Die Wände der Bar sind bordeaux gestrichen, der polierte Holztisch im Foyer strahlt Retro-Charme aus, rot-golden leuchten die neuen Theaterstühle im Saal. Auch die Toiletten sind frisch renoviert. Nächtelang haben Frank Oppermann und sein Team geschuftet. Zur Eröffnung im August strahlt das kleine Theaterhaus in der Platenstraße einladend, stilvoll, in warmen Farben. Ein Jahr stand das Gebäude mit Geschichte leer. In den 1930-Jahren hieß es Rhenania-Saal, dann beherbergte es mehrere Kinos, einen Supermarkt, die Bühne der Kulturen der Welt und das Urania-Theater des Ensemble Phönix. Aber vor allem spielte hier auch die legendäre Millowitsch-Familie.
Nun erwacht der Spielort als Theater&Ehrenfeld zu neuem Leben. Erstmal, so erzählt der neue Leiter Frank Oppermann, hat er die ganze Platenstraße eingeladen zu einer Gratisvorstellung von »Das kunstseidende Mädchen«. Und nun, schon nach zwei Wochen, so Oppermann, seien Ausgaben und Einnahmen ausgeglichen.
Es ist mutig, in Zeiten der Kulturkürzungen ein neues, ungefördertes Theater ausgerechnet in Köln zu eröffnen, wo an kleinen Theatern ja wahrlich kein Mangel besteht. Oppermann erzählt, wie es dazu kam. Eigentlich leitet er in der achten Spielzeit das Kleine Theater Bad Godesberg, ein charmantes Privattheater mit einem soliden Programm aus Drama, Musical und Komödie. Doch die Lage zurzeit ist schwierig. Viele Theater in NRW schließen, etwa die Komödie in Wuppertal oder das Rathaustheater in Essen. Bad Godesberg ist durch die Sperrung der Nordbrücke kaum noch anzufahren und bald werden hier jahrelang weder Zug noch Straßenbahn halten. »Es klingt wie ein Witz«, sagt Frank Oppermann, »aber Zuschauer wissen — real oder gefühlt — nicht mehr, wie sie zu uns kommen sollen. Sie wollen ja nicht auf einen Abenteuertrip, sondern ins Theater.« Nun eröffnet er in Köln also eine Art zweite Spielstätte, eine Kooperation mit sich selbst. Die meisten Inszenierungen, die gezeigt werden, hatten in Bad Godesberg Premiere.
Passt das denn, ein Privattheater mit einem Programm aus Stadttheater-Stücken, Komödien und Musicals und experimenteller Freie Szene?
Lange hatte er in Köln, wo er viele Jahre gelebt hat, nach einem Theaterspielort gesucht — und entdeckte währenddessen manche vergessene Stätte. Etwa einen uralten Theaterort im ehemaligen Rautenstrauch-Joest-Museum am Ubierring. Auch die alte Spielstätte der Comedia in der Löwengasse steht immer noch leer und wartet darauf, revitalisiert zu werden. Leider fehlt ein zweiter Rettungsweg. Nach jahrelanger Suche nun der Neustart. Denn er ist mit dem Spielort in der Platenstraße mehr als zufrieden und will die Theaterbar perspektivisch auch jenseits der Spielzeiten öffnen — als Veedelstreff und lauschigen Ort. Er selbst muss zwar nun ständig pendeln, aber »99 Prozent der Schauspieler, mit denen wir in Bad Godesberg arbeiten, stammen ohnehin aus Köln«, sagt Oppermann.
Und tatsächlich findet man im Ensemble — das natürlich frei bleibt — viele Größen aus Kölns Freier Theaterszene. Etwa Anna Möbius, die in »Das Lächeln der Frauen« spielt. Oder Janosch Roloff, der in Irina Millers (Ensemble Integral) »Richard II«, das im Oktober Köln-Premiere hat, Shakespeares untergehenden König als Solonummer zeigt. Auch Felix Höfner, Julia Knaus, Yannik Hehlgans spielen bei ihm — viele der Schauspieler:innen haben ihm bei der Renovierung geholfen. Die Kontakte zur Freien Szene Kölns sind also gut, und daher wird Frank Oppermann die neue Bühne auch der Freien Szene Kölns zur Verfügung stellen. Etwa dem Nö Theater, das im Oktober bei ihm sein gnadenlos witzig-politisches Stück über die Deutsche Bahn, »Geschichten aus der zweiten Klasse«, spielt. Auch mit Studio Trafique und dem Sommerblut-Festival steht Oppermann im Kontakt, ebenso mit dem Theaterkollektiv A3, das hier den »Fall Ransohoff« bald wieder zeigen wird.
Passt das denn, ein Privattheater mit einem Programm aus Stadttheater-Stücken, Komödien und Musicals und den eher experimentellen Werken aus der Freien Szene? Für Frank Oppermann in jedem Fall. Traditionelle Grenzen zwischen Unterhaltung und sogenanntem Anspruch mag er gar nicht: »Es gibt eben verschiedene Arten, Geschichten zu erzählen. In britischen Ländern steht das selbstverständlich nebeneinander. Ich möchte die Abgrenzungen auflösen.« Er will gerne auch konservativeres Publikum mit jüngeren Zuschauer:innen zusammenbringen. Eben: Schubladen abschaffen.
Das hat er in seinem Leben bisher immer ähnlich gehalten. Eigentlich ist der 60-jährige ausgebildeter Bankkaufmann mit begonnenem Jura-Studium. Und bewarb sich im Alter von 25 Jahren doch noch an staatlichen Schauspielschulen — an der Folkwang-Universität in Essen wurde er genommen. Seitdem spielt er in einigen Stücken selbst, führt Regie, kennt in Personalunion also quasi alle Rollen, die für ein Theater wichtig sind, Kunst ebenso wie Finanzierung.
Nur das mit dem Pendeln zwischen Bonn und Köln wird herausfordernd: »Ich kann mich nicht klonen.« Wichtig ist ihm, auch in Bad Godesberg das Publikum persönlich zu begrüßen. In Köln übernehmen Gastronomie und Organisation etwa Heike Schmidt und Anna Bergmann, zurzeit führt er Bewerbungsgespräche für die Besetzung der Bar, willkommen sind Rentner:innen und Hipstern und alle, die sympathisch und kommunikativ sind.
Aber braucht Köln, in dem es vor kleinen Theatern nur so wimmelt, noch ein weiteres? Gibt es dafür überhaupt genug Publikum? Oppermann meint: ja. In Bad Godesberg sieht er seit einiger Zeit ein deutliches Anwachsen der jüngeren Publikumsschichten. Das Kulturticket, dass der AStA dort für drei Euro verkauft, werde immer stärker nachgefragt. Etwas Vergleichbares gibt es in Köln nicht. Dabei wäre das auch hier sicher mal ein guter Ansatz, um junges Publikum zu erreichen. Und auch zu zählen — eine Besucher:innenübersicht der Freien Szene etwa fehlt seit Jahren.
Oppermann ist jedenfalls davon überzeugt, dass es Theater nie genug geben kann: »Ich merke, wie sich Leute, die im Veedel wohnen, freuen, dass hier wieder Leben eingezogen ist. Theater ist der Gegenentwurf zur Vereinzelung, zur Konserve auf dem Bildschirm. Auch wenn es nicht einfach wird: Ich bin mir sicher, dass wir hier eine Lücke schließen.«
Theater&EhrenfeldPlatenstraße 32, 50825 Köln
theaterehrenfeld.de







