Eigentlich ist Herbert Fritsch eine sichere Bank, ein Garant für radikalen Quatsch, Provokation und gute Laune. Fritsch, Jahrgang 1951, langjähriger, gefeierter Schauspieler der Berliner Volksbühne, polarisiert als Regisseur mit exzessiven Inszenierungen, in denen der Inhalt schnurzpiepegal, und die Form alles ist. Diese Kränkung musste die auf Intellekt gepolte Stadtheater-Landschaft erst einmal verkraften.
Spätestens 2012 hat Fritsch sie dann aber mit »Murmel Murmel«, einem Stück des Dada- und Aktionskünstlers Dieter Roth, in staunende Begeisterung versetzt, oder zumindest in mürrische Anerkennung: 80 Minuten wird darin nur ein einziges Wort gesprochen, »Murmel«, wieder und wieder, nachdenklich, hysterisch, rhythmisch, gesungen, gegrölt, bis zum Abwinken. Die Inszenierung ist übrigens komplett auf Youtube zu sehen.
»Rabatz!« kommt nun ganz ohne Text aus — und anfangs sogar ohne Menschen. Auf der grellroten Bühne im Depot 1 steht nur ein schwarzes Häuschen. Fast unbemerkt rutscht es plötzlich ein Stück nach links — oder war das Einbildung? Nein, es bewegt sich wirklich, bemüht unauffällig, und das allein ist schon lustig. Minuten später kommt ein kleiner, autonomer, in alle Richtigen beweglicher Scheinwerfer angefahren, sucht Kontakt, macht Faxen, verbeugt sich.
Dann schleudert das Häuschen sieben schwarz-weiß geschminkte Spieler:innen aus sich heraus, und der menschliche Rabatz könnte beginnen. Doch die sieben tun vor allem das, was die Bühne, das Licht und der strenge Galeeren-Sound vorgeben: Sie stapfen im Rhythmus, karikieren Opern-Arien, spielen im Sekundentakt immer neue Emotionen. Taucht ein Lichtbalken auf dem Boden auf, balancieren alle drauflos wie Gameboy-Figuren: Schritt um Schritt, bis sie mit dem Kopf gegen die Wand knallen.
Von der »anarchischen Energie«, die dem Rabatz als Form der Rebellion im Programmheft zugeschrieben wird, ist wenig zu spüren. Eher wirken die Figuren eingeschlossen in Maschinenlogiken, strengen Regeln, kollektiven Aufgaben. Energie baut sich nicht auf, sondern verpufft.
Klar, es wird wohl Absicht gewesen sein, Erwartungen zu wecken und diese zu enttäuschen. Das wäre mutig und würde etwas über die Menschheit erzählen. Doch dafür will der Abend zu offensichtlich gefallen. Vielleicht muss man sich entscheiden: sichere Bank oder Rabatz. Letzterer sollte dann gern auch jünger, diverser und vor allem wirklich provokant und unberechenbar sein.
Schauspiel Köln, Depot 1, 7.12., 18 Uhr






