klosterkirche Heilig Geist an der Lindenstraße und das legen­däre Ladengeschäft Stoff-Pavillon Moeller an der Hahnenstraße dazu gewonnen, außerdem dabei: Gewölbe und Theater im Bauturm. Wer geschickt ist, erfährt noch von den Secret Concerts, deren Spielstätten, wenn überhaupt, erst an den Abenden selbst verkündet werden.

Besonders soll das Festival sein, sagt Gläßer im Gespräch, aber nicht speziell. Ein feiner Unterschied, aber einer ums Ganze. 2025 haben sie einen Open Call initiiert: Die Artists der letzten Jahre waren aufgerufen, ihre Lieblingsmusiker, ihre Neuentdeckungen und Geheimtipps zu nennen. Das Kuratieren wurde an die Künst­ler zurückgegeben. Aus ihren Vorschlägen wurde, mit einigen Feedback-Schlaufen, die nächste Festival-Liste ausgewählt. So war bewerkstelligt, dass für die Night of Surprise 2025 nicht länger die nerdigen Vorlieben einiger weniger Kuratoren zu hören waren, sondern ein sehr weit aufgefächteres Bild weltweiter Avantgarde-Szenen. Eine hundertfach geteilte künstlerische Integrität macht Programm, nennt es Gläßer. 

Wir wollen Musik auswählen, die durch mehrere Filter passt, beschreibt er die grundsätzliche Programm-Idee. Musik soll als Jazz und als Clubsound, als Klang­installation und als Punk-Konzert erlebt werden. Nicht nur horizontal nebeneinander (das aber auch), sondern als vertikales, geschichtetes Erlebnis. Three Skies arbeitet das Programm des letztjährigen Open Call weiter ab und stellt es selbstbewusst in sehr unterschied­liche räumliche Zusammenhänge. Dafür wird dieses Jahr erstmals Eintritt erhoben, 20 Euro pro Abend, 50 Euro für den Festivalpass (macht übrigens zwei Euro pro Konzert).

Das Programm ist opulent: Es umfasst eine Acht-Kanal-Installation, die die Komponistin Lea Bertucci für den Kölner Early-Music-Flötisten Norbert Rodenkirchen konzipiert hat und die in der bereits erwähnten ehemaligen Klosterkirche zu hören sein wird. Es umfasst aber auch afrofuturistische DJ-Sets von Catu Diosis und Crystallmess. Rohe Minimal-Punk-Musik der Londoner Still House Plants trifft auf einen aufwändigen Schlagzeug-Elektronik-Clash, den Dirk Rothbrust (Ensemble Musikfabrik) und Jan Werner (Mouse On Mars) inszenieren. Georg Vogel spielt auf einem spezialgefertigten Klavier die gerade so heiß begehrte mikrotonale Musik. Das Jon Elbaz Quartet zelebriert überraschend straighten Jazz (mit überraschend großen Freiheiten), der Schotte KAVARI bekannten britschen ­Chaos-Techno in der Nachfolge von Aphex Twin. Bobby Beethoven macht klassische Clubmusik, ­Mariam Rezaei extremistischen Turntablism. Und Fred Moten ist gar kein Musiker. Deshalb klingen seine Performances so besonders frei. 

»Alles unter dem Himmel« — Tianxia — ist das klassische chinesische Konzept für politische und soziale Harmonie. Der Himmel ist unüberschreitbar, aber er ist auch weit — über ihm ist nichts, unter ihm viel Platz. Kein ganz harmloses Bild. Three Skies kann man mit dem Tianxia assoziieren. Aber die Tatsache, dass wir von drei Himmeln sprechen, womit vordergründig nur die Festivalabende gemeint sind, zeigt einen Bruch an, eine Inkommensurabilität. ­Unter den Himmeln versammeln sich immer noch alle in Harmonie, aber er ist eben nicht mehr ein Himmel. Man muss Unterschiede aushalten, Musik, die in sich harmonisch ist — auch wenn sie atonal klingt —, aber nicht länger harmonisch, »anschlussfähig«,  zur Musik im nächsten Raum. Ein bisschen so wie die zersplitterten, aber ­verheißungsvollen Erzählstränge in einem französischem Nouveau Roman. Eine Master-Erzählung braucht es nicht. 

Zum Schluss unseres Gesprächs wünscht sich Thomas Gläßer mehr Mut und Experimentierlust angesichts sozialer Ungewissheit und verfallender Institutionen: Wenn wir sie nur verteidigen, wird nichts besser; wenn wir was Neues wagen, können wir vielleicht noch gewinnen. Das Neue beginnt unter anderem mit den Three Skies.


Fred Moten & Brandon Lopez

Moten ist ein Schwarzer Jazz-Adornit — ja, tatsächlich ein Leser und Interpret Adornos —, der musi­kalisch in der Tradition von Amiri Baraka steht, aber nicht dessen machistische, antisemitische Obsessionen mitmacht. Schwarzer Adornismus? Das klingt so plausibel, als verkündeten wir, der König von Frankreich besuchte nächsten Monat den Kölner Dom. Weder konnte Adorno Jazz leiden — und das war kategorisch und bezog sich nicht nur auf »Unterhaltungsjazz« — noch ist er als Theoretiker des (Anti-)Rassismus bekannt.

Moten, der Performance Studies an der New York University unterrichtet, entdeckt aber in Adornos Meditationen über das Nicht-Identische, über das, was ­abweicht vom Konformen — und notwendig abweichen muss, um nicht unterzugehen oder sich selbst zu verraten —, eine Beschrei­bung von Schwarzer Überlebens- und Widerstandspraxis. Was Adorno auf Neue Musik Arnold Schönbergs oder die Dichtung von Paul Valéry bezog, bestimmt Moten für den Schwarzen Alltag — und für die Musik, die aus diesem Alltag erwächst. Das sind Blues und Jazz. Moten ist kein Musiker, noch nicht mal ein Poet, der mit viel Pose krasse Texte deklamiert. Er ist einer jener Schriftsteller, die zwischen Theorie und Prosa, zwischen persönlichen und sozialhistorischen Reflexionen  nahezu ansatz­los wechseln können (siehe auch Saidiya Hartman oder Frank B. Wilderson III).

Das macht seine Texte auf eigen­tümliche Weise musikalisch. Sie sind frei von Genre-Konventionen und folgen — wie bei einer gelungenen Improvisation — nur ­ihren eigenen Gedanken und Assoziationen. Mit dem Bassisten Brandon Lopez hat er einen kongenialen Partner gefunden, der perkussiv klopfend, summend, den Bass streichend und zupfend, mit dem schweren Instrument in Tanzbewegungen übergehend eine ganze Band andeuten kann. Und so erwächst aus einem spröden Setting — Moten sitzt stoisch vor seinem Laptop, Lopez hat nur seinen Bass — eine Wunderwelt der politisch und musikalisch radikalen Imagination. 

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