»Das türkische Arthouse-Kino ist ­wesentlich präsenter als vor 20 Jahren«

Das Filmfestival Tüpisch Türkisch findet zum 20. Mal statt — ein Gespräch mit den Macher*innen

Im Februar ging der Goldene Bär auf der Berlinale an den deutsch-türkischen Regisseur Ilker Çatak für »Gelbe Briefe« und der Große Preis der Jury an Emin Alper für »Kurtuluş«. Könnt Ihr diesen Schwung mitnehmen?

Lale Konuk: Auf jeden Fall! Wir haben uns vor 20 Jahren bei der Gründung von Tüpisch Türkisch vom Goldenen Bären für Fatih Akins »Gegen die Wand« inspirieren lassen. Damals dachten wir: Es gibt so tolle türkische Filmemacher, sowohl in der Türkei als auch in Deutschland — lass uns die präsentieren! Weil wir auch das iranische Filmfestival Visions of Iran machen, ist uns klar, dass das iranische Kino viel präsenter und erfolgreicher ist. Durch die aktuellen Preise wird das türkische Kino wieder gestärkt. 

Mit Nuri Bilge Ceylan oder Semih Kaplanoğlu hat der türkische Film einen festen Platz im internationalen Kino. Ist es in Anbetracht der vielen Menschen in Deutschland mit türkischen Wurzeln hierzulande unterrepräsentiert?

Konuk: Türkische Blockbuster laufen in deutschen Multiplexen, die haben ihr Publikum. Wir blicken mit Tüpisch Türkisch mehr auf die künstlerischen Filme ... 

Amin Farzanefar: … und die sind auf jeden Fall unterrepräsentiert. Vom türkischen Arthouse-Kino hat man jahrelang nicht so viel erwartet wie vom Kino aus dem Iran, der eher als Kulturnation gilt. Türkischen Filmemacher*innen fällt es schwer, sich gegen diese Typisierung durchzusetzen. Und durch die unterschiedliche Migrationsgeschichte ist der Anteil an Bildungsbürgern in der iranischen Community deutlich höher als in der türkischen. Auch die Schwellenangst beim türkeistämmigen Publikum, ein Arthouse-Kino zu betreten, ist größer. 

Wie hat sich euer Publikum in den letzten zwanzig Jahren verändert?

Konuk: Dass immer mehr Menschen aus der Türkei ins Exil gehen, zeigt sich bei uns daran, dass jüngeres Publikum mit höherer Bildung kommt.

Farzanefar: Auch das deutschstämmige Publikum, das ungefähr ein Drittel ausmacht, verjüngt sich. Die sind an vielen Themen interessiert und treten viel mehr in den Austausch mit dem türkeistämmigen Publikum als noch vor zehn Jahren. Das finden wir gut.

Es gibt unter hanebüchenen Vorwürfen inhaftierte Filmpro­duzent*innen, es gibt direkte und indirekte Zensur. Das ist eine sehr schwierige Situation, gleichzeitig entstehen tolle neue FilmeAmin Farzanefar

Wie hat sich das türkische Kino seitdem entwickelt?

Farzanefar: Das türkische Arthouse-Kino ist wesentlich präsenter als noch vor 20 Jahren. Andererseits gab es damals großen Optimismus unter einem Erdogan, den man als progressiv wahrnahm, weil viele Themen, die vorher tabu waren, von Filmschaffenden angegangen werden konnten. Seitdem erleben wir eine Rückentwicklung. Es gibt unter hanebüchenen Vorwürfen inhaftierte Filmproduzent*innen, es gibt direkte und indirekte Zensur. Das ist eine sehr schwierige Situation, gleichzeitig entstehen tolle neue Filme. Die Anzahl weiblicher oder auch kurdischer Filmemacher*innen ist hoch wie nie. Die holen sich ihre Räume und besetzen sie.

Ohne genauere Einblicke in das Land kann man nur erahnen, wieviel versteckte Gesellschaftskritik in den Filmen steckt.

Farzanefar: Das ist bei vielen Filmen der Fall, speziell bei den kurdischen. Das türkeistämmige Publikum sieht natürlich, was da alles an Themen drin steckt ...

Konuk: … während das deutschstämmige in der Regel erst mal von der Bildsprache, der Poesie der Bilder, beeindruckt ist. Auf die versteckten Themen gehen wir bei den Publikumsgesprächen mit den Filmemacher*innen ein. 

Farzanefar: Das Festival lebt auch von unseren Gästen aus der Türkei. Die einzuladen wird angesichts knapper Kassen aber immer schwieriger.

Konuk: Wir wurden wie viele andere aufgrund der aktuellen Haushaltslage der Stadt in der Förderung gekürzt und müssen mit etwa zehn Prozent weniger Budget auskommen. 

Im Juni startet auch wieder Euer Festival Visions of Iran. Inwiefern stellt euch der Krieg vor Herausforderungen?

Konuk: Letztes Jahr fielen zur selben Zeit Bomben auf Teheran, und die Menschen sind trotzdem gekommen. Wir bieten einen Raum, das erlebte Leid miteinander zu teilen. Kunst und Kultur bringen die Menschen in Kontakt mit ihren Emotionen. Solche kulturellen Formate genau in diesen Situationen anzubieten, wird immer wichtiger.  

Do 26.–So 29.3., Filmforum im Museum Ludwig. 
Infos: <link http: tuepisch-tuerkisch.de _blank external-link-new-window external link in new>tuepisch-tuerkisch.de

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