Allein das Japanische Kulturinstitut bietet im Sommerloch strukturiert Gutes und Wahres aus der Kinogeschichte. Was heißt: Man kann sich ganz und gar dem Genie des Schauspielers Tatsuya Nakadai hingeben, dem dort seit Juni eine Retrospektive gewidmet wird. Es kann gut sein, dass der im vergangenen Jahr verstorbene Nakadai der größte japanische Filmschauspieler seiner Zeit, wenn nicht gar aller Zeiten war — doch wahrgenommen wurde zuerst vor allem Toshirō Mifune, etwas später auch noch Shintarō Katsu, beide wegen ihres expressiv-physischen Spiels. Nakadai war das genaue Gegenteil. Allein mit seinen auffälligen Augen, ein, zwei Blicken, konnte er zum Ausdruck bringen, wofür Mifune — mit dem er zusammen in Akria Kurosawas Überklassiker »Die sieben Samurai« (1954) spielte — grummelnd durchs Bild springen musste.
Mifune hatte einen extrem hohen Wiedererkennungswert, selbst wenn er Figuren ruhiger anlegte, wohingegen Nakadai meist unbemerkt blieb, da man, seiner unbestreitbaren Präsenz zum Trotz, immer nur seine Rolle sah. Nakadai war außerdem versatil: einen sadistischen Maler in Shirō Toyodas flamboyanter Literatur-Adaption »Portrait of Hell« (1969) gab er genauso wie einen unterdrückt-aufrührerischen Dörfler in Kei Kumais »Rise, Fair Sun« (1973), eine existentialistische Chiffre in Hiroshi Teshigaharas stilisiertem »The Face of Another« (1966) wie einen Kleinkriminellen in der Korruptionsstudie »Black River« (1957) von Masaki Kobayashi, dem für seine Entwicklung wie Karriere wichtigsten Regisseur.
Aber: Nakadai — und deswegen war er ein Star und nicht bloß ein Topschauspieler — hatte ein Cinegenie, das seinen Figuren, dem, was er mit seinem Handwerk herstellen konnte, immer noch ein gewisses Mehr verlieh — Tiefe, Ambivalenz. Diese Mischung aus Chamäleon und Charisma ist etwas sehr Rares. Aber vielleicht auch etwas, das sich vermitteln, lehren, weitergeben lässt? Zumindest ist es bemerkenswert, dass sich die Qualitäten des berühmtesten Schülers von Nakadais 1975 gegründeter Schauspielschule, Kōji Yakusho, Hauptdarsteller von Wim Wenders »Perfect Days« (2024), mit denselben Worten beschreiben ließen. Man kann niemandem beibringen, ein interessanter Mensch zu sein, aber man kann vermitteln, einen interessanten Menschen zu spielen.







