Man kann sich eine bittere Anmerkung nicht verkneifen. HipHop war vor 40 Jahren die beste Musik überhaupt, d’accord. Den vielen, vielen »goldenen Jahre« dieser Musik, dieser Kultur, dieser Geisteshaltung, die mit den unübersichtlich vielen Veröffentlichungen des Wu Tang Clans schließlich ihren Höhepunkt und Abschluss fanden, war allerdings ein unangenehmer Geschmack beigemischt: endemische Frauenverachtung, ungehemmter Sexismus. Was hat der Popjournalismus damals nicht alles unternommen, um das irgendwie geradezubiegen, kleinzureden und zu »kontextualisieren«!
Rückblickend wirkt das peinlich. Denn die Alternative zum Relativieren wäre ganz einfach das Empowern, zumindest Einfordern von feministischem HipHop gewesen. Dass es den gab und gibt, dafür steht Akua Naru exemplarisch.
Auf ihren Alben löst die 1978 in New Haven geborene und lange Jahre in Köln lebende und arbeitende Poetin diese Forderung ein: Ja, ein feministischer, humanistischer, auf universelle Solidarität und Kooperation setzender HipHop ist möglich— selbstverständlich auf dem höchsten Niveau, auf dem die Improvisationsästhetik des Jazz, der tighte Swing des Funk und die Härte von Disco und House verschmelzen. Auf sechs Alben hat sie mittlerweile ihre Haltung erprobt.
Naru ist mittlerweile an der Universität Santa Cruz Literaturprofessorin für HipHop und nutzt die akademische Freiheit, das Werk der Soziologin Tricia Rose: »Longing To Tell: Black Women Talk About Sexuality and Intimacy« künstlerisch fruchtbar zu machen. Daraus ist ihr Bühnenwerk »Longing To Tell — A Blues Opera« entstanden. Im Mai wird sie es mit Jazz-Musikern, darunter dem großen Konzeptualisten Tyshawn Sorey, der nicht nur hinterm Schlagzeug sitzen wird, sondern auch die musikalische Leitung übernommen hat, und dem Klassik-Ensemble Resonanz in der Philharmonie aufführen.
Das Material, das sie verarbeitet, ist zu widerständig, zu eigensinnig, dass genug Schwung und Druck besteht, der Versuchung zu widerstehen, im Klassizismus zu erstarren. Sorey ist ein Meister der Synthese, die er über die souveräne Beherrschung der Zeit erzielt. Seine Musik pendelt traumwandlerisch zwischen Tradition (Rhythmus) und Moderne (freies Schweben). Ein Wissen, das sich Naru zu eigen macht — für ihre eigenen Texte, die die Brücke schlagen von der schwarzen — feministischen — Geschichte des Widerstandes zur selbstbewussten Positionierung in der Gegenwart.
stadtrevue präsentiert
»Longing to tell — a Blues Opera«, So 3.5., Philharmonie, 20 Uhr







