»Arthousekino ist oft so konventionell wie Actionfilme«

Der schwedische Regisseur Ruben Östlund über seinen Cannes-Gewinner The Square, Youtube und seine Probleme mit zeitgenössischer Kunst

Ihr Film »The Square« ist eine Tragikomödie, die in der Kunstszene spielt. Welchen Bezug haben Sie zu zeitgenössischer Kunst?

 

In Museen für zeitgenössische Kunst und Galerien sieht man überall ähnliche Dinge, ob im MoMA oder in Stockholm. In jedem Museum gibt es ein paar Neon-Leuchten mit Sinnsprüchen, Werke von Warhol und Lichtenstein, irgendwelche Installationen. Auf mich wirkt das wie teure Briefmarkensammlungen, die schön anzuschauen sind, aber nichts mit der Welt da draußen zu tun haben. Als Duchamp vor hundert Jahren ein Urinal zum Kunstwerk erklärte, war das eine Provokation. Aber heute hat es diese Wirkung nicht mehr. Trotzdem scheint es, als ob genau das mit den ewig gleichen Mitteln immer wieder versucht wird.

 

Was ist Ihrer Meinung nach das Problem der heutigen Kunstszene?

 

Ich glaube, es sind ähnliche Probleme wie im Kino. Wie bricht man Konventionen? Ich hätte genauso gut eine Satire über die Filmbranche drehen können. Nur freuen sich die meisten Filmleute, wenn man sich über sie lustig macht. Damit hätte ich nur offene Türen eingerannt.

 

Nimmt sich die Kunstszene ernster? Wie waren die Reaktionen dort auf Ihren Film?

 

Erstaunlich positiv. Das Centre Pompidou in Paris will ein Screening des Films machen, das Moderna Museet in Stockholm auch. Sie fühlen sich überhaupt nicht auf den Schlips getreten, im Gegenteil. Ich glaube, insgeheim stimmen mir die meisten zu.

 

Wo sehen Sie den Unterschied zwischen Kunst- und Filmbranche?

 

Ich bin Dozent für Regie an der Universität in Göteborg, dort gibt es auch einen Kunststudiengang. Und während wir den Filmstudenten vor allem praktisches Wissen vermitteln, werden die Kunststudenten mit Theorie bombardiert. Ich habe den Eindruck, das ist eine Obsession, die sie lähmt, etwas Originelles zu kreieren. 

 

In welchem Bereich gibt es heute noch künstlerische Innovationen?

 

Ganz sicher im Internet. Einige der spannendsten Momente lassen sich in Amateurclips auf Youtube finden. Gerade habe ich ein Video eines neunjährigen Mädchens gesehen, das eine Kamera auf dem Kopf hat und zum ersten Mal von einer Skischanze springen will. Wie sie mit ihrer Angst umgeht und schließlich wagt, was sie noch nie zuvor getan hat, ist von einer Intensität und Wahrhaftigkeit, die den meisten Filmen heute völlig abgeht, weil sie sich auf Erzählstrukturen statt Emotionen konzentrieren.

 

Aber ist das Kunst?

 

Für mich ist es Kunst. Und sehr viel bessere Kunst als etwa diese Steinspiralen von Robert Smithson.

 

Gibt es etwas Positives, das Sie bei Ihren Recherchen über die Kunstwelt gelernt haben?

 

Es gibt einzelne Künstler, die ich mag. Und ich habe großen Respekt für bestimmte Personen in der Kunstszene, ob Kuratoren oder Museumsdirektoren. Aber diese Welt unterscheidet sich gar nicht sehr von der Filmbranche. Man muss sich die Rosinen aus einer Unmenge mittelmäßiger und schlechter Künstler und Werke herauspicken. Mich hat allerdings überrascht, dass im Kunstbetrieb immer behauptet wird, Geld habe keinen Einfluss darauf, was ausgestellt wird. Dabei ist offensichtlich, dass Spender und Sponsoren von Museen sich sehr wohl einmischen. Die Werke dürfen also nicht allzu kontrovers sein. Das Moderna Museet in Stockholm etwa hat Mohammed-Karikaturen abgelehnt, weil sie damit Geldgeber verprellt hätten. Aber sie würden natürlich nie zugeben, dass diese Entscheidung mit ihren Spendern zu tun hat. 

 

Ihre Filme sind eine Gratwanderung zwischen Autorenfilm und Unterhaltungskino. Wie zugänglich muss Filmkunst sein?

 

Ich sehe keinen Widerspruch darin, zugleich unterhaltend und relevant zu sein. Ich drehe ja Filme, weil ich etwas kommunizieren will. Ich würde nie etwas machen, wenn ich nicht denken würde, dass ich damit etwas zur herrschenden Debatte beitragen könnte. Arthousekino ist leider oft genauso konventionell wie eine Romantikkomödie oder ein Actionfilm. Wenn man ein bisschen an der Oberfläche kratzt, bleibt nicht viel übrig. Sie sagen oft nicht mehr über die Welt, in der wir leben, als irgendein Mainstreamfilm. Wenn ich ins Kino gehe, möchte ich begeistert werden und etwas erleben, das ich bisher nicht kannte. Und begeisternd ist, wenn mich ein Film auf neue Weise zum Nachdenken bringt über mich und die Zeit, in der ich lebe. Das ist mein Ziel als Zuschauer und als Regisseur.

 

 

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