Das erste Mal sah ich Udo Kier als Kind bei einem Bummel mit meinen Eltern auf der Ehrenstraße. Als wir am Café des ehemaligen Broadway-Kinos vorbeikamen, flüsterte mein Vater: »Luur ens, Jung, da sitz dä Udo Kier. Dä hät mi’m Warhol jearbeitet. Dä is schwul.« Eine perfekte Zusammenfassung des Kier-Klischees in seiner Heimat, durchaus stolz und liebevoll gemeint, mit all der kleinbürgerlichen Irritiertheit über diese Anderen aller Art, die man aber doch irgendwie auf- und anregend fand, abenteuerlich. Udo Kier, ein Traum. Mir fiel vor allem seine Haltung auf, wie er dasaß: selbstbewusst, gelassen, jemand, der keine Angst hatte angesprochen zu werden, jemand, der ganz bei sich war.
Warhols Dracula und Frankenstein: Das waren sein Leben lang Kernreferenzen, auch weil sie Kiers weiteres Schaffen zu definieren schienen — zumindest trat er immer wieder in Horrorfilmen auf, gab des Öfteren Vampire. Selbst in Werken anderer Genres verbreitete Kier gern eine gewisse Unheimlichkeit — wie ein Fleisch und Blut gewordener gefallener Engel. Kiers ungeheuerliche Anmut und Ausstrahlung waren in gewisser Hinsicht sein größtes Problem in einer Welt, die mit Schönheit nicht umgehen kann: Man blieb fast immer an der Oberfläche hängen, auch weil Kier einfach auffiel, was ihn zu filmen schwierig machte — selbst in einer Halbtotalen mit vielen Statisten sieht man ihn sofort. Der Bann ist da. Daraus machte er ein sehr eigenes, vielschichtiges Ding: Die Kier-Persona, an die man gleich denkt, war ein Performance-Akt, den der Schauspieler Kier mit verblüffenden Nuancen durchwirkte. Das hatte alles etwas so Selbstverständliches im Gestus, dass man kaum darauf achtete, wie hergestellt, gebaut das oft war.
Hinter Kiers ungemeiner Produktivität steckte wahrscheinlich auch die Existenzangst eines aus kleinsten Verhältnissen stammenden Jungen
Ein weiterer Grund, warum Kier nie ganz so ernst genommen wurde, wie er es verdient hätte, liegt in der extremen Breite seiner Produktionen: Er hat mit vielen Granden des Jungen Deutschen Film gearbeitet (Fassbinder, Schroeter, Herzog, van Ackeren, Wenders ...), aber auch mit Exploitation-Meistern wie Eddy Saller (»Schamlos«, 1968) und Michael Armstrong (»Hexen bis aufs Blut gequält«, 1970). Er war Stammschauspieler von Christoph Schlingensief, Kleber Mendonça Filho und vor allem Lars von Trier. Er ließ es krachen mit Michael Bay (»Armageddon«, 1998), Uwe Boll (»BloodRayne«, 2005) und Steven Craig Zahler (»Brawl in Cell Block 99«, 2017). Er strahlte neben den Pin-up-Ikonen Pamela Anderson (»Barb Wire«, 1996) und Anna Nicole Smith (in dem Supertramp-Musikvideo »You Win, I Lose«, 1997), wie auch mit Pop-Göttin Madonna in ihrer Hommage an die Visconti-Fassbinder-Ära »Deeper and Deeper« (1992). Kier war nichts zu nieder und nichts zu hoch — Kier war das Kino an sich.
Hinter seiner ungemeinen Produktivität steckte neben unverstellter Neugierde wahrscheinlich auch die Existenzangst eines aus kleinsten Verhältnissen stammenden Jungen. Am 14. Oktober 1944 geboren, allein mit seiner Mutter Thekla Kierspe in Köln-Mülheim aufgewachsen, hatte er als junger Mann lediglich einen Volksschulabschluss und eine Ausbildung zum Großhandelskaufmann vorzuweisen. Wie er Eindrücke und Wissen aufsaugen und verarbeiten konnte, erzählt viel über Kiers Offenheit, Neugier und Lebensgier, über seine Geistesschärfe und Intelligenz. Und so betrat er als schöner Arbeiterklassenknabe Mitte der 60er Jahre eine Jetset-Welt, in der er Kinogewaltigen wie Jean Marais und Luchino Visconti in Nachtclubs begegnete.
Udo Kier verbrachte sein Leben aber auch ganz nah an der bildenden Kunst, mit mindestens einem halben Dutzend der weltweit bedeutendsten Künstler hat er Videos und Filme gemacht. Er selber sammelte auch Kunst, seit die Schecks für seine Arbeit größer wurden. So gesehen hat es seine Richtigkeit, dass zu seinen allerletzten Arbeiten die Titelrolle in Albert Oehlens brillantem Soloregiedebüt »Bad Painter« (2025) gehört. Zu sehen ist Kier an einer Staffelei über Malerei philosophierend, in einem tonalen Zwischenraum, wo Ernst und Parodie eins werden. Das war ein Geschenk. Und es kam gerade noch rechtzeitig, neun Monate vor seinem Tod am 23. November 2025.






