Blutdunst und Pulverdampf

Das Zentrum für verfolgte Künste in Solingen zeigt uns DADA als Antikriegs-Kunst

DADA am Rande von Solingen — das klingt wie ein Gag, den sich die Dadaismus-Trickster Kurt Schwitters, Raoul Haussmann oder Franz Jung hätten ausdenken können. Besagter Rand von Solingen ist in Zeiten der Totalmisere des rheinländischen ÖPNV kaum noch mit Bus und Bahn zu erreichen. Aber das Reise-Abenteuer lohnt unbedingt.
 

Denn zwischen Solingen-­Zentrum und dem pittoresken Gräfrath findet sich das Zentrum für verfolgte Künste. Es versteht sich als Aufklärungsmuseum, es möchte künstlerische Erfahrungen zwischen 1914 und 1989, dem »Zeitalter der Extreme« (Eric Hobsbawm), dokumentieren. Die Erinnerung an verfolgte, häufig auch ermordete Künstler:innen soll bewahrt werden, ihre Kunst, die sich mit dem Schrecken ihrer Zeit auseinandergesetzt hat, soll helfen, auch den Schrecken unserer Zeit zu befragen.
 

Dass die aktuelle Ausstellung sich der Dada-Kunst, vielmehr: dem Dada-Aktivismus, widmet, passt da erschreckend gut. Die Betonung liegt auf: Erschrecken. Wir entdecken diese Bewegung zwischen Zürich, Paris, Köln und Berlin nicht wie so häufig als unbekümmerte Anarcho-Vergnügungskunst, als Performance-Spaß zwischen »Épater le bourgeois« und Grotesktanz, sondern als Kunst, die aus dem Krieg kommt, dem Weltkrieg, von dem man damals noch nicht wusste, dass es bloß der Erste von Zweien werden würde. Die Dada-Aktionen zeigen, dass die Künstler:innen schon ahnten: Wenn mit diesem Regime, das 1914 zum Weltkrieg führte, nicht gründlich gebrochen wird, dann lässt der nächste nicht lange auf sich warten. Dada währte, nach seinem Urknall im Zürcher Cabaret Voltaire 1916, nur wenige Jahre. Schon 1921 transformierte sich diese Bewegung in Surrealismus, Rätekommunismus und Neue Sachlichkeit. Aber wer durch diese Schule gegangen war, war sensibilisiert: (fast) alle früheren Dada-Künstler flohen nach 1933 aus Deutschland.
 

»Sperren Sie endlich Ihren Kopf auf!«, den Titel der Ausstellung, der auf ein Motto der Ersten Internationalen Dada-Messe (Berlin, 30.6.–25.8.1920) zurückgeht, mag man noch als künstlerische Großmäuligkeit verstehen. Es war aber ein dringlicher Aufruf. In Solingen lernen wir Dada de facto als politische Radikalaufklärung kennen. Im Mittelpunkt stehen George Grosz (1893–1959), der in unzähligen Zeichnungen die körperlichen Deformationen der Menschen unter deutsch-bürger­licher Herrschaft sarkastisch ausstellt, und John Heartfield (1891–1968), der Urvater des Memes, also der pointierten Foto-Montage. Klar, auch Schwitters und sein Lautgedicht »Ursonate« kommt vor, der Kölner Maler Heinrich ­Hoerle, der in seiner Sezierung der Maschinen-Menschen nicht weit weg ist von Grosz, zum Glück viele Frauen — Angelika Hoerle, Hannah Höch oder Valeska Gert —, natürlich Emmy Hennings und Hugo Ball, die Gründer des Cabaret Voltaire. Alles wichtige Leute. Aber es sind Grosz und Heartfield, die sich als die unermüdlichen Aktivisten gegen Krieg und gegen die zunehmend repressive Nachkriegsordnung erweisen. Sie sind vielleicht nicht die fantasievollsten Künstler der Bewegung, aber die klarsten. »Dada ist willentliche Zersetzung der bürgerlichen Begriffswelt«, lässt sich Grosz zitieren.

