Artischocken Untergrund und noch viel mehr

Unter dem Namen Philara macht ein Düsseldorfer Immobilienentwickler seine erstklassige Sammlung dem Publikum zugänglich. Mit Veranstaltungen, DJ-Sets und gut kuratierten Kooperationen hat sie sich in den letzten zehn Jahre zu einem Fixpunkt der rheinischen Kunstwelt entwickelt

Weiße Wände gibt es auch in der Sammlung Philara, doch ist das Ausstellungshaus im Düsseldorfer Stadtteil Flingern weit entfernt vom klassischen White Cube. Während zeitgenössische Kunst die Hallen füllt, verweisen Stahlträger und Krananlage auf die Geschichte dieses Ortes. Seit 2016 ist die Sammlung Philara in der ehemaligen Glasfabrik Lennarz zu Hause, deren industrieller Charme bis heute nachwirkt. Kritzeleien aus dem Glasereibetrieb säumen noch immer die Pfeiler, vom Dach mit begehbarem Skulpturengarten fällt der Blick auf die Zugtrasse, die einst der logistischen Versorgung der Fabrik diente.

Philara liegt in einem Hinterhof in der Birkenstraße und damit an einem Standort, der sich in den vergangenen Jahren zu einer der wichtigsten Adressen der Düsseldorfer Kunstszene entwickelt hat. Galerien, Ateliers und Off-Spaces prägen die Nachbarschaft. Die Sammlung ist Teil eines künstlerischen Umfelds, das ebenso gewachsen ist wie sie selbst.

Mit dem Sammeln begann der Unternehmer und Kunstliebhaber Gil Bronner bereits in den 1990er Jahren. Geboren in Düsseldorf, wuchs Bronner in einer Sammlerfamilie auf, die sein Interesse für Kunst prägte und förderte. Auf den ersten Kauf, das Gemälde »Der Seher« (1990) von Miguel Ángel Campano, sollten weitere folgen; inzwischen umfasst der Bestand über 2.000 Werke — von Malerei und Skulptur über Fotografie und Film bis hin zu konzeptuellen Arbeiten.

Über Jahrzehnte gewachsen, folgt die Sammlung weniger einer kunsthistorischen Chronologie als den Spuren persönlicher Verbindungen und ästhetischer Entscheidungen ihres Gründers: Positionen der Düsseldorfer und rheinischen Kunstszene treffen auf ostdeutsche Stimmen, die Bronner während seiner Zeit in Leipzig entdeckte, internationale und junge Künstler*innen auf etablierte Namen. Katharina Sieverding, Thomas Ruff, Andreas Gursky oder Hito Steyerl sind ebenso dabei wie Werke von Eduardo Chillida, Alexander Calder oder Rashid Johnson.

Was als private Leidenschaft begann, entwickelte sich im Laufe der Jahre zu einem öffentlichen Projekt. Die enge Verbindung zur lokalen Kunstszene reicht dabei weit zurück.

Bereits in den 2000er-Jahren übernahm Bronner die ehemalige Leitz-Fabrikanlage in Düsseldorf-Reisholz, die er nicht allein für die eigene Kunstsammlung nutzte, sondern für Ausstellungsprojekte öffnete. Mit der wachsenden Sammlung wurde ein Raum notwendig, der ihr gerecht werden und sie öffentlich zugänglich machen konnte. In der stillgelegten Industriebrache in der Birkenstraße fand sich schließlich ein geeigneter Ort. Das neue Ausstellungshaus bedeutete auch eine Veränderung im Selbstverständnis der Sammlung, wie Gil Bronner rückblickend im Interview beschreibt: »Anfangs habe ich gedacht, die Sammlung kann dem neuen Gebäude nicht standhalten — diese Phase, so mein Gefühl, ist langsam vorbei. Das Selbstverständnis für die Sammlung ist da. Ich müsste nicht unbedingt Neues dazu kaufen.«

Das Gebäude bietet den nötigen Platz für den gewachsenen Sammlungsbestand und großformatige Installationen wie etwa »Artichoke Underground« (2013) von Jonah Freeman und Justin Lowe. Die permanente Installation erstreckt sich über 13 verbundene Räume auf mehreren Ebenen und lädt mit ihrer symbolischen Vielfalt und labyrinthischen Struktur dazu ein, immer wieder neu entdeckt zu werden. Aus kulturellen Fragmenten und Erzählungen entsteht eine Architektur, die mitunter an Romanwelten eines Thomas Pynchon erinnert.

Auf rund 1.700 Quadratmetern präsentiert die Sammlung Philara wechselnde internationale Positionen der Gegenwartskunst und immer wieder Teile der Sammlung Gil Bronners. Der Ausstellungsort ist zugleich eine Plattform für künstlerische Entdeckungen: So waren hier unter anderem erste Ausstellungen von Mercedes Azpilicueta und Sumi Anjuman in Deutschland zu sehen. Den Auftakt zum Jubiläumsjahr bildete die Gruppenausstellung »Heimspiel« mit Künstler*innen, die die Sammlung in den vergangenen Jahren in unterschiedlichen Funktionen mitgeprägt haben. Auch Kooperationen mit der Düsseldorfer Kunstakademie sind fester Bestandteil des Programms.

