Mit ernster Miene kommt unser Stückbegleiter (Tim Mrosek) auf die Bühne. Es gibt schlechte Nachrichten: Das neue Stück des Nö-Theaters über die Deutsche Bahn ist nicht fertig geworden — und ohnehin ist eine der Schauspielerinnen noch nicht da. Zugverspätung. Es gibt heute Abend nur eine »Theaterersatzvorstellung«: die schönsten Bahnstrecken auf Video. Und weil das N in Nö-Theater bekanntlich für »Nice« steht, verteilt er Feedbackbögen und Fruchtgetränke.
Das erinnert nicht zufällig an die desaströsen Momente, die man auf Zugreisen erleben wird. Launig hat sich das Kölner Theaterkollektiv wieder auf Gegenwartsrecherchen begeben und sie in ein gediegenes Western-Ambiente verlegt, samt Kaktus und Schwingtür. Nach minutenlanger Warteschleife — das muss man aushalten können, wenn es um die Deutsche Bahn geht — stürmen Julia Korst, Anne K. Müller, Asta Nechajute auf die Bühne und spielen drei verkrachte Passagiere: eine verspätete Schauspielerin, eine trauernde Schäferin, eine verlassene Braut und Lokführerin.
Schön, wie sie sich aneinander vorbeidrängeln, Whiskey im Bordrestaurant zischen, über den Zustand der Schiene philosophieren, der so gut den der Gesellschaft spiegelt. Der übelste Schuldige ist schnell ausgemacht: Mäh-Dorn, der einst als überbezahlter Bahnchef nicht nur 5.400 Kilometer Nebenstrecke entfernt hat und alles kaputt sparte, sondern auch den grausamen Tunneltod von 33 Schafen nicht verhindert hat. Und dessen Börsengang und fleischgewordene radikale Privatisierungs-Ideologie für das ganze marode DB-Durcheinander erst verantwortlich ist. Als Gruselmonster taucht er im Hintergrund auf, während die Vier bei Sternenhimmel und Lagerfeuer souverän herumkalauern, mit Gitarre und Banjo treuherzige Bahn-Songs performen, uns dysfunktionale Dinge aus der Geschichte der deutschen Mobilität erzählen, die wir vielleicht auch ganz gerne nie gewusst hätten — und die dennoch schön aufschlussreich sind.
Kann es die neue Chefin richten? Sie sollte es — denn die Regiearbeit von Asim Odobašić zeigt faktenschwer und trotzdem kurzweilig auf, dass die Kombination aus Missmanagement und Menschenverachtung der Demokratie gefährlich werden kann. Der Abend sollte bei der nächsten DB-Weihnachtsfeier gezeigt werden. Vielleicht schließt das nö-Theater ja einen Werbedeal ab, denn Selbstironie wird bei der Bahn angeblich sogar in Workshops gelehrt.







