Definitiv lebendig!

Am 4. September feiert der Stadtgarten seinen 40 Geburtstag. Anlass genug, mit der künstlerischen Leiterin Kornelia Vossebein über Gegenwart und Zukunft dieses einzig­artigen Ortes für Jazz und ­aktuelle Musik zu sprechen

Es gibt ein legendäres Video von Ornette Coleman mit Prime Time im Stadtgarten 1987. Der Laden ist voll, nur junge Leute im Saal. 39 Jahre später: Wo siehst du den Stadt­garten heute? 

Kornelia Vosse­bein: Ich sehe ihn immer noch da. Prime Time war damals die Speerspitze der spannenden, experimentellen, forschenden, improvisierten Musik. Das versuchen wir nach wie vor abzubilden. Jazz — der Begriff wird ja von jeder neuen Musikergeneration hinterfragt. Für mich ist er ein Umbrella-Begriff für eine riesige Spannbreite aktueller, improvisierter Musik, die bis in Neue Musik, elektronische Musik und teilweise Global Pop reicht. Der Stadtgarten ist seit 2017 Europäisches Zentrum für Jazz und aktuelle Musik. Wir wollen spannende Musik auch aus anderen Genres abbilden, wenn sie etwas Neues versucht.

Wie ordnest du den Stadtgarten in die Kölner Stadtgesellschaft ein?

Trägerverein ist die Initiative Kölner Jazz Haus e.V. Sie gründete sich 1978 als Verbund von jungen Musikerinnen und Musikern, die schlicht keinen Ort zum Proben und Spielen hatten. Das war ein harter Kampf, bis 1985 der Vertrag für das leerstehende Stadt­garten­restaurant unter­schrieben wurde und 1986 der Konzertsaal gebaut werden konnte — und am 4. Sep­tem­ber eröffnet wurde. Reiner Michalke und Matthias von Welt haben dann den Stadtgarten sicher durch alle Tiefen und Untiefen der Kulturpolitik geführt. Wir wollen kein heiliger Tempel und kein Elfenbeinturm sein. Die Menschen sollen sich wohlfühlen, der Ort nahbar sein. Wir veranstalten auch Lesungen und politische Diskussionsrunden. Es geht also nicht nur um Musik. Der Stadtgarten war immer kulturpolitisch relevant. Weil wir auch ein Produktionsort sind. Seit 2019 führen wir mit Nica Artist Development das Künstlerförderprogramm des Landes NRW durch, mit Proben, Aufträgen und Residenzen.

Noch mal zum Inhaltlichen. Was hat sich im Jazz in den vergangenen Jahrzehnten verändert? 

Die Musik hat sich stark ausdifferenziert. Es gab früher mal ein großes Poster, das den Jazzbaum zeigte, es wurde regelmäßig neu aufgelegt mit immer neuen Verästelungen. Irgendwann konnte man die nicht mehr abbilden. Heute reicht Jazz in viele Genres hinein und wird zugleich von ihnen gespeist. Viele jüngere Musikerinnen und Musiker beginnen im Jazz. Das liegt auch an der Zahl der Hochschulen in Deutschland mit Jazz-Studien­gängen. Aber es geht nicht um Akademisierung, ich beobachte, dass sich die Musiker stärker öffnen und musikalisch größere Risiken eingehen.

Und das zeichnet auch die Kölner Szene aus, die sich um den Stadtgarten bildet, aus? 

Ich hoffe genau das. Schubladen sollten keine Rolle spielen. Ein Musiker wie Fabian Dudek macht inzwischen selbstverständlich elektronische und improvisierte Musik. Für mich ist das Spannende die forschende Musik: nicht wiederholen, sondern Neues erfinden wollen. Ganz wich­tig: Die Kölner Szene ist auch weib­licher geworden. Wir haben tolle jüngere Musikerinnen.

Wie macht ihr eigentlich Programm? 

Ich bin künstlerische ­Leiterin, vieles läuft über meinen Schreibtisch. Wir haben aber ein Team von Kuratorinnen und Kuratoren. Da kommen die Ideen auf den Tisch, werden geprüft und diskutiert. So kam es auch zu unserem jüngsten Festival »Houbara — Resonanzen Iran«, das 2023 entstanden ist und von Sophie Emilie Beha kuratiert wird. Im Kern sind es 120 bis 150 eigene Konzerte im Jahr. Dafür muss ich viel Musik hören. Ich bin häufig auf anderen Festivals unterwegs, das ist für mich wie eine Weinprobe: Man hört zehn Minuten hinein und weiß danach schon ziemlich viel.