Man ist erstaunt, wie unbekümmert anti­militaristisch die ­Künstler:innen auf­traten. Sie wollten ­wirklich »Nie wieder Krieg«

Die Formenzertrümmerung, die man spontan mit Dada assoziiert — die Plastiken aus zerrupften Schaufensterpuppen, die Lautgedichte, die Bild-Collagen, die mit Material aus Boulevard-Presse und Werbeannonce arbeiten, die ironische Selbstinszenierung als »Großkünstler« —, erweist sich als durch und durch politisches Statement. Auf den Krieg, den großen Körperzertrümmerer, kann man eben angemessen nur mit Formenzertrümmerung reagieren. Denn »die Form wahren«, das ist die Hülle bürgerlicher Moral mit ihren Werten Aufopferung, Unterordnung, Einverstandensein … Wer die Form gewahrt hat, konnte auch in den Krieg ziehen (lassen). Nach dem Krieg herrschte unter dieser bürgerlichen Form bloß noch Verwesung: Raffgier, Selbstgerechtigkeit, Hass auf revoltierende Arbeiter:innen, Sehnsucht nach dem Kaiser oder dem Führer. In seiner »Symphonia germanica« von 1919 lässt der Dada-Komponist Erwin Schulhoff (1894-1942, er wurde von den Nazis verschleppt und starb an den Folgen der Internierung) kakophonisch Größenwahn — »Deutschland, Deutschland über …« —  in zerfetzten Melodien enden.
 

Heartfield provoziert durch das Collagieren heterogenen Materials schockhafte Einsichten: Jesus trägt jetzt ein Hakenkreuz, denn sein altes Kreuz war noch nicht schwer genug — ein bitterböser Kommentar aus dem Jahr 1933 auf die Kumpanei des Vatikans mit den Nazis. Grosz dagegen schneidet die Form, also das Selbstbild, das das deutsche Bürgertum von sich entwirft, genüsslich auf. Bösartige Menschen, geizig und garstig, treten hervor, mit ein paar Härchen, Schweinsäuglein und deformierten Köpfen.
 

Gleichzeitig — und wirklich überraschend — ist Dada konstruktiv. Das demonstrieren vor allem die Dadaistinnen, deren Kunst für eine neue Freiheit der Körper und Geschlechter steht. Es ist die Schönheit, nicht mehr konformistisch sein zu müssen. Die Performances Valeska Gerts beeindrucken immer noch. Dada sollte auch Heilung sein. Erst mal alle Moral, allen Konformismus kaputt hauen, dann kann man wieder aufbauen.
 

In zehn nicht-chronologischen Abschnitten kann man sich im Museum durch die kurze Dada-Geschichte schlängeln. Man ist überrascht, wie nah die Collagen von Heartfield der heutigen Meme-Kultur sind, nur dass er keine harmlosen Individuen vorführt, sondern auf die Mächtigen zielt. Und man ist erstaunt, wie unbekümmert antimilitaristisch die Künstler:innen auftraten. Sie wollten wirklich »Nie wieder Krieg«, das unterscheidet sie von den ästhetisch oberflächlich verwandten italienischen Futuristen.
 

Eine Schulklasse hat die Ausstellung besucht und ist offensichtlich angehalten worden, ihre Assoziationen zu notieren. Die Blätter der Schülerinnen und Schüler kleben dankenswerterweise noch an einer Säule. »Schizophrenie / Krankheitliche Ausgrenzung / Depression zuerst da?« steht auf einem Blatt, »John Heartfield / Wahrheit / Krieg / Warum / Kalt Wahnsinn verrückte Menschen« auf einem anderen. Es sind überwiegend düstere Assoziationen, die die jungen Leute da notiert haben. Wenn sie gutes Lehrpersonal an ihrer Seite hatten, wird man ihnen hoffentlich erzählt haben, dass es bei Dada auch um Mut ging, den Schutt der alten Welt beiseite zu räumen, damit etwas Unbefangenes entsteht.
 

Es hat nicht sollen sein: »The Menace« heißt das Aquarell, das Grosz 1934 malt. Mit ihm endet die Ausstellung. Hitler ist ein Gespenst aus Blutdunst und Pulverdampf — der neue Schrecken ist eingetreten. Den Dadaisten ist nur die Flucht geblieben, den wenigen, die ausharrten, die Verfolgung und der Tod. 

»Sperren Sie endlich ihren Kopf auf!«, Zentrum für verfolgte Künste Solingen, Wuppertaler Straße 160, Bis 13.9., Di–So 10–17 Uhr

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