»Da sein und zuhören«

Seit vierzig Jahren gibt es die Oase, eine Kon­takt- und Beratungs­stelle für Menschen ohne Wohnung. Mit­arbeitende aus der Street­work vermitteln Obdach­lose an Not­schlaf­stellen und begleiten sie zum Arzt oder zu Gerichts­terminen. Ein wesent­licher Teil des Jobs: Beziehungs­arbeit

Als Agris Grundulis vor rund sechs Jahren der Sozialarbeiterin Friederike Bender begegnete, lebte er in einem Zelt im Rheinpark. Bender war gerade auf ihrem täglichen Rundgang durch die Stadt unterwegs, bei dem sie obdachlosen Menschen Hilfe anbietet. Die brauchte der aus Lettland stammende Grundulis, denn er hatte seinen Ausweis verloren. Also machte Bender einen Termin bei der Botschaft in Berlin aus. Doch dann kam Corona, die Ämter schlossen. Grundulis ging kurz vor dem Lockdown nach Spanien, lernte auf den Straßen dort jonglieren — und kehrte zurück nach Köln, wo er sich seitdem an einer Ampel am Mediapark als Jongleur Geld verdient. Wieder traf er Friederike Bender, die von ihren Klient:innen »Rika« genannt wird. »Rika, wir kennen uns doch!«, rief Grundulis. So erzählt der 35-Jährige seine Geschichte bei einem Treffen in der Oase, er nutzt dabei eine Mischung aus Englisch und Deutsch. Auch Bender ist in die Einrichtung nahe der Poller Wiesen gekommen. Ihre Arbeit, sagt sie, beginne meist damit, dass sie Menschen anspreche: »Ich stelle mich vor und erkläre, was ich mache.« Im Gesprächs­verlauf ergäben sich dann potenzielle Anliegen. 

Friederike Bender kümmert sich als Streetworkerin um obdachlose EU-Bürger:innen, die hauptsächlich aus Südosteuropa kommen. Ihre Kolleg:innen aus der Streetwork kon­zen­trieren sich auf Menschen, die zum Beispiel bestimmte Drogen gebrauchen oder Anspruch auf Sozialleistungen haben. Benders Klient:innen, sagt sie, gingen in Köln meist betteln, um ihre Familien in der Heimat ernähren zu können. »Beliebte Bettelplätze sind Orte mit einem hohen Aufkommen von Passant:innen«, sagt Bender. Also läuft sie bei ihren Rundgängen durch Einkaufspassagen oder über die Hauptstraßen der Innenstadt. Außerdem bekommt die Streetworkerin von Bürger:innen Rückmeldung, wo sich Ob­dach­lose aufhalten.

Ich bin schon so lange obdachlos, das muss sich ändern. Ich will ein gutes Leben für meine FamilieAgris Grundulis

Bender vermittelt die Menschen dann zum Beispiel an die Not­schlaf­stelle in der Vorgebirgsstraße für EU-Bürger:innen, wo sie in ihrer Muttersprache beraten werden können. Oder sie begleitet ihre Klientel zu Gerichtsterminen und zum Arzt. »Es geht darum, Menschen über ihre Rechte aufzuklären«, sagt Bender. »Ein ganz großer Teil ist aber auch Beziehungsarbeit.« Sie konzentriere sich darauf, »da zu sein und zuzuhören«. »Für Manche kann ich auch gar nichts weiter tun«, erklärt Bender. »Ich habe schon auf der Straße sterbenden Menschen ein Lied vorgesungen.« 

Obdachlose wollen das bestehende Hilfsangebot auch nicht immer wahrnehmen: Die Notschlafstellen etwa, sagt Bender, mieden viele wegen des schlechten hygienischen Zustands oder mangelnder Privatsphäre. Auch Agris Grundulis schläft lieber im Zelt: »Die Notschlafstellen sind nicht gemacht für ­jemanden, der keine Drogen nimmt«, sagt er. Eine Woche lang habe er eine Unterkunft ausprobiert, »aber dann brauchte ich wieder meine Ruhe«. Früher hat auch Grundulis Drogen genommen und viel getrunken. Seine Familie in der Heimat brach den Kontakt ab, er landete auf der Straße. Das ist nun 15 Jahre her. Grundulis möchte dieses Leben nicht weiterführen. »Ich bin schon so lange obdachlos, das muss sich ändern«, sagt er. »Wenn du trinkst, vergisst du deine Probleme. Aber ich habe damit aufgehört«.

