Auf dem falschen Gleis

Die Bahn will in Nippes zwei weitere S-Bahn-Gleise bauen. Die Anwohner protestieren

Nur wenige Schritte sind es von Anna Florenskes Wohnung in der Werkstattstraße bis zum Bahndamm. Oben rattern Güterzüge, ICE und S-Bahnen nahezu im Minutentakt, doch unten ist es vergleichsweise idyllisch. Ein kleiner Rad- und Fußweg führt vom S-Bahnhof Nippes in die Autofreie Siedlung, entlang an Bäumen und einer großen Wiese. Erst vor zwei Jahren ließ die Stadt hier weitere Bäume pflanzen. »Das ist unsere grüne Lunge, sie ist immens wichtig für das Klima hier im Viertel«, sagt Anna Florenske. Dann zeigt sie auf eine prächtige Linde. »Dieser alte Baum hat einen Kronendurchmesser von über 30 Metern«, sagt sie. Doch Florenske fürchtet, dass es mit dem grünen Idyll bald vorbei sein könnte.

Schon seit 2007 nämlich will die Bahn ein »südliches Zuführungsgleis« bauen, das S-Bahnen spätabends in eine Abstell- und Werkstattanlage und frühmorgens wieder aus ihr herausführt — kreuzungsfrei und ohne Rangierbewegungen, wie sie derzeit nötig sind. Dafür sollen die Schienen in Höhe des Sechzigviertels vom Bahndamm herabgeführt werden, um dann ebenerdig zu verlaufen. Schon heute trennen den Wohnblock an der Straße Am Ausbesserungswerk nur wenige Meter vom Bahndamm — in Zukunft rücken die Züge noch näher heran, und das auf Bodenniveau. Viele Anwohner sind überzeugt, dass die Planer nie vor Ort waren. »Sonst plant man doch so etwas nicht«, glaubt Florenske. Sie sei nicht gegen den Ausbau. »Aber er muss anders gemacht werden, sonst ist es mit der Lebensqualität vorbei.«

Der Ausbau muss anders gemacht werden, sonst ist es mit der Lebens-qualität vorbei Anna Florenske, Anwohnerin

Das sah bislang auch die Politik so. Der Stadt gehört ein Grundstück, das die Bahn für den Ausbau benötigt. Im Jahr 2008 meldete der Stadtentwicklungsausschuss »grundsätzliche Bedenken« gegen die Bahnpläne an — einerseits, um die Anwohner vor Lärm zu schützen, aber auch, weil man Zweifel hatte, ob das Vorhaben wirklich so dringend erforderlich sei, wie die Bahn es darstellte. Doch in der vergangenen Sitzung im Mai nahmen die Politiker ihre Bedenken auf Bitten der Verwaltung zurück. Die Bahn habe beim Lärmschutz nachgebessert, hieß es. Und auch daran, dass der Ausbau dringend notwendig sei, gebe es keinen Zweifel mehr: bis 2040 soll sich die Zahl der S-Bahnen im Großraum Köln verdoppeln und der »Abstellbedarf« in Nippes entsprechend steigen, so erläuterte es ein Vertreter der Stadtverwaltung in der Bezirksvertretung Nippes. Zudem habe die Bahn neue, längere S-Bahnen bestellt, für die die Werkstatt nun ausgebaut werde. 2030 sollen die neuen Bahnen in Betrieb gehen — bis dahin müssen die Gleise fertig sein, hieß es.

»Die Bahn hat schon vor zwanzig Jahren von besonderer Dringlichkeit gesprochen, blieb dann aber immer wieder untätig«, sagt Stefan Hitzke, der sich mit der Anwohnergemeinschaft Nippeser Westen von Beginn an gegen die Ausbaupläne engagiert. Dreimal hat die Bahn im Planfeststellungsverfahren ihre Pläne inzwischen überarbeitet. Lärmschutzwände seien darin überhaupt erst auf ihre Einwände hin aufgetaucht, sagt Hitzke. »Substanziell aber ist die Planung unverändert«. Dabei gäbe es Alternativen, sagt Hitzke und verweist auf Vorschläge, die Planer im Auftrag der Anwohnergemeinschaft entwickelt haben — etwa, die Güterzüge zu verlegen und damit einen kreuzungsfreien Weg der S-Bahnen ins Depot zu ermöglichen. Doch die Bahn hat alle Vorschläge abgelehnt. 

Die Anwohner feiern in diesen Tagen das zwanzigjährige Bestehen ihres Veedels, das auf dem Gelände des ehemaligen Eisenbahnausbesserungswerks entstand. Auch die Autofreie Siedlung gehört dazu. »Als die Menschen hier einzogen, haben einige bei Verkäufern und Bahn explizit gefragt, ob zusätzliche Anlagen geplant seien. Das wurde verneint«, sagt Hitzkes Mitstreiter Matthias Jungck. Kurze Zeit später gab die Bahn ihre Pläne bekannt, Anwohner fühlten sich getäuscht. 

Aber es gibt auch andere Stimmen im Veedel. »Sicher ist bei der Planung noch Luft nach oben. Aber es wäre doch absurd, wenn ausgerechnet die Anwohner der Autofreien Siedlung den Ausbau des Schienenverkehrs ablehnten«, sagt Kathrin Schmitt vom dortigen Nachbarschaftsverein. Natürlich werde ein Stück Natur zerstört. Aber irgendwo müsse es eben passieren, »damit die S-Bahn endlich wieder zuverlässig ist«. 

Schön sei das nicht für die Anwohner, gibt auch Ralph Sterck (FDP) zu, der den Streit um die Gleise von Beginn an im Stadtentwicklungsausschuss verfolgt hat. Auch höhere Lärmschutzwände seien da bloß »weiße Salbe«. Doch der Ausbau sei notwendig. Außerdem komme bald noch viel mehr auf Köln zu: S-Bahnhaltestellen an Aachener Straße, Weißhausstraße, Bonner Wall, zusätzliche Gleise zwischen Hauptbahnhof und Hansaring. »Dafür müssen zig Häuser abgerissen werden«, so Sterck. »Das südliche Zuführungsgleis in Nippes ist da nur das Vorspiel.«   

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