Den Leoparden ärgern

Von Süd nach Nord: Fünf Filme des Afrika Film Festivals, die die Vielfalt des Kinos des Kontinents zeigen

Mehr als 50 Länder mit zusammen 1,4 Milliarden Menschen, die über 2000 Sprachen sprechen, verteilt auf ein Fünftel der Landmasse der Welt — das ist Afrika. Natürlich kann das 23. Afrika Film Festival Köln nicht die ganze Komplexität des Kontinents abbilden, zumal es zusätzlich den Anspruch hat, auch Filme der afrikanischen Diaspora mit ins Programm einzubeziehen. Doch es sind Filme aus weit über zwanzig Ländern Afrikas zu sehen. Während in den frühen Jahren des seit 1992 existierenden Festivals Produktionen aus den Maghreb-Ländern, Ägypten und Südafrika überwogen, sind mittlerweile alle Regionen des Kontinents recht gleichberechtigt vertreten. Anstatt thematische Gemeinsam­keiten zu suchen, wollen wir dieser Vielfalt mit einer Auswahl von fünf Langfilmen aus fünf Ländern Rechnung tragen. Sie werfen  Schlaglichter auf einen Kontinent, der in europäischen Nachrichten fast nur auftaucht, wenn es um Kriege und Katastrophen geht.

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Südafrika: 

»Notes from the ­Underground«
»Rhythmus und Reime — das ist eine afrikanische Sache«, sagt einer der Protagonisten von Adrian Van Wyks und Chris Kets Dokumentarfilm über die Underground-HipHop-Szene von Kapstadt. Das stimmt sicherlich, aber die Besonderheit der Szene liegt vor allem in der unglaublich komplexen Zusammensetzung der kulturellen Einflüsse, die sie geprägt hat, vor allem sprachlich: Ghetto Slang, Xhosa und Englisch vermischt sich mit Afrikaans, das sich zwar aus dem Niederländischen ent­wickelt, aber Einflüsse von vielen anderen Sprachen aus der ganzen Welt aufgenommen hat. Die Regisseure geben keinen systematischen Überblick der Szene, sondern verweben ihre oral history eher assoziativ mit atmosphärisch dichten Bildern aus Kapstadt und Rückblicken auf die politischen Kämpfe gegen Rassismus und Apartheid, die eng mit der HipHop-Szene verbunden sind.

Uganda: 

»The Woman Who Poked the Leopard«
»No Roses from my Mouth« heißt ein Gedichtband, den Stella Nyanzi aus dem Gefängnis heraus veröffentlicht hat. In der Tat: Wenn die ugandische Feministin, Politikerin und promovierte Anthropologin über den autoritären Langzeitherrscher ihres Landes Yoweri Museveni schreibt, ist »ein Stück Scheiße« eher noch eine harmlose Bezeichnung. Dokumentarfilmerin Patience Nitumwesiga begleitet die Aktivistin und ihre drei Kinder über mehrere Jahre, vom Gefängnisaufenthalt Nyanzis wegen eines ihrer skatologischen Gedichte über ihren Parlaments-Wahlkampf bis hin zum politischen Exil in Deutschland. Dabei beeindruckt nicht zuletzt, wie »Die Frau, die den Leoparden ­ärgerte«, so ließe sich der Titel des Films frei übersetzen, scheinbar nahtlos wechseln kann zwischen gesitteten Fernsehdiskussionen und vulgärem Furor im Angesicht von Polizei und Justiz.

DR Kongo/Zentral­afrikanische Republik: 

»Congo Boy«
Allen Geflüchteten, die ihre Träume nicht verfolgen können, widmet der junge Regisseur Rafiki ­Fariala seinen Debütfilm. Wie sein Titelheld Robert floh auch er als Kind mit seiner Familie aus der kriegsgebeutelten Demokra­tischen Republik Kongo in die Zentralafrikanische Republik. 
Im Film versucht Robert in deren Hauptstadt Bangui durchzukommen, was alles andere als einfach ist, wenn man mit 17 für vier jüngere Geschwister sorgen muss, weil die Eltern im Gefängnis sind, und man seine Herkunft nicht preis­geben darf aus ganz realer Sorge vor Diskriminierung. Zudem versucht Robert als pflichtbewusster Sohn auf seinen Vater zu hören und seine Schulbildung erfolgreich abzuschließen. Dabei träumt er doch eigentlich von ­einer Karriere als Sänger/Rapper. Regisseur Fariala konnte seinen Traum verwirklichen: »Congo Boy« lief dieses Jahr im offiziel­len Programm des Filmfestivals von Cannes und Hauptdarsteller Bradley Fiomona Dembeasset ­gewann in der Sek­tion Un certain regard den Preis für den besten Darsteller.

Tschad: 

»Soumsoum, la nuit des astres«
Mahamat-Saleh Haroun (»Lingui«) wurde bekannt mit Filmen, die den traumatischen Folgen des langen Bürgerkriegs in seinem Geburtsland Tschad nachgehen. »Soumsoum« beginnt mit einer ganz anderen Katastrophe: Starkregen in Folge des Klimawandels hat ein Dorf im Nordosten des Landes unter Wasser gesetzt. Hier lebt die Jugendliche Kellou mit ihrem Vater und ihrer Stiefmutter. Ihre Mutter starb während Kellous Geburt, weshalb sie in der Dorfgemeinschaft als »Blutmädchen« stigmatisiert wird. Doch auch sie selber fühlt sich als Außenseiterin, denn sie suchen ­Visionen von zombieartigen Wesen heim, die aus der Vergangenheit oder Zukunft zu kommen scheinen. Aus der Prämisse, die aus einem Teen-Horrorfilm Hollywoods kommen könnte, macht Haroun eine zutiefst empathische Coming-of-Age-Geschichte, die Aberglauben interessanterweise nicht in Kon­trast zu Aufgeklärtheit setzt, sondern in Widerspruch zu älteren, vorgeschichtlichen Traditionen. Das Ganze spielt vor dem Hintergrund der spektakulären Landschaft des Ennedi-Plateaus im Tschad, die John Fords ikonisches Monument Valley geradezu profan wirken lässt.

Marokko: 

»Assarab«
1947 im französischen Protektorat Marokko. Ein arbeitsloser Land­arbeiter klagt sein Leid: Die Dinge werden sich niemals ändern, dem weißen Mann gehört die Welt und selbst Träumen wird irgendwann verboten sein. Dann ändern sich die Dinge plötzlich doch: In einem Mehlsack findet er einen Haufen Geldbündel. Um den Schatz nutzen zu können, muss er in die Stadt und das Geld umtauschen. Eine Reise in eine labyrinthische Welt zwischen Gestern und Morgen beginnt. Der einzige Spielfilm des Schriftstellers Ahmed Bouanani aus dem Jahr 1979 ist eine faszinierende Wiederentdeckung und gehört in den Kanon des Dritten Kinos, mit dem sich Filme­machende in den 60er und 70er Jahren vor allem in Südamerika und Afrika sowohl von Hollywood als auch dem europäischen Autorenkino emanzipierten. Buaranis Film ist reich an Anspielungen ­­auf die Geschichte und Literatur seines Landes und dessen mündliche Traditionen. Auch wenn viel davon einem europäischen Pub­likum verschlossen bleiben wird, die Poesie seiner Bilder und Sprache wirkt auch hier und heute.

Afrika Film Fest
17. – 27.9., div. Orte 
afrikafilmfestivalkoeln.de

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