»Choose Life« — 1996 war diese Zeile der Slogan zur Zeit. Er entstammt der Filmadaption von Irvine Welshs Roman »Trainspotting«, der 1993 erschien. Der schottische Autor erzählt darin die Geschichte von ein paar Kumpels aus einer Arbeitervorstadt von Edinburgh und ihrem Leben zwischen Pubs, Heroin und gelegentlichem Sex. Mit einem Drogendeal kommen sie zu Geld und einer von ihnen, Mark Renton, verrät seine Freunde, und macht sich mit dem Geld davon. »I’m choosing life«, sagt er im Film und dieses Leben soll ebensowenig mit dem konservativen Lifestyle der britischen Mittelschicht zu tun haben wie mit seiner Edinburgher Herkunft.
Damit wurde »Trainspotting« zur perfekten Projektionsfläche für »Cool Britannia«, dem kulturellen Soundtrack zu New Labour und seiner Mischung aus weißer Pop-Nostalgie und neoliberaler Modernisierungsrhetorik. Dabei entstammen seine Figuren einem Arbeitermilieu, dessen Zerfall Welsh in Edinburgh im Laufe der 80er Jahre selbst beobachtet hat. Nur dass er davon nicht im Betroffenheitsmodus des Sozialdramas erzählt, sondern mit viel Humor.
Das ist auch in »Men in love« nicht anders, dessen Handlung unmittelbar an »Trainspotting« anknüpft und bereits das dritte Buch ist, in dem Welsh die Figuren aus seinem Erfolgsroman weitererzählt. Mark Renton ist mit seinem Geld von London nach Amsterdam durchgebrannt, lernt dort das ozeanische Wohlfühlgefühl von durchfeierten Nächten auf Ecstasy kennen, und verliebt sich in die Bohème-hafte Monique, die sich nicht zwischen der Kunst und ihren vielen Lovern entscheiden kann. Im Leben seiner alten Freunde ist er weiter präsent, besonders in dem von Simon »Sick Boy« Williamson, dem zynischen Aufreißer und Hauptcharakter von »Men in Love«.
Williamson schlägt sich in London mit einem Aushilfsjob im Rotlichtbezirk und Filmkursen am Erwachsenen-Gymnasium durch, damit er irgendwann einmal Fuß in der Porno-Branche fassen kann. Und er »lungert vor den Treffpunkten von Selbsthilfegruppen herum, bis er eine begehrenswerte Frau hineingehen sieht.« Eine dieser Frauen ist Amanda Genevieve Coningsby, die Tochter eines hohen Regierungsbeamten aus dem reichen Londoner Vorort Richmond: »Als Amanda den Saal des Gemeindezentrums betrat, wusste Sick Boy, dass es bei dieser Jagd um mehr als das Erbeuten von Trophäen ging.« Er ist verliebt.
»Men in Love« ist ein Wiedersehen mit Figuren, deren Geschichte Welsh noch nicht auserzählt hat
Er würde nicht viel recherchieren, hat Irvine Welsh mal im Interview erzählt. »Coningsby«, einen Roman des konservativen Premierministers Benjamin Disraeli von 1844 dürfte er trotzdem kennen. Darin muss ein mittellos gewordener junger Mann für die Liebe die Gunst einer konservativen Oberschichtsfamilie gewinnen — so wie es Sick Boy in »Men in Love« tun muss. Denn als Amanda ihm gesteht, dass sie schwanger ist, macht er ihr einen Heiratsantrag, den sie annimmt: »Sicher, da ist noch Amandas Vater, dieser Wichser Godfrey Coningsby, aber mit dem wird er fertig«, denkt sich Sick Boy.
In der deutschen Übersetzung geht in diesem Clash der Lebenswelten naheliegenderweise ein bisschen die Vielstimmigkeit der Soziolekte zwischen schottischem Englisch und Received Pronunciation verloren, die Welshs Texte so lesenswert macht. Schmerzhaft deutlich wird das bei Sick Boy, dessen innere Monologe kaum noch Spuren seiner Herkünfte enthalten.
Hinzukommt, dass Welsh selbst nicht immer die beste Hand für Metaphern hat. Als Sick Boy nach Paris reist, um sich beim Fremdgehen seiner Liebe für Amanda zu versichern, denkt er darüber nach, wie bald die »Jungfernhaut des Kanaltunnels« durchstochen wird. Treffsicherer sind dagegen die Kommentare zur Thatcher-Ideologie: »Dank der neuen gesellschaftlichen Hackordnung dieser rachsüchtigen Nebelkrähe in der Downing Street halten sich sogar drittklassige Pornoproduzenten und Zuhälter für staatstragende Unternehmenschefs.«
Über 500 Seiten wirkt es jedoch dann doch etwas ermüdend, wie wenig Sick Boy in seiner Mischung aus Streetsmartheit und Zynismus irritiert wird. Glücklicherweise sorgen zwei Nebenfiguren in »Men in Love« für den nötigen Comic Relief: der gewalttätige Psychopath Begbie, der stets in Großbuchstaben flucht und der Pechvogel Spud, der einer alten Dame die Geldbörse klaut, sie aber zurückgeben will, damit sie die Heizkosten bezahlen kann.
Insofern ist »Men in Love« vor allem ein schönes Wiedersehen mit Figuren, deren Geschichte Welsh noch nicht auserzählt hat. Einen Slogan zur Zeit wird »Men in Love« aber nicht prägen. Es ist auch besser so.
Irvine Welsh: »Men in Love«, Kunstmann, 560 Seiten, 30 Euro






