Anfang Dezember 2025 auf einem Waldstück am Kölner Stadtrand. Eine nahe Autobahn sorgt für das Hintergrundrauschen. Es ist um die Mittagszeit, ein heller Tag. Die Bäume sind fast kahl, die abgefallenen Blätter bedecken den Boden der kleinen Lichtung. Aber nicht den ganzen Boden: Fünf gerade, parallele Linien wurden freigelegt und zeigen nun die dunkle Erde. Auf oder zwischen diesen Linien stehen an fünf Stellen jeweils zwei Personen und blicken in die Kamera von Olaf Hirschberg, der die Szene von einem erhöhten Standpunkt fotografisch festhält.
Das Foto zeigt eine lebendige Partitur. Man müsste sich allerdings schon sehr gut auskennen, um in dieser bühnenbildartigen Situation einen Takt aus einem Lied von Leoš Janáček (1854–1928) zu erkennen. Waldmotive spielen nicht nur in dem zitierten Stück, sondern im ganzen Werk des tschechischen Komponisten eine wichtige Rolle. Die Verkörperung seiner Noten an diesem Ort hätte ihm vielleicht zugesagt.
Seit über zwanzig Jahren realisiert Ivo Weber seine Aktion »Waldfegen« an gleicher Stelle, aber immer in neuer Form und mit wechselnden Besetzungen. In jedem Jahr lädt der Künstler eine andere Person aus dem kulturellen Feld ein, eine Gruppe von Waldfeger*innen zusammenzustellen. 2025 war es Jutta Pöstges, die künstlerische Leiterin des Kunsthauses KAT18, die Künstler*innen der Ateliergemeinschaft und Teammitglieder für die Aktion gewinnen konnte.
Nachdem das Foto gemacht ist, folgt der nächste Akt: Wieder greifen alle Beteiligten, die den Waldboden unter Webers Regie freigelegt hatten, zu den Rechen und verteilen das Laub wieder auf der Fläche. Auch wenn sich der ursprüngliche Zustand nie ganz wiederherstellen lässt — das Fegen ist ein Ritual, das Assoziationen aufwirbelt und Sinnschichten freilegt: von der »Kehrwoche« in Schwaben — der Künstler wurde in Biberach an der Riß geboren — bis zur buddhistischen Achtsamkeitsübung im Zen-Garten. Ganz zu schweigen von der Wald-Obsession der deutschen Romantik, die bis zu Joseph Beuys durchschlug. Andere Wurzeln reichen zu den Markierungen der Landschaft in der Land Art der 1970er.
Wiederholungen und Kreisläufe sind dem Wald und der Praxis des Fegens eingeschrieben — ein Grund mehr dafür, dass auch Ivo Webers »Waldfegen« eine zyklische Kunstform geworden ist.