Wir wollen kein heiliger Tempel und kein Elfenbeinturm sein. Die Menschen sollen sich wohlfühlen, der Ort nahbar sein
Kornelia Vossebein

Wie behält man bei 150 Konzerten den Überblick? 

Viel Erfahrung, viel Teamarbeit. Wir haben einen Belegungs­kalender, in dem jedes Konzert steht. In der Buchungs­zeit schaue ich mindestens täglich ins Organisations­system. Kuratier­tes steht ebenfalls darin. Beim monat­lichen Programm­flyer kann ich noch gegensteuern, etwa wenn auffällt, dass keine Frau auf der Bühne steht.

Ihr habt Einheitspreise, die im Vergleich ziemlich niedrig sind. 

Das stimmt, normalerweise 22 bis 25 Euro. Bei einem besonderen Gast wie zum Beispiel Bill Frisell nehmen wir auch mehr, das sind seltene Ausnahmen — und trotzdem zahlen wir da noch drauf. Klar ist auch: Als Europäisches Zentrum erhalten wir Förderung von Stadt und Land, deshalb sehen wir es als unsere Pflicht, ermäßigte Eintrittspreise anzubieten. Für uns ist die Rechnung ganz einfach: Wenn Konzerte teurer werden, kommen die Leute halt zu weniger Terminen, weil sie sich mehr nicht leisten können oder wollen. Das geht auf Kosten der anderen Musiker.

Müsst ihr mehr ums Publikum kämpfen? 

Sagen wir, wir müssen uns immer um Publikum bemühen — aus finanziellen, aber auch aus künstlerischen Gründen. Wir veranstalten die Konzerte nicht nur zu unserem eigenen Vergnügen, und wir wollen auch nicht nur die Szene bedienen. Der Anspruch ist, die ganze Bandbreite aktueller Musik anzubieten und damit ein höchst unterschiedliches Publikum anzusprechen.

Stichwort »nicht nur die Szene bedienen«: Nährt sich die hiesige Jazzszene durch die Musikhochschule selbst? 

Im Sinne von: Die Schüler gehen auf die Konzerte ihrer Lehrer? Manchmal tun sie das sogar zu wenig! Es ist toll, dass so viele Jazzkonzerte in Köln stattfinden. Für die Kölner Musiker bedeutet das aber auch, dass dieselben Namen ständig auftauchen. Manche spielen zu viel in Köln. Wenn Bill Frisell zehnmal im Jahr hier spielen würde, wäre es mit dem ausverkauften Saal schnell vorbei. Auch als Lokalheld, ist es ratsam, sich etwas zurückzuhalten. Andererseits: Die wollen spielen, die Szene ist lebendig!

Diese Mischung aus großer, aktiver Szene und Orten wie dem Stadtgarten und dem Loft, führt dazu, dass Köln mittlerweile als Jazzhauptstadt Deutschlands angesehen wird. 

Definitiv ja. Köln ist Musikstadt, und Jazz ist darin das stärkste Genre. Die Kölner Jazz-Konferenz vertritt mittlerweile über 300 Musikerinnen und Musiker. Die Infrastruktur ist sehr stark, über Jahrzehnte gewachsen, auch dafür stehen 40 Jahre Stadtgarten. Berlin ist die Stadt, nach der die meisten internationalen Musikerinnen und Musiker ziehen — für drei, vier Jahre. Köln ist die Stadt, wo man als Musiker bleiben kann.

Wo siehst du Gefahren für den Jazzstandort Köln? 

In einer nachlassenden Wert­schätzung von Kulturpolitik, gerade finanziell. Es braucht Mut, nicht überall nach dem Gießkannen­prinzip zu kürzen, sondern zu erkennen, was Köln als Jazzstadt auszeichnet. Unkluge Kürzungen können viel kaputt machen. Die Frage ist im­mer: Was ist uns diese Infrastruktur wert? In Köln funktioniert vieles im Schulter­schluss. Für Stadtgarten und Loft ist klar: Ohne Musikerinnen und Musiker wären wir nichts; umgekehrt brauchen sie die Veranstalter. Diese Symbiose sollte man nicht gefährden.

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