Die Jubiläumsausstellung Balagan steht für das lebendige Nebeneinander unterschiedlichster Positionen: eine sympathische Ungeordnetheit und Ungezwungenheit

Philara versteht sich längst nicht nur als Ausstellungsort: Tanz- und Theateraufführungen, Lesungen, Konzerte sowie Diskursformate erweitern das Programm ebenso selbstverständlich wie Rollerskate-Disco und Voguing-Night. So ist ein Kunstraum entstanden, in dem unterschiedliche Formen künstlerischen Ausdrucks zusammenfinden und Zugänge für ein breiteres Publikum möglich werden.

Der Titel der Jubiläumsausstellung »House of Balagan«, die im Juni eröffnet wurde, steht selbstbewusst für den Charakter dieses Hauses. Philara präsentiert sich als ein Ort, dessen Identität sich zwischen persönlicher Sammlungsgeschichte und öffentlicher Auseinandersetzung mit zeitgenössischer Kunst bewegt. Das Wort Balagan — das vom Persischen über das Russische seinen Weg ins Hebräische fand und ein turbulentes wie produktives Durcheinander bezeichnet — steht für das lebendige Nebeneinander unterschiedlichster Positionen: eine sympathische Ungeordnetheit und Ungezwungenheit, die auch die Sammlung prägen. Werke aus unterschiedlichen Phasen der Sammlungsgeschichte treffen aufeinander und zeigen ein Panorama von Weggefährt*innen und künstlerischen Beziehungen.

Zu sehen sind Bronners erster Sammlungskauf, aber auch die Fotografien Christoph Westermeiers, die Einblicke in Bronners Lebens- und Sammlungswelt gewähren. Raumgreifende Installationen von Melissa Gordon und Tarik Kiswanson begegnen kleinen Papierzeichnungen von Rosa Loy oder Corinne von Lebusa. Mit »Spot on: Marcel Dzama« wird eine Reihe von Arbeiten des kanadischen Künstlers präsentiert — darunter Tusche- und Aquarellarbeiten, Diorama und Film. Arbeiten von Hanne Darboven und George Grosz treffen auf Marianna Simnett und Kinke Kooi. Neben ausgewählten Werken aus der Sammlung von Bronners Eltern wird die Schau durch Leihgaben seiner Kinder Philip und Lara ergänzt — ihre Vornamen verschmolzen zum Kofferwort, das dem Ausstellungshaus seinen Namen verlieh.

Die Offenheit bewahrt sich die Sammlung auch mit ihrem Blick nach vorn. Für Bronner ist das Sammeln eine fortlaufende Entwicklung, die sich nicht festschreiben lässt. »Ein Ausblick? Ich werde keinen Ausblick für die nächsten zehn Jahre geben. Ich sammle seit 30 Jahren und es ist ein Prozess, aber auch ein ausführliches Hobby«, resümiert er. »Ich habe immer gesagt, die Sammlung wird mal ein Eigenleben entwickeln. Es gibt Projekte, die mir am Herzen liegen, und die ich weiterverfolge, mit verschiedenen Künstlern und Künstlerinnen. Und ich habe Lust auf weitere Sammlungspräsentationen. Nur festlegen will ich mich nicht.«  

House of Balagan — JUBILÄUM! 10 Jahre Sammlung Philara, Birkenstr. 47, Düsseldorf, bis 14.2.2027; Fr 16–20 Uhr, Sa & So 14–18 Uhr, Eintrittspreis frei wählbar

Mach mit: Gemeinsam sichern wir unabhängigen Journalismus für Köln!
→ Ja, ich abonniere die Stadtrevue!
→ Ja, ich erwerbe einen Anteil der Stadtrevue-Genossenschaft!

Tagnacht – Kölns Gastro-Guide. Essen, Trinken, Ausgehen in Köln: alle Küchen, alle Veedel! Hol dir ein Abo und erhalte als Prämie die tagnacht 2025/26 gratis dazu. 

Stadtrevue abonnieren →

Alle Prämien ansehen →

Unsere Magazine

tagnacht – Kölns Gastro-Guide: Essen, Trinken, Ein­kaufen, alle Küchen, alle Veedel, die besten Adressen der Stadt. 
ansehen / bestellen →


Raum 5 – Der Design Guide für Köln/Bonn: Neues und Schönes, Porträts und Tipps sowie 300 Design-Adressen. 
ansehen / bestellen →


alma — Das Kölnmagazin für Studis: Alles, was wichtig ist für den Durch­blick an der Uni und das Leben in der Stadt.
ansehen / bestellen →


kurzundklein – Ein ganzes Jahr Köln mit Kindern: Akti­vi­täten und Aus­flüge, Familien­politik, Stadt­leben, Adressen. 
ansehen / bestellen →


weiter! — Aus- und Weiter­bil­dung in Köln und der Region: Der Pocket-Guide mit rund 200 Adressen und vielen nütz­lichen Infos.
ansehen / bestellen →