Die Worte sprudeln nur so aus dem jungen Mann heraus. Er lacht viel, wirkt optimistisch und aufgedreht. Mit seiner Freundin Kateryna Bulka, die er in der Überlebensstation Gulliver am Hauptbahnhof kennengelernt hat, erwartet Agris Grundulis ein Baby. »Ich will ein gutes Leben für meine Familie«, sagt er. Deshalb hat er sich mit Benders Hilfe erneut um einen Termin bei der Botschaft gekümmert und jetzt einen Pass erhalten. Damit möchte Grundulis nun auf Arbeitssuche gehen. Im Moment leben er und seine Freundin von seinen Jongleurkünsten und ihrem Bürgergeld. Bulka ist nun ins Mutter-Kind-Heim in ein Familienzimmer gezogen, in dem wahrscheinlich auch Grundulis wohnen kann. 

Eine eigene Wohnung, sagt Bender, fänden Hilfesuchende aus der Oase im Normalfall sehr selten. Das bestätigt Benders Kollegin Susanne Alff-Schrameck, die in der Kontakt- und Beratungsstelle arbeitet. Die Kontaktstelle beinhaltet eine Kleider­kammer, eine Essensausgabe und einen offenen Treff. Alff-Schrameck beobachtet immer mehr Bedürftige: Seitdem sie in der Oase arbeitet, hat sich die Anzahl der Postadressen verdoppelt, die die Oase für wohnungslose Klient:innen ohne postalische Erreichbarkeit einrichtet. »2009 hatten wir 150 Adressen eingerichtet. Jetzt sind es 300«, sagt Alff-Schrameck.

Obdachlosigkeit kann jeden treffenChristina Bacher, Draussenseiter

»Als ich in der Oase anfing«, erzählt die Sozial­arbeiterin, »hatte ich mir Wohnungs­losen­hilfe anders vorgestellt. Ich dachte, man hilft Leuten, eine Wohnung zu finden.« Doch dafür sei der Wohnungs­markt viel zu ange­spannt, es gebe zu wenig sozialen Wohnungs­bau — und so gut wie niemand wolle an wohnungs­lose Menschen vermieten. Zwar vermietet die Oase zehn Plätze in drei Wohnprojekten in Köln. Die Miet­ver­hält­nisse in den jeweiligen Apartments sollten laut Alff-Schrameck eigentlich zeitlich befristet sein, damit sich Mieter:innen von dort aus eine dauerhafte Wohnung suchen können. »In der Realität leeren sich die Plätze in den Wohnprojekten aber hauptsächlich dadurch, dass jemand stirbt.« Deshalb gehe es für Alff-Schrameck oft eher darum, als Beraterin die Frustration und Verzweiflung der Menschen durch emotionale Unterstützung aufzufangen.

Agris Grundulis hat jetzt mehr Perspektiven. Mit seinem neuen Pass will er nach Arbeit beim Gulliver fragen. »Ich möchte etwas Soziales machen«, sagt er. Ein Job im Gulliver, erklärt Friederike Bender, wäre zunächst auf ein Jahr befristet und würde einen Deutschkurs beinhalten: als Maßnahme für die weitere Integration in den Arbeitsmarkt. »Letztens sind wir ein bisschen ins Träumen geraten«, sagt Bender. Die beiden hätten über eine Ausbildung für Grundulis nachgedacht. Denn der möchte auch langfristig in der Obdachlosenhilfe arbeiten. Bis dahin wird es wohl noch eine Weile dauern. Aber das stört Grundulis nicht. Er sagt, er habe »keinen Stress«: »Im Moment ist alles gut. Das war mal anders, ich kenne den Alltag auf der Straße«. Grundulis schaut seine Freundin an und legt den Kopf auf ihre Schulter. »Aktuell kann ich keine schlechten Dinge finden im Leben.« Und dann lächelt er sein breites Lächeln, das ihm an diesem Tag schon öfter übers Gesicht gezogen ist.


Die Oase und ihre Projekte

Die Oase ist eine Kontakt- und Fachberatungsstelle für Wohnungs- und Obdachlose: Menschen, die ohne eigenes Zuhause in einer Unterkunft schlafen oder gar kein Dach über dem Kopf haben. Gegründet wurde die Oase vor 40 Jahren von wohnungs- und obdachlosen Menschen, die sich über ihre Rechte austauschen wollten. Der Pfarrer Karl-Heinz Kreutzmann stellte ihnen dafür einen Raum in der Herz Jesu Kirche am Zülpicher Platz zur Verfügung. Das Zimmer hieß »Oase« und gab dem Verein, der ein paar Jahre später daraus entstand, seinen Namen. Ihr Jubiläum feiert die Oase am 29. Mai. Die gemeinsam mit dem Verein Deutzkultur ausgerichtete Party steigt in der Holzhalle, Alfred-Schütte-Allee 6a, von 17 bis 22 Uhr, der Eintritt ist frei. 

Kurz darauf steht der nächste Termin der Oase an: Am 19. Juni wird wieder ein öffentlicher sozialer Stadtrundgang namens »Der doppelte Stadtplan« angeboten. Dabei erzählen ehemals oder aktuell Obdach- und Wohnungslose aus ihrem Leben. Es geht zum Beispiel um den Alltag und die Zustände in den Notschlafstellen, um Sicherheit und Gewalt, Einsamkeit und Scham — und darum, inwiefern Überleben ein Vollzeitjob ist. Die Stadtführer ermutigen die Teilnehmenden, Fragen zu stellen. »Es gab noch keine Frage, die wir nicht beantwortet haben«, sagt Stadtführer Mike Suerbier. Er und seine Kollegen verkaufen außerdem das älteste Straßenmagazin Deutschlands, den »Draußenseiter«, der von der Oase herausgegeben wird und von Obdachlosen gegründet wurde. Die Verkäufer des Draußenseiters gehen seit Januar auch in Schulen und erzählen aus ihrem Leben; das Projekt heißt »Draußenseiter macht Schule«.

Draußenseiter-Chefredakteurin Christina Bacher bezeichnet all diese Angebote als Aufklärungsprojekte, die es obdach- und wohnungslosen Menschen ermöglichen, wieder ein Teil der Stadtgesellschaft zu sein. »Man verbindet Menschen durch Dialog miteinander«, sagt die Journalistin. »Die Stadtrundgänge haben außerdem etwas präventives.« Wer wisse, wo die Suppenküchen und Kleiderkammern der Stadt seien, wer also diesen »zweiten Stadtplan« kenne, der könne sich selbst und Bekannten in Not besser helfen. »Denn Obdachlosigkeit«, erklärt Bacher, »kann jeden treffen.« Einer der Stadtführer sei mal ein »Top-Manager« gewesen.

Der soziale Stadtrundgang wird etwa vier Mal im Jahr öffentlich angeboten. Tickets für den für den nächsten und übernächsten Rundgang gibt es für 20 Euro bei Köln-Ticket. Gruppen können sich an tour@draussenseiter-koeln.de wenden und nach einem Extra-Termin fragen.

Oase-Jubiläumsparty
Fr 29.5., Holzhalle, 17–22 Uhr
Stadtrundgang
»Der doppelte Stadtplan«
Fr 19.6. + Fr 7.8., Treffpunkt Ebertplatz, 15 Uhr 
Tickets bei Köln-Ticket
Termine für Gruppen unter tour(at)draussenseiter-koeln.de